Warum "Polizeiruf 110" der bessere "Tatort" ist

Der sonntägliche "Tatort" ist heilig, aber beim "Polizeiruf" schalten viele ab. Wissen die Menschen eigentlich, was ihnen da entgeht? Eine Bekehrung.

Schon mein halbes Leben habe ich sonntags um 20.15 Uhr eine feste Verabredung, die ich äußerst ungern absage. Egal, wo ich gerade bin und wer bei mir ist, ich sitze vor dem Fernseher (oder dem Laptop) und gucke den Krimi im Ersten. Vielleicht sollte ich es diesen Sonntag einfach einmal lassen und stattdessen von Haustür zu Haustür ziehen, im Auftrag des guten Geschmacks:

"Guten Abend, Sie sehen mir aus wie ein Freund der gepflegten Sonntagabend-Unterhaltung. Darf ich fragen, warum Ihr Fernseher nicht läuft?" "Aber es kommt doch ein Polizeiruf, den gucke ich nie."

Wie oft ich diesen Satz schon gehört habe - auch von Freunden und Kollegen, denen ich normalerweise eine gewisse Zurechnungsfähigkeit bescheinigen würde. Der "Polizeiruf" ist das Hannover der Fernsehkrimis - er hat ein Imageproblem. Man unterschätzt ihn als kleinen, schnarchnasigen Bruder des "Tatorts". Dabei hat er ihn, wenn man einmal genauer hinschaut, längst überflügelt.

Zum einen sind da die Darsteller: Während sich das Ermittler-Karussell beim "Tatort" inzwischen hysterisch schnell dreht, haben sich beim "Polizeiruf" im Laufe der letzten zwei, drei Jahre herausragende Teams gefunden - und zwar so angenehm unaufgeregt, wie es sich eigentlich für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten gehört.

Ob in Rostock, München, Magdeburg oder Potsdam, im "Polizeiruf" ermittelt die feinste Auslese deutscher Schauspielkunst: Für Charly Hübner, Anneke Kim Sarnau, Matthias Brandt, Claudia Michelsen oder Maria Simon würde ich sofort ins Kino gehen. Umso toller, dass ich sie jetzt regelmäßig im Fernsehen zu sehen kriege.

Die "Polizeiruf"-Teams: Sascha Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) ermitteln in Rostock, Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) in München, Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Jochen Drexler (Sylvester Groth) in Magdeburg.

Auch die Charaktere sind oft vielschichtiger, gebrochener und dadurch sympathischer als im "Tatort". Vergessen Sie Schmücke und Schneider - das gemächliche "Polizeiruf"-Duo aus Halle wurde zum Glück längst in den Ruhestand verabschiedet. In Rostock ermittelt jetzt ein Haudrauf mit Cowboy-Gang, großem Herzen und kriminineller Vergangenheit zusammen mit einer traumatisierten Profilerin. Matthias Brandts ebenso feingeistiger wie melancholischer Kommissar von Meuffels aus München hat völlig zurecht eine große Fangemeinde. In Magdeburg treffen eine ehemalige Punkerin und ein Pedant aufeinander. Dass ihr Sohn Neonazi ist, macht die Konstellation noch interessanter. Und in Potsdam und Umgebung löst Maria Simon als toughe junge Mutter zusammen mit dem knuffigen Wachtmeister Krause die Fälle. Blödelnde Pathologen oder holzschnittartige Sidekicks sucht man vergebens, stattdessen bekommt man Figuren mit Tiefgang.

Viele der Geschichten, die im "Polizeiruf" erzählt werden, hallen lange nach - etwa die Folge aus München, in der eine Transsexuelle auf einer Polizeiwache zu Tode geprügelt wurde. Es ist kein Zufall, dass der "Polizeiruf" regelmäßig für den Grimme-Preis nominiert ist. Auch der aktuelle Fall aus Brandenburg ist sehenswert - nicht nur wegen Fabian Hinrichs als Hauptverdächtigem und der wunderschöner Aufnahmen von wilden Wölfen. Aber mehr will ich nicht verraten: Sehen Sie einfach selbst! Sie werden schnell merken: Das Einzige, was der "Tatort" wirklich besser kann als der "Polizeiruf", ist der Vorspann.

Am 15. Dezember um 20.15 zeigt die ARD "Wolfsland", den neuen "Polizeiruf 110" aus Brandenburg mit Olga Lenski (Maria Simon) und Polizeihauptmeister Horst Krause (Horst Krause).

Schalten Sie auch beim "Polizeiruf 110" ein?

Text: Julia Müller Teaserbild: rbb/Oliver Feist

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