Was wir von Computerspielen lernen können

"Ermutigen Sie Ihre Kinder zu Multiplayer-Spielen", sagt die Spiele-Entwicklerin und Zukunftsforscherin Jane McGonigal: Diese Spiele machen kommunikativ und nehmen uns die Angst vor dem eigenen Scheitern. Ein Interview zur CeBIT.

BRIGITTE.de: Sie gehören zu der ersten Generation, die mit Computerspielen aufgewachsen ist. Welche Auswirkungen hat das auf Ihr Leben?

Jane McGonigal: Wer mit Filmen aufgewachsen ist, wie die Generationen vor meiner, sucht vor allem nach einer guten Geschichte. Anders meine Generation, die Computerspiele-Generation: Wir wollen immer aktiv sein, interaktiv sein, statt passive Zuschauer. Wir suchen immer den Kontakt, die Herausforderung, das Abenteuer.

BRIGITTE.de: Sie sprechen von Interaktion, von Kontakt, dabei gelten Computerspieler als isolierte Freaks ohne Sozialkompetenz. Müssen wir unser Bild revidieren?

Jane McGonigal: Wer so denkt, denkt von einem Standpunkt der 90er-Jahre aus, als die meisten Spiele Singleplayer-Games waren. Heute sind die meisten populären Spiele solche für mehrere Personen. Da gibt es einmal die Spiele, die man mit Freunden und Familie im Wohnzimmer spielt - wie "Guitar Hero", "Rock Band", die Wii-Fitness- oder -Sport-Spiele. Die andere wirklich populäre Variante sind Online-Spiele. Hier sitzt man zwar allein vor seinem Rechner, man spielt aber online mit einigen, dutzenden oder hunderten Menschen zusammen. Durch die Spiele lernen Sie, mit anderen zusammen zu arbeiten; Sie lernen, Menschen zu finden, mit denen Sie gemeinsam etwas erreichen können.

BRIGITTE.de: Gibt es noch mehr, was man beim Computerspielen lernen kann?

Jane McGonigal: Computerspiele machen entspannter gegenüber Fehlern: Man nimmt es nicht so schwer, wenn man einmal scheitert. Denn in einem Computerspiel ist das nicht schlimm: Es ist vielmehr eine Gelegenheit zu lernen, wie man es besser machen kann. Ich glaube, das ist der Hauptunterschied zwischen Computerspielern und Menschen, die nicht spielen: Gamer haben weniger Angst vor dem eigenen Scheitern. Dadurch sind sie in der Lage, schneller zu lernen, und eher gewillt, etwas noch einmal zu versuchen.

BRIGITTE.de: Gibt es auch etwas, was Computerspiele speziell für Frauen interessant macht?

Jane McGonigal: Computerspiele können Ihrer Karriere einen Schub geben: Durch sie kommen Sie in Kontakt mit all den Online-Anwendungen und sozialen Netzwerken, die Gamer nutzen, um Strategien und Informationen auszutauschen. Sie lernen also komplexe moderne Technologien kennen - das kann im Berufsleben ein großer Vorteil sein. Außerdem ist es erstaunlich, wie aus einem Kollegen ein echter Verbündeter im Job werden kann, sobald Sie herausfinden, dass Sie dasselbe Spiel spielen. Müttern können Spiele helfen, eine engere Verbindung zu ihren Kindern zu schaffen - sie beginnen zu verstehen, warum die Kinder diese Spiele lieben. Und sie sind auch ein Weg, mit den eigenen Kindern die Freizeit zu verbringen.

BRIGITTE.de: Das klingt ja fast, als sollten Eltern ihre Kinder zum Computerspielen ermutigen.

Jane McGonigal: Ermutigen Sie Ihre Kinder zu Multiplayer-Spielen, nicht Singleplayer-Spielen. Entweder Spiele, die sie mit ihren Freunden zuhause spielen können, oder auch Online-Games. Und ermutigen Sie Ihre Kinder, sich in der Online-Kultur rund um diese Spiele einzubringen, Foren und Wikis zu nutzen - nicht nur als Konsumenten, sondern als aktive Mitglieder der Community.

BRIGITTE.de: Was soll das bringen?

Jane McGonigal: Wenn ein Kind ein Spiel liebt, entwickelt es eine unglaubliche Leidenschaft für alles, was damit zu tun hat. Gamer stellen oft hoch komplexe Berechnungen an, schreiben ellenlange Artikel. Für Außenstehende sieht das nach Arbeit aus, aber ihnen macht es großen Spaß. Vor allem komplexe Online-Games wie "World of Warcraft" bieten endlose Möglichkeiten zu schreiben und seine Fähigkeiten in Mathematik und Strategie zu trainieren.

BRIGITTE.de: Die Gefahr besteht aber doch darin, dass diese Menschen ihr echtes Leben vernachlässigen.Jane McGonigal: Ja, das ist ein Problem, da widerspreche ich nicht. Computerspiele geben Menschen soziale Unterstützung und eine Aufgabe, die wichtig und aufregend ist. Deshalb machen Spiele und die virtuelle Welt einige Menschen glücklicher als die reale Welt. Aber die Tatsache, dass manche Menschen so viel Zeit mit Computerspielen verbringen, ist kein Symptom dafür, dass mit den Spielen etwas nicht stimmt. Es ist ein Symptom dafür, dass im wahren Leben etwas schief läuft.

Die Spiele-Entwicklerin und Zukunftsforscherin Jane McGonigal forscht zu der Frage, wie Computerspiele und virtuelle Welten unsere Realität verändern und unsere Zukunft formen können - und sie entwickelt Spiele, die genau dies tun. 2006 wurde sie vom MIT Technology Review als einer der "Young Innovators under 35" ausgezeichnet. Bei der CeBIT sprach sie beim Trendforum 2009 der Deutschen Telekom.

Foto: Getty Images
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