Helmut Dietls "Zettl": Ein Wahnsinn, der Spaß macht

Die Kritik lässt kein gutes Haar an Helmut Dietls neuem Film "Zettl". Warum eigentlich?, fragt sich BRIGITTE-Mitarbeiterin Antje Wewer. Sie war bei den Premieren in München und Berlin dabei und hat sich keinen Moment gelangweilt.

Irgendein Kritiker schrieb, dass "Zettl" die Kinokarte nicht wert sei. Ohnehin lesen sich die Rezensionen wie Briefe von enttäuschten, verbitterten Liebhabern. Die meisten sind hämisch und verletzend. Die Erwartungen waren hoch, so hoch, dass Regisseur Helmut Dietl seine alten "Kir Royal"-Fans (legendäre TV-Serie, die Mitte der Achtziger in München spielte und in dessen Zentrum der Klatschreporter Baby Schimmerlos stand) nur enttäuschen könnte. Nein, Dietl decodiert mit "Zettl" nicht den Berliner Politikbetrieb, er hatte ja auch nicht vor, einen Dokumentarfilm zu drehen.

Baby ist jetzt also Zettl, ein Chauffeur, der später Chefredakteur wird und von Bully Herbig (grandios) gespielt wird. Es gibt einen schwulen Schweizer Finanzier (Ulrich Tukur), eine umoperierte Bürgermeisterin (Dagmar Manzel), einen schwäbelnden Ministerpräsidenten, der in Mecklenburg-Vorpommern regiert (Harald Schmidt), ein warmherziges Kanzlerluder (Karoline Herfurth), das jede Mutter gerne zur Schwiegertochter hätte. Und es gibt Senta Berger als Mona Mödlinger und Herbie Fried, den der 84-jährige Dieter Hildebrandt würdevoll im Rollstuhl sitzend spielt. Es ist ein Wahnsinn, und es macht Spaß, diesem größenwahnsinnigen Wahnsinn zuzuschauen. Dietl liebt München und hat oft genug zu Protokoll gegeben, wie sehr ihn Berlin nervt. Diese Stadt der Blender und der Angeber, der Bluffer und Hochstapler.

Interessanterweise war nun die Premiere von "Zettl" in Berlin sehr viel heiterer als die am Abend zuvor in München. Obwohl in Bayern das große Programm gefahren wurde (extra langer roter Teppich, fast alle Schauspieler da, großer Kinosaal, Premierenparty in der Schicki-Micki-Disco P1), war der Applaus verhalten, die Stimmung gedrückt. Nur Konstantin Wecker pfiff beim Rausgehen vergnügt die Melodie von "Kir Royal", die er vor mehr als 20 Jahren komponiert hatte. Warum so vergnügt? Er hätte Spaß gehabt, weil er so gut wie nichts über den Film gewusst hätte. Eigentlich nur, dass der Kroetz nicht mehr dabei sei. Aber dafür gäbe ja jetzt den Bully und der sei viel besser, als erwartet. In Berlin erwarteten die Zuschauer nicht mehr viel, sie hatten ja alle schon gelesen, dass es der neue Dietl Film nicht bringt (SZ: "Klinisch witzfrei", Kölner Stadt-Anzeiger: "Unsagbar schlecht", Spiegel: "Koma Royal") und dann wurde im Kinosaal tatsächlich gelacht. Laut gelacht. Es gab mehr als nur wohlwollenden Applaus und einen Dietl, der auf der Bühne eine bessere Figur abgab, als noch am Abend zuvor. Und später auf der Premierenparty in einer rustikalen Schankwirtschaft in der Nähe des Kanzleramt erzählten sich die Gäste erstaunt, verwundert, erleichtert, dass "Zettl" ja viel besser sei als erwartet. Darauf angestoßen wurde mit Grünem Veltiner, nicht mit Kir Royal.

Text: Antje Wewer
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