Muss der "Tatort" so brutal sein? Nein!

Nach dem letzten "Tatort" fragen sich wieder alle, ob er zu brutal war. Für BRIGITTE-Redakteurin Michèle Rothenberg ist übertriebene Gewalt immer ein Zeichen für Ideenmangel - darum hat sie gar nicht erst eingeschaltet.

Hätte ich den "Tatort" gestern gesehen, wäre es mir vermutlich so gegangen:

Entgegen meinem inneren Drang abzuschalten, hätte ich mich durch die Geschichte gequält, die ja irgendwie auch recht fesselnd ist. Ich hätte fast ununterbrochen Herzklopfen gehabt und ein flaues Gefühl im Magen. Ich hätte mich mehrmals hinter meinem Kissen versteckt und laut "Oh nee!" gerufen. Nach dem Abspann hätte ich erschlagen auf dem Sofa gelegen, mit dem Gefühl, zwar einen spannenden Film gesehen zu haben, aber gleichzeitig mit unnötiger Brutalität gequält worden zu sein.

Das hätte mich wütend gemacht. Ich hätte an den Filmemachern und irgendwie auch an den Menschen insgesamt gezweifelt, und mich gefragt: "Warum tue ich mir das eigentlich an?" Danach wäre ich ziemlich mies gelaunt ins Bett gegangen, mit den Bildern von zermatschtem Gehirn und herumfliegenden Leichen noch im Kopf.

Aber zum Glück habe ich den "Tatort" nicht gesehen. Denn ich habe beschlossen, mir das wirklich nicht mehr so oft anzutun. Ich habe stattdessen ein paar Folgen der US-Comedy-Sendung "Last Week with John Oliver" gesehen, viel gelacht dabei und bin beschwingt eingeschlafen. Und vermutlich deshalb heute besser in den Tag gestartet.

Kino: Filmclip: "Zwischen Welten"

Rohe Gewalt statt spannender Plots

Versteht mich nicht falsch: Ich brauche nicht immer-Heile-Welt-Fernsehen und Rosamunde Pilcher. Ich liebe einen gut gemachten Krimi und schaue mir auch krassen Stoff wie "Breaking Bad" an. Aber im Vordergrund sollte immer eine gute Geschichte stehen. Eine Geschichte, die inhaltlich schon spannend genug ist. Mit überraschenden Wendungen, kreativen Ideen, interessanten Figuren.

Beim "Tatort" aber hatte ich zuletzt immer mehr öfter das Gefühl, dass mangelnde inhaltliche Spannung mit Schockeffekten wettgemacht wird. Es fehlt noch ein bisschen Thrill? Immer her mit den sadistischen Psychopathen. Die Story ist noch etwas mau? Lassen wir doch ein Kind sterben, dann sind die Zuschauer bestimmt aufgewühlt (vor allem die Eltern unter ihnen).

Nicht umsonst sind die Münsteraner so beliebt

Übertriebene Brutalität ist für mich auch immer ein Zeichen für mangelnde Ideen und Faulheit. Und ich glaube, ich bin mit dieser Meinung nicht allein. Ist es nicht ein Zeichen, dass der "Tatort" aus Münster mit Abstand zu den beliebtesten in Deutschland gehört? Statt Blut sprühen da die Gags, es sind spannende Krimis, die auch ohne Weltuntergangsstimmung auskommen. Und halb Deutschland geht danach gut gelaunt ins Bett. Das sollte es doch wert sein, beim Drehbuchschreiben noch etwas mehr Hirnschmalz zu investieren.

Überhaupt: Was spricht denn eigentlich gegen das gute alte "Whodunnit"-Konzept? Eine Leiche, mehrere Verdächtige und interessante Auflösung sind doch immer noch die besten Zutaten für einen guten Krimi. Wenn dann noch ein gesellschaftlich aufrüttelndes Thema dazu kommt, umso besser.

Eigentlich hatte der "Tatort" gestern also die besten Anlagen für einen richtig guten Film. Die Blutorgie wäre gar nicht nötig gewesen.

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