Frank Schätzing: Mit "Limit" zum Mond

Der neue Thriller von Frank Schätzing ist da. Nach der Tiefsee ("Der Schwarm") nimmt er uns in "Limit" jetzt mit ins All. Und fantasiert, was dort im Jahr 2025 möglich sein wird: artistischer Sex im Mond-Hotel, Energiegewinnung und weniger Falten dank Schwerelosigkeit.

Frank Schätzing isst gern und gut , deshalb hat er den Treffpunkt, ein Gourmetrestaurant in Köln, selbst ausgesucht. Dabei ist der 52-Jährige ausgesprochen schmal, "meine Figur", verrät er, "halte ich mit täglichem Joggen in Form". Sein Outfit könnte man cool nennen: Leinenjackett, T-Shirt, Jeans und Turnschuhe, das graue Haar nach hinten geföhnt, silberner Ring auf dem Mittelfinger. Die längeren Nägel an den Fingern seiner rechten Hand verraten, dass der Bestsellerautor Gitarre spielt. Aber auch Keyboard, wie er erzählt. Er hat ein eigenes Tonstudio, in dem er komponiert; die Musik zu seinen Hörbüchern schreibt und spielt er selbst ein.

Frank Schätzing hat nun mal gern alle Fäden in der Hand. Kaum hatte er das Manuskript seines neuen Thrillers, einen 1200-Seiten-Wälzer, abgeliefert , machte er sich über das Marketing Gedanken. Statt Lesungen plant er eine Multimediashow, in der er sich und sein Buch auf der großen Bühne inszenieren wird. Ein Programm, das die meisten Autoren dieser Welt vor Angst lähmen würde - wenn sie nicht vorher schon unter dem ganzen Erfolgsdruck zusammenbrechen. Aber dieser Mann liebt das Rampenlicht. "Schon als Jugendlicher", sagt er, "wollte ich Popstar werden."

BRIGITTE: Herr Schätzing, wenn man Ihren neuen Thriller "Limit" liest, hat man den Eindruck, Sie wären selbst im All gewesen und mit einem Lunar Rover über den Mond gebrettert.

Frank Schätzing: Hätte ich gern gemacht, es flog nur gerade niemand hoch. Also bin ich ganz einfach in meinen Gedanken hingereist und war vollkommen fasziniert. Ich habe ein Faible für unbekannte Welten, seit meiner Kindheit schon. Das hat sich im Unterwasser-Thriller "Der Schwarm" niedergeschlagen und jetzt wieder in "Limit".

BRIGITTE: Waren Sie denn auch ein Fan von "Raumschiff Enterprise"?

Frank Schätzing: Das bin ich immer noch. Natürlich habe ich mir auch den letzten "Star Trek"-Film im Kino angesehen, sensationell! Aber das sind Space-Märchen, die gehören eher in den Bereich Fantasy. Als Autor interessiert mich mehr die wissenschaftliche Vision, Science Fiction im ursprünglichen Sinne, wo es darum geht, das faktisch Vorstellbare in absehbarer Zeit Wirklichkeit werden zu lassen. Und da fand mich nun vor einigen Jahren eine Idee ...

BRIGITTE: Die Idee fand Sie?

Frank Schätzing: Ja, das mag seltsam klingen, aber ich suche nicht nach Ideen. Ich lasse mich von ihnen finden, einfach indem ich Augen und Ohren aufsperre. Da stand also in einem wissenschaftlich en Magazin dieser winzige Artikel über den möglichen Abbau von Helium-3 auf dem Mond. Ein Edelgas-Isotop, im Mondstaub eingelagert und nur dort zu finden , vor allem aber der ideale Brennstoff für eine saubere Form der Energiegewinnung: Kernfusion, bei der so gut wie keine Radioaktivität entsteht. Das war die Initialzündung. Die Vorstellung, dass wir den Trabanten künftig als Wirtschaftszone nutzen, hat in meinem Kopf sofort einen Film in Gang gesetzt.

BRIGITTE: Der britische Milliardär Richard Branson will demnächst Pauschaltouristen ins All bringen; 300 Passagiere haben schon gebucht. Wann, glauben Sie, wird es denn das erste Mondhotel geben, das in Ihrem Roman mit allem Komfort ausgestattet ist?

Frank Schätzing: Möglicherweise schon in 20 Jahren. Weltraumtourismus ist keine Utopie mehr, mehrfach waren zahlende Gäste an Bord der ISS. Mondtourismus ist da nur der nächste logische Schritt. In so einem Hotel könnten wir zwei dann gemütlich an der Bar sitzen, Cocktails trinken, auf die Erde schauen und die Raumzeit verquatschen.

Sex im All? Gar nicht so einfach. Man sollte sich festbinden

BRIGITTE: Allerdings würde die veränderte Schwerkraft einiges mit uns anstellen.

Frank Schätzing: Stimmt. Der Mond ist um vieles kleiner als die Erde. Man wiegt da oben gerade mal ein Sechstel seines üblichen Gewichts. Das hat Folgen. Lustige und weniger lustige.

BRIGITTE: Inwiefern?

Frank Schätzing: Unsere Muskulatur ist der Erdschwerkraft angepasst. Wir werden zu unserem Planeten hingezogen, leisten ihm also gewissermaßen Widerstand. Auf dem Mond sind unsere Muskeln bei Weitem nicht so beansprucht. Deshalb sollte man dort viel Sport treiben, erst recht in der Schwerelosigkeit, in einer Raumstation etwa, wo man gar nichts wiegt. Der rapide Muskel- und Knochenschwund dort oben gehört zu den Phänomenen, die den Weltraumagenturen die meisten Sorgen bereiten.

BRIGITTE: Klingt nicht eben erstrebenswert.

Frank Schätzing: Stimmt, andererseits, wenn Sie schwerelos sind, steigen ein bis zwei Liter Blut aus den Beinen in den Brustkorb und in den Kopf, und das hat dann wieder ganz witzige Auswirkungen: Sie bekommen ein "puffy face": Das Blut bügelt Ihre Falten weg, Ihre Gesichtshaut wird glatter und straffer, der ganze Körper knackiger. Man sieht da oben gleich fünf Jahre jünger aus.

BRIGITTE: Schon lohnt sich der Aufenthalt in der Raumstation.

Frank Schätzing: Absolut. Frustrierend ist nur, wenn Sie auf die Erde zurückkehren, und - schwupp! - gleich alles wieder hängt.

BRIGITTE: Bleiben wir noch eine Weile im All. Beim Sex müssen Ihre Weltraumtouristen die Hürde der Schwerelosigkeit überwinden. Wie haben Sie die Lösung gefunden?

Frank Schätzing: Das war schon komisch. Über Sex im All gibt es kaum Literatur. Die NASA hat es Jahrzehnte lang abgelehnt, überhaupt nur über dieses Thema nachzudenken.

BRIGITTE: Wieso denn das?

Frank Schätzing: Prüderie. Amerika halt. Im dortigen Verständnis waren Raumfahrer immer auch ein bisschen Pilgrim Fathers im All. Da hat man keinen Sex, das gehört sich nicht! Der brave, aufrechte Astronaut kennt keine Bedürfnisse, auch nicht in den sechs langen Monaten auf der Raumstation. Nun sind aber neuerdings wieder Marsmissionen in Planung. Da ist man ein halbes Jahr unterwegs, bleibt ein Jahr dort, fliegt ein weiteres halbes Jahr zurück, Männchen und Weibchen bunt gemischt, wohl bemerkt! Angesichts dessen kommt die NASA nicht umhin, über Sex nachzudenken.

Schon ein Kuss in völliger Schwerelosigkeit ist eine große Herausforderung

BRIGITTE: Und wie denken Astronauten "sauber" über Sex nach?

Frank Schätzing: In Houston ist man auf einen Trick verfallen, der es gestattet, sich mit der leidigen Lust zu befassen, ohne dabei an der Moral kratzen zu müssen. Einfach, indem man sagt, wenn Astronauten einen so langen Zeitraum im All sind, müsse die Fortpflanzung gewährleistet bleiben, da Gott dem Menschen schließlich die Pflicht auferlegt habe, sich zu vermehren.

BRIGITTE: Sie machen Witze.

Frank Schätzing: Keineswegs. Die Wissenschaftsjournalistin Laura Woodmansee hat in ihrem Buch "Sex in Space" auf theoretischer und praktischer Basis darüber nachgedacht, wie man im All zur Sache kommt, und die NASA verweigerte ihr jedes Interview. Dafür fanden sich etliche Astronauten, die im Geheimen mit ihr spekuliert haben.

BRIGITTE: Geht das denn überhaupt? Im All zur Sache kommen?

Frank Schätzing: Durchaus, es ist bloß alles andere als einfach. Schon ein Kuss in völliger Schwerelosigkeit wird zur großen Herausforderung, wegen des Abstoßungseffekts: Beim kleinsten Berührungsimpuls driften Sie auseinander! Sie müssen sich aneinander festklammern wie die Äffchen, dürfen sich nie loslassen im Gemenge, sonst finden sich beide - zack! - an entgegengesetzten Enden des Raumes wieder.

BRIGITTE: Und so kamen Ihre Helden auf die Idee, sich festzubinden?

<antwort name = "Frank Schätzing">Zumindest einer von beiden muss sich fixieren. Laura Woodmansee entwickelt da gute Ideen, die ich ein bisschen weitergesponnen habe. Die Bänder in meinem Buch sind aus Gummi, hochelastisch und flexibel. Ich nenne sie "love belts"; sie gehören zur Grundausstattung meiner Raumstation.

BRIGITTE: Und Sex auf dem Mond?

Frank Schätzing: Einfacher. Dennoch, Frauen, die gern oben sitzen, sollten beachten, dass sie auf dem Mond nur wenige Kilos wiegen und bei jedem beherzten Vorstoß ihres Liebhabers davonhopsen könnten.

BRIGITTE: Die Raumstation im Buch gehört einem amerikanischen Konzerngiganten. Amerikaner und Chinesen liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, um ihre Claims bei der Ausbeutung des Trabanten abzustecken. Bei diesem Krieg bestimmen nicht mehr die Regierungen, sondern die Konzerne die Politik. Ist dies eine Folge der Globalisierung?

Frank Schätzing: Ich nenne das die Konzernisierung der Politik. Das muss grundsätzlich nicht verkehrt sein. Regierungen sind ihrer Natur nach bürokratisch und schwerfällig. Innovationen scheitern häufig an umständlichen Gesetzesentwürfen und Bedenkenträgern. Privatunternehmen sind flexibler, mutiger, zahlen die besseren Gehälter, ziehen die besseren Köpfe an, speziell im Bereich Forschung. Vielfach verfügen sie auch über höhere Budgets. Das alles führt zwangsläufig dazu, dass multinationale Konzerne den Regierungen das Zepter aus der Hand nehmen.

BRIGITTE: Sehen Sie darin keine Gefahr?

Frank Schätzing: Aktuell zeigt uns die Abkopplung des Bankenwesens, wo es problematisch wird. Wenn Staat und Öffentlichkeit keinerlei Einsicht mehr in Entscheidungen und Geschäftsvorgänge haben, die unsere soziale Stabilität und das tägliche Leben des Einzelnen betreffen, müssen wir die Reißleine ziehen.

BRIGITTE: In Ihrem Buch sind die Chinesen die Gewinner der Wirtschaftskrise.

Frank Schätzing: Sobald man über die nahe Zukunft schreibt und ein globales Szenario entwirft, kommt man an China nicht vorbei. Wir müssen uns darauf einrichten, dass die Zeit der westlichen Vorherrschaft in der Wirtschaft vorbei ist. In China hat sich der Wandel von der kommunistischen zur kapitalistischen Einheitspartei vollzogen, zur Groß-Peking AG mit 1,4 Milliarden Menschen. Die KP setzt sich zunehmend aus Privatunternehmern zusammen, die einen Nebenjob in der Regierung bekleiden.

Ich habe ein Grundstück auf dem Mond. Ein Geburtstagsgeschenk

BRIGITTE: Waren Sie selbst in China, um vor Ort für Ihr Buch zu recherchieren?

Frank Schätzing: Ich wollte hin, habe es aber zeitlich nicht geschafft. Andererseits, wenn Sie Fachliteratur, Experten und das Internet zu nutzen wissen, bekommen Sie mitunter ein vollständigeres Bild von einem Ort, als wenn Sie selber hinfahren.

BRIGITTE: Und der Mond? Werden Sie einer der ersten Touristen dort sein?

Frank Schätzing: Was heißt Tourist? Ich wohne dort!

BRIGITTE: Wie bitte?

Frank Schätzing: Ich bin Besitzer eines Grundstücks auf dem Mond , das haben mir meine Schwiegereltern vor ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt.

BRIGITTE: Wo kann man denn ein Grundstück auf dem Mond kaufen?Frank Schätzing: Bei der Lunar Embassy zum Beispiel. Der Inhaber, ein Amerikaner namens Dennis Hope, hat vor 15 Jahren seinen Besitzanspruch für den Mond angemeldet, da der staatenloses Gebiet sei. Hope beruft sich dabei auf ein US-Gesetz, ein Relikt aus der Zeit des Wilden Westens. Danach darf sich jeder ein beliebiges Grundstück aneignen, wenn er seinen Anspruch eine Weile öffentlich gemacht hat und kein Einspruch erhoben wurde.BRIGITTE: Seit wann gilt denn amerikanisches Recht auf dem Mond?

Frank Schätzing: Gar nicht. Jeder Weltraumjurist sagt Ihnen, dass das völliger Quatsch ist! Es gibt den internationalen Weltraumvertrag von 1967, ergänzt durch den Mondvertrag. Die wichtigste Klausel, die sich auf alle Himmelskörper und explizit auf den Mond bezieht, untersagt es Nationen und auch Privatpersonen, sich Grundstücke im Weltall anzueignen. Insofern sind die "Lunar Embassy-Verträge" Makulatur. Ein Gag. Aber immerhin - ich habe eine schöne Urkunde, auf der ich als Besitzer eines Grundstücks im Mare Tranquillitatis eingetragen bin, nicht weit von Armstrongs erstem Fußabdruck. Es gibt schlechtere Nachbarn.

BRIGITTE: Die erste Leserin Ihres Manuskripts war Ihre Frau. Nehmen Sie von ihr geäußerte Kritik denn auch an?

Frank Schätzing: Auf jeden Fall mache ich das. Ich habe zwei lange Jahre an dem Ding geschrieben, ohne es jemandem zu zeigen, immer nur im eigenen Saft gebrutzelt. Da wird man betriebsblind. Meine Frau Sabina hat mir viele nützliche Hinweise gegeben, sie hat ein gutes Gespür für Dialoge und Dramaturgie. Sie selbst ist eine hervorragende Drehbuchschreiberin.

BRIGITTE: In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich ausführlich mit Weltraumtechnik. War Ihrer Frau das manchmal zu viel?

Frank Schätzing: Wenn es ihr zu technisch wurde, hat sie mir empfohlen, die Passage zu straffen. Jedes Mal hatte sie recht. Abgesehen davon ist es ein Klischee, dass Frauen von Technik nichts wissen wollen. Sie möchten nur keine endlosen Abhandlungen dazu lesen.

BRIGITTE: Haben Sie selbst Spaß beim Schreiben?

Frank Schätzing: Sagen wir es mal so: Jedes Buch, das man beginnt, ist wie eine neue Liebe. Man verknallt sich in die Idee, dann ist sie die große Geliebte für die nächsten Jahre. Mit allen Höhen und Tiefen, die eine längere Beziehung so mit sich bringt.

BRIGITTE: Was sagt Ihre Frau dazu, wenn Sie für ein Buch so lange abtauchen?

Frank Schätzing: Das sieht sie immer sehr entspannt. Sie kennt mich ja gar nicht anders. Ich habe vier Jahre an "Limit" gearbeitet, zwei davon geschrieben, und ich bin ein ziemlich manischer Arbeiter. Man wird ein wenig unsozial beim Schreiben dicker Bücher, da ist es natürlich toll, wenn man eine Frau hat, die das toleriert . Andererseits gehen wir auch viele Projekte gemeinsam an. Sabina und ich sind mittlerweile ein richtiges kleines Unternehmen geworden, wir beide kümmern uns gemeinsam um meine Auftritte, PR, Auslandsrechte und die Verfilmungen meiner Bücher.

BRIGITTE: Hört sich nach viel anstrengender Arbeit an. Nehmen Sie denn auch mal gemeinsam Urlaub vom Schreiben?

Frank Schätzing: Im vergangenen Jahr waren wir vier Wochen in England und dann noch mal zehn Tage in Italien. Aber viel wichtiger als große Ferien sind die kleinen Inseln, die man sich im Alltag schafft. Spontan drei Tage an die Nordsee fahren, im Sand rumlatschen, gut essen und trinken, Spaß miteinander haben. Viel lachen!

BRIGITTE: Welche Gefühle haben Sie heute, wenn Sie den Mond aufgehen sehen?

Frank Schätzing: Nach all meinen Recherchen habe ich da inzwischen regelrechte Heimatgefühle entwickelt. So ein sternfunkelnder Nachthimmel mit dem Mond darin, der macht mich glücklich, erstaunt mich und lässt mich auch mal schaudern.

Interview:

Christiane von Korff

Das Buch

Neue Technologien in der Raumfahrt haben es möglich gemacht: Im Mai 2025 wollen die Menschen den Mond als Energielieferanten nutzen. Wird Amerika oder China die Vorherrschaft über die Ressourcen auf dem Trabanten gewinnen? Während Konzernchef Julian Orly mit einer Luxusreise ins All eine Gruppe von Multimilliardären locken will, in sein Unternehmen zu investieren, ahnt er nicht, dass ein global agierender Rivale einen Anschlag auf ihn und seine Gäste im Mondhotel plant. - "Limit" ist großes Kino, das sich liest, als sähe man einen Hollywood-Film. Dabei sind es die gerade noch vorstellbaren, im Grenzbereich des Möglichen angesiedelten Fantasien, die den Science-Fiction-Thriller so fesselnd machen. (1200 s., 26 Euro, Kiepenheuer & Witsch)

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