Schweiger-Tatort: Stirb langsam in Hamburch, Digger

Wie wäre es, den Schweiger-Tatort einfach als das zu nehmen, was er ist? Die hamburgische Antwort auf "Stirb langsam". Unser Bruce Willis hat immerhin noch Haare. Ein Popcorn-Plädoyer.

Nichts weniger als eine "Sensation" nennt Til Schweiger seinen zweiten Tatort. Warum sollte er auch tiefstapeln, wenn doch alle von ihm erwarten, dass er großkotzt? Schnöde Fernsehkrimis können die anderen machen. Selbstverständlich lief die Premiere seines zweiten "Tatort-Thrillers" auf der großen Leinwand in Hamburgs Passage-Kino. Am Sonntag konnten Fans in ausgewählten Kinos der CineStar-Kette mitverfolgen, wie Kommissar Nick Tschiller das Böse aus der Welt schafft. Was genau jetzt die Sensation am Tatort "Kopfgeld" ist? Natürlich nicht die (Hauptsache Superlativ!) 19 Toten. Nicht das permanente Rumgeballere - Tschiller schießt sich den Weg frei, als sei Bruce Willis aus "Stirb langsam" in ihn gefahren. Auch nicht der mittelspannende Fall - der kurdische Astan- und der türkische Bürsum-Clan liefern sich einen Krieg um die Vorherrschaft im Drogengeschäft auf dem Kiez. Selbst die rohe Gewalt - wer Schweigers Herz rausschneidet, bekommt 50.000 Euro von Clanchef Firat Astan - ist nicht wirklich erschütternd. Die echte Sensation sind mehrere kleine, die diesen Tatort zu einem unterhaltsamen Blockbuster machen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Schweiger und Kollege Yalcin Gümer, sensationell gespielt von Fahri Yardim. Voraussichtlich werden ihre Outfits, Pulli und Bomberjacke, am Sonntag auf Sofia Servaes Tumblr-Account #TatortStyle wieder weggehen wir warme Semmeln.

Erste sensationelle Leistung: Tschillers Partner Fahri Yardim spielt den Ermittler Yalcin Gümer so erheiternd gut, dass man sich auf jede Szene mit ihm vorfreut. Bester Spruch: "Wie talkst Du eigentlich mit mir?" Seine Antwort auf das "Fick dich" eines nicht aussagewillligen Clanmitgliedes. Die twitternde Tatortgemeinde plädierte schon bei seinem ersten Einsatz für einen "Spin-off", also einen eigenen Tatort für Yardim. Vielleicht übernimmt er irgendwann, wenn Tschiller die Welt genug gerettet hat. Für den Rest der "Kopfgeld"-Ermittlungen übernimmt er die Aufgabe, wie auch schon im ersten Fall "Willkommen in Hamburg", seinen Kollegen Tschiller immer wieder daran zu erinnern, dass es da ja noch diesen nevtötenden Rechtsstaat gibt, an dessen Regeln LKA-Beamte sich halten müssen. Nick-McClane-Tschiller (John McClane heißt Bruce Willis in "Stirb langsam" 1-5) würde ansonsten in Hamburg ermitteln wie ein Cowboy im Wilden Westen. Das kann man total lächerlich und nervig finden. Oder als hübsche Parodie verstehen. Beschwert sich schließlich irgendjemand, dass Bruce Willis' Sprüche platt, sexistisch, ohne jede Doppelbödigkeit sind, wenn er eine Popcornkinokarte kauft? Genauso könnte man es bei Schweigers Tschiller-Performance sehen. Seine Kritiker halten Schweiger für einen selbstverliebten "Arsch". Was sieht man vom Schauspieler als erstes in "Kopfgeld"? Sein Hinterteil. Beim Sex. Klischee-Sex mit Handschellenspielchen. Es bereitet Schweiger diebische Freude, die Klischees wie einen Luftballon aufzupusten und bei Gelegenheit einfach mal reinzupieksen. "Peng". Aufschreie vorprogrammiert.

Eine weitere kleine Sensation ist Ralf Herforths Darstellung eines LKA-Experten für Drogenkriminalität. Seine Figur Enno Kromer ist ein gebrochener Charakter, desillusioniert vom jahrelangen Kampf gegen die Drogenmafia, am Ende resigniert vom Rechtsstaat, der ihn am Erfolg hindert. Den Chef des Bürsum-Clans, den will er noch zur Strecke bringen, koste es, was es wolle. Herforth brilliert in diesem Tatort, er liefert zweifellos eine der besten schauspielerischen Leistungen in "Kopfgeld". Die Fülle der gut besetzten Sidekicks (u. a. Bandenboss Firat Astan, genial böse von Erdal Yildiz) ermöglicht es Schweiger, den hamburgischen McClane zu geben. Schweiger weiß das und bleibt klugerweise einfach bei dem, was er kann: schnodriger Macho, der die Welt in Schubladen sortiert. Gute gegen Böse. Und deswegen ist es okay, wenn er seine Ex-Frau in bester Actionfilm-Manier vor der Autobombe rettet und den Typen, der Tochter Lenny (Luna Schweiger ist die einzige Ausnahme unter den ansonsten strahlenden Nebendarstellern) anflirtet, verbal platt macht: "Dein Abend wird jetzt richtig scheiße".

Redakteurin Stefanie Höfle hatte schon eine Schwäche für Til Schweiger, als er sich als Jo Zenker durch die Lindenstraße nuschelte.

Apropos: Sogar wer Til Schweiger "richtig scheiße" findet, könnte am Sonntagabend einschalten und sich einfach über die Stadtrundfahrt durch Hamburg freuen. Die unvollendete Elbphilharmonie im Gegenlicht, einen sensationellen Blick vom Marco-Polo-Tower über Hamburg, immer wieder den Hansehafen und die kieztypische Kulisse Große Freiheit mit der neonpink leuchtenden Dollhouse-Reklame im Hintergrund. Die Stadt darf mitspielen - und das kann sie einfach richtig gut, die elegante Grande Dame im Hintergrund geben, die verächtlich die Augenbraue hochzieht, wenn Schweiger sein "Fuck" zischt. Tatort: "Kopfgeld", Sonntag, 9. März 2014, 20.15 Uhr, ARD

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