Fatih Akin: "Sterben, um zu leben"

Fatih Akin ist der erste deutsche Regisseur seit 18 Jahren, der den Goldenen Bären gewonnen hat. Brigitte.de sprach mit dem Hamburger Filmemacher über "Gegen die Wand", Türken in Deutschland und seine Liebe zu Monique.

Brigitte.de: "Gegen die Wand" wurde bei der Berlinale ursprünglich abgelehnt, im Wettbewerb galt der Film als Außenseiter. Sie selbst bezeichneten ihn als "kleinen, schmutzigen, rockigen Film". Warum hat er trotzdem gewonnen?

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Fatih Akin: Scheinbar ist unser "kleiner, schmutziger, rockiger Film" von so universeller Bedeutung, Kraft und Überzeugung, dass er sowohl beim Publikum als auch bei der internationalen Presse und bei internationalen Filmschaffenden ankommt. "Gegen die Wand" hat ja nicht nur den Goldenen Bären, sondern auch den Preis der Internationalen Filmkritik gewonnen. Das ist äußerst selten. Ich glaube, er ist ein sehr ehrlicher Film und das hat die Jury honoriert.

Brigitte.de: Sie haben sich ja sehr um Ehrlichkeit bemüht: Sie ließen Türkinnen Ihr Drehbuch lesen, Sie haben Straßen-Castings gemacht, die Darsteller tragen ihre eigenen Outfits. Wie realistisch ist Ihr Film geworden?

Fatih Akin: Realismus im Film ist immer eine Stilfrage, denn Film ist irgendwo immer eine Lüge. Ich glaube, dass "Gegen die Wand" es geschafft hat, die Erfordernisse dieses Stilmittels zu erfüllen - durch die Originalschauplätze, die eigenen Klamotten, den spärlichen Einsatz von Licht und Inszenierung.

Brigitte.de: Beide Hauptfiguren kehren in die Türkei zurück. Ist das die Lösung für die kulturellen Konflikte, die Türken in Deutschland haben?

Fatih Akin: Nein, auf keinen Fall. Die beiden Hauptfiguren sind Außenseiter, sie sind nicht repräsentativ für die türkische Community. In der Geschichte flüchtet Sibel zwar in die Türkei, aber ob sie dort glücklich ist, erzählt der Film nur bedingt. Und Cahit ist immer noch rastlos, er zieht weiter. Es geht um Selbstfindung, und ich bezweifle, dass Selbstfindung einen örtlichen Rahmen hat.

Brigitte.de: Also kein "back to the Roots" bei den Deutsch-Türken ...

Fatih Akin: Ich weiß es nicht. Für mich ist es schwer, ein Gesamtbild meiner Generation wiederzugeben, weil ich selbst nicht repräsentativ bin. Ich bin Freidenker, Individualist, Künstler, ich bin halbwegs intellektuell. Deswegen bin ich nichts Besseres als ein Untertagearbeiter in Duisburg - aber ich weiß zu wenig über die Community als ganze. In meiner Umgebung sind die Türken jedenfalls alle sehr offen und integriert.

Brigitte.de: Im Film hat man den Eindruck, dass türkische Frauen in Istanbul freier leben als in Hamburg. Sind die Traditionen bei den Türken in Deutschland stärker, weil sie sie gegen äußere Einflüsse verteidigen müssen?

Fatih Akin: Ich glaube schon. Auch weil Deutsch-Türken eine ganz andere Sozialisierung hinter sich haben als Türken. Unsere Eltern haben versucht, uns die Werte zu vermitteln, die sie früher selber vermittelt bekommen haben. In der Türkei ist das sicher auch so, aber drüben findet eine permanente Entwicklung statt. Es gibt ein kollektiveres Selbstverständnis, es ist aufgeklärter und moderner als bei den Türken hier. So kommt es mir jedenfalls vor.

Brigitte.de: Ist der Titel des Films "Gegen die Wand" dann eine Metapher für junge Türken in Deutschland, die gegen die Traditionen ihrer Eltern anrennen? Ein ziemlich pessimistisches Bild ...

Fatih Akin: Das ist eine Frage der Betrachtung. Man rennt ja nicht gegen eine Wand, um sich selbst zu zerstören, sondern um die Wand zu durchbrechen und etwas zu verändern.

Brigitte.de: Trotzdem gibt es im Film viel Selbstzerstörung.

Fatih Akin: Aber dabei geht es letztlich immer ums Leben und nicht ums Sterben. Das hat diese masochistische Qualität: Ich füge mir Schmerzen zu, damit ich weiß, dass ich lebe ...

Brigitte.de: Sibel, Ihre rebellische Hauptfigur, entscheidet sich zum Schluss für die Familie. Ist das der einzige Ort, an dem sie als Türkin bestehen kann? Kapituliert sie?

Fatih Akin: Es ist eine Form der Kapitulation oder viel mehr eine Transformation. Die Idee war: Bevor Sibel sich für die Familie entscheidet, "stirbt" sie auf der Straße und ein neues Leben beginnt. Dieses Leben ist natürlich anders als das vorherige. Wir benutzen den Tod in diesem Film nicht als Ende, sondern als Metamorphose, als Wiedergeburt, man stirbt und ein neues Sein beginnt.

Brigitte.de: Dieses Thema zieht sich durch den ganzen Film, schon zu Beginn sagt der Arzt zu Cahit nach seinem Selbstmordversuch: "Beenden Sie doch Ihr Leben! Aber dafür müssen Sie nicht sterben ..."

Fatih Akin: Genau.

Brigitte.de: Sie haben den Goldenen Bären Ihrer Frau gewidmet. Ist es Zufall, dass man wenig über sie liest?

Fatih Akin: Monique sagt, dass sie kein Interesse an Publicity hat. Als was? Als Frau an meiner Seite? Interview-Anfragen lehnt sie ab, weil sie nicht das Bedürfnis hat, in der Öffentlichkeit zu stehen, was ich vollkommen legitim finde. Aber ich kann das über Monique sagen: Dass ich ohne sie heute nicht da wäre, wo ich bin.

Brigitte.de: Warum?

Fatih Akin: Das ist jetzt eine BRIGITTE-Frage, oder?

Brigitte.de: Ich frage, weil das nach einem Klischee klingt.

Fatih Akin: Monique war da, bevor das mit der ganzen Filmerei losging. Da sie außen steht, ist es immer gut, auch ihren Blick auf die Dinge zu haben. Wenn ich etwa sage, "Ach, die sind ja furchtbar nett diese Leute, die sind ja toll, hast du gesehen, wie nett die sind?", sagt sie zum Beispiel: "Die sind nur nett, weil du erfolgreich bist." Diesen Blick gilt es zu schützen. Aber das ist natürlich nur ein Beispiel dafür, warum Monique so wichtig für mich ist.

Der Film "Gegen die Wand"

Mehr über den Film "Gegen die Wand" lesen Sie in unserer Filmdatenbank.

Susanne Arndt (März 2004)

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