Die Bilderbuchfamilie: "Life Once Removed"

Alle drängten Fotografin Suzanne Heintz, endlich eine Familie zu gründen. Entnervt gab sie nach - und veranschaulicht das Leben in einer "Bilderbuchfamilie" mit Schaufensterpuppen.

Klar, Frauen können heutzutage unverheiratet und kinderlos sein. Da hat die Gesellschaft nicht sehr viel dagegen. Die eigenen Eltern allerdings sehen das oft anders und fangen ab einem bestimmten Alter an, immer forscher Enkelkinder einzufordern. Und auch die Freundinnen, die mittlerweile eine Familie haben, zweifeln irgendwann an, dass ein Mensch so richtig glücklich sein kann ohne Ehering und Kinderwagen.

Die Fotografin Suzanne Heintz hatte die Sticheleien und das ständige "Kommt da noch was?"-Gedrängel irgendwann satt: Sie gründete kurzerhand ihre eigene Familie - mit Schaufensterpuppen. Den liebenden Ehemann und die brave Tochter kaufte sie spontan ein und dokumentiert seitdem ihren Familienalltag in dem Fotoprojekt "Life Once Removed".

"Life Once Removed": Die Bilderbuchfamilie zum Durchklicken

Schaufenster-Familie: Die Bilder zum Durchklicken

Mit ihrem Projekt möchte Heintz bei aller Liebe zur Albernheit auch ein Statement setzen: "Das hier ist halt nur die schöne, süße Oberfläche des Familienlebens, ohne was dahinter", schreibt sie auf ihrer Website. "Diese Bilder stecken so tief in uns drin, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragen." Im BRIGITTE-Interview erklärt sie, warum wir uns von fremden Erwartungen lösen sollten, warum sie oft missverstanden wird - und warum ihre Ersatzfamilie mitunter anstrengender ist als ihre echte.

BRIGITTE: Ihr satirischer Blick auf die Familie geht doch bestimmt vielen Leuten gegen den Strich, oder?

: Klar, es gibt viel Kritik - aber von Menschen, die mich falsch verstehen. Für die bin ich entweder eine Verrückte, die ernsthaft mit Schaufensterpuppen zusammenlebt. Oder sie denken, dass ich die Ehe an sich kritisiere - und das will ich gar nicht.

Nein?

Ich finde es super, wenn Menschen heiraten - freiwillig und ohne Gedrängel. Ich kritisiere nur die Menschen, die danach auf alle Unverheirateten herabsehen. Die anderen Leuten sagen, ihr Leben wäre unerfüllt und sie wären irgendwie gescheitert.

Mit der Meinung stehen Sie vermutlich nicht alleine da.

Ja, das positive Feedback war deutlich größer als die Kritik. Vor allem die Zustimmung aus Lateinamerika und China freut mich. Angeblich werden in China unverheiratete Frauen ab 30 "Die Überbleibsel" genannt. Viele von ihnen haben mir ihre Geschichten erzählt und sich bei mir bedankt. Mein Projekt hat ihnen das Gefühl gegeben, selbstbestimmt zu sein und keine Versagerin.

Warum werden meist die Frauen bedrängt, eine Familie zu gründen?

Bei Frauen hat das vor allem biologische Gründe: Jetzt aber schnell, bevor du zu alt bist. Es geht da natürlich nicht nur um Faktoren wie Fruchtbarkeit, sondern vor allem um die kulturelle Norm, dass man als Frau mit jedem Jahr weniger attraktiv für das andere Geschlecht wird. Jugendliches Aussehen ist ein kostbares Gut, dass wir auf keinen Fall verlieren wollen. Unsere Elterngeneration erzählt uns, dass "Schönheit verblüht", dass wir unsere kostbare Jugend nicht mit einem "falschen Mann" verschwenden sollen. Damit wird uns früh eingeredet, dass wir nur für kurze Zeit etwas wert sind.

Und die Männer?

Ein Mann wird "reifer". Seine Falten sind ein Zeichen von Charakter und Persönlichkeit, während Frauen "Krähenfüße" kriegen. Ein "Junggeselle" ist ein selbstbestimmter Mensch, während eine "alte Jungfer" Mitleid erzeugt. Vielleicht hatte das alles mal vor langer Zeit seine Berechtigung, als Frauen keine andere Einkommensquelle hatten als zu heiraten. Aber jetzt, wo uns alles offen steht? Es gibt überhaupt keinen Grund mehr für alleinstehende Frauen zu denken, sie wären nicht gut genug.

Haben Sie auch Feedback von Männern bekommen?

Ich bekomme Mails von Männern und Frauen jeden Alters. Irgendwie scheint mein Projekt einen Nerv getroffen zu haben - egal, ob man verheiratet, alleinstehend oder geschieden ist, ob man Kinder hat oder in einer WG wohnt. Interessanterweise übertragen viele Leute das Projekt auch auf ihr Berufsleben.

Das müssen Sie näher erklären.

Auch im Job gibt es eine Erwartungshaltung von außen, die man nicht immer erfüllen möchte. So wie ich sage, dass man auch ohne Ehering oder Kinderwagen ein erfülltes Leben haben kann, denken viele Menschen, dass sie auch ohne hochtrabende Job-Bezeichnung oder akademischen Titel glücklich sind. Wir konzentrieren uns viel zu sehr darauf, am Image unseres erfolgreichen Lebens zu arbeiten - und nicht genug darauf, ob wir wirklich zufrieden sind.

Also einfach mal sagen: "Hört auf zu nörgeln, passt schon, ich bin glücklich so"?

Genau. Was ist nur los in unserer Kultur, dass alles, was wir tun, immer noch nicht genug ist? Diese Erwartungshaltung sollte nicht darüber bestimmen, wie zufrieden wir mit unserem Leben sind. Das möchte ich mit meinem Projekt sagen.

"Playing House": Trailer zur Dokumentation über das Fotoprojekt

Wir sollten aufhören, um jeden Preis "perfekt" zu sein ...

Nur "perfekt" zu sein, reicht ja schon gar nicht mehr. Jetzt möchten wir "erfüllt" sein. Aber für Frauen gibt es nicht mehr nur die eine Sache, die sie "erfüllt", das geht nur durch alles gleichzeitig: Bildung, Karriere, Heim, Familie, Erfolge, Erleuchtung. Wenn auch nur eine Sache davon fehlt, gehen gleich alle davon aus, dass in deinem Leben was falsch läuft. So wie wir sind, sind wir nie gut genug.

Ein unerfüllbarer Anspruch.

Selbst, wenn wir an jedem dieser Punkte arbeiten würden: Kein Mensch hat die Zeit, um alles davon zufriedenstellend hinzukriegen. Dieser Druck von außen macht alles noch schlimmer. Ich fand, dass man diesen Quatsch mal öffentlich ansprechen sollte. Diesen Druck, "nicht gut genug" zu sein, habe ja nicht nur ich. Das geht jedem so, der ein Leben führt, das nicht so ist, wie es "sein soll".

Wer hat das schon?

Genau, bei kaum einem Menschen entwickelt sich das Leben so, wie es erwartet wird. Und wenn es wundersamerweise mal klappt, ist das, was man sich erhofft hat, in der Realität auch wieder völlig anders. Niemand führt das Leben, dass die Eltern sich für ihn vorgestellt haben. Ich wünsche mir, dass die Menschen, insbesondere Frauen, anfangen, das Leben so zu schätzen, wie es auf sie zukommt.

ist sehr froh, eine Familie aus Fleisch und Blut zu haben, ist aber trotzdem neidisch, dass man mit Schaufensterpuppen-Kindern nicht jedes Wochenende neu über Fernsehverbote verhandeln muss. (Hier finden Sie Henning auf Twitter)

Wie umständlich ist es eigentlich, mit Ihrer "Familie" zu verreisen?

Sehr! Ich habe die volle Verantwortung, aber kein bisschen von der Hilfe, die eine echte Familie leisten könnte. Wenn wir verreisen, haben die Puppen fast so viel Gepäck dabei wie ich. Nach Paris musste ich sie per Paket schicken, weil sie für die Airline plötzlich ein Sicherheitsrisiko waren. Ich muss für sie einkaufen, planen, was sie anziehen und aufpassen, dass wir farblich gut für die Fotos abgestimmt sind. Ich muss jede Schraube und jedes Werkzeug einpacken, das sie zusammenhält. Dazu kommt noch die Foto- und Beleuchtungsausrüstung. Wir können nicht einfach aufspringen und losfahren. Aber ich bin mir sicher, das geht Müttern, die mit einer lebendigen Familie verreisen, ähnlich. Aber bei denen muss man sich wenigstens keine Sorgen machen, dass sie vom Wind umgepustet werden und sich gleich den Arm brechen.

Auf der Website suzanneheintz.com können Sie noch andere Projekte von Suzanne Heintz ansehen oder auch ihr neues Buch vorbestellen. Sie ist auch auf Facebook und Twitter anzutreffen.

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