Das Miss-Erfolgs-Drama

Auch über hundert Jahre nach Erfindung des Kinos haben Frauen im Filmgeschäft wenig zu melden. Woran liegt's?

Nein, es gibt auch mal erfreuliche Ausnahmen für Frauen in Hollywood: "Die Frauen hatten die guten Texte, die Lacher und die großen Momente, während die Männer sich langweilten, weil sie es nicht gewohnt waren, die Nebenrollen zu spielen", schwärmte Schauspielerin Olivia Wilde in der Huffington Post. Was war geschehen? In einer Drehbuch-Lesung, bei der Wilde mit anderen Schauspielerinnen und Schauspielern die Teenie-Komödie "American Pie" als Live-Hörspiel vorführte, wurden die Männer- und Frauenrollen getauscht. Die Frauen waren die Hauptfiguren, die Männer hatten nicht viel zu tun. "Mann, ist das langweilig, eine Frauenrolle zu spielen!", beschwerte sich hinterher ein Schauspieler, der sich während der Vorführung sichtlich unwohl fühlte. Wildes Antwort: "Willkommen in unserer Welt!"

Nur sechs Prozent der 250 erfolgreichsten Filme des letzten Jahres wurden von Frauen gedreht

"Unsere Welt" ist eine Katastrophe für alle Frauen, die vor oder hinter der Kamera arbeiten wollen. Klar, eine Handvoll Schauspielerinnen schaffen es zum Filmstar, verdienen einen Haufen Geld und werden von den Fans vergöttert - vorausgesetzt, sie entsprechen dem vorgeschriebenen Schönheits- und Körperideal. Zu alt? Zu dick? Dann haben Sie schon mal ganz schlechte Karten, das ist heute nicht anders als vor hundert Jahren (Einzelfälle wie Melissa McCarthy mal ausgenommen).

Die Zahlen des "Celluloid Ceiling"-Reports der San Diego University sind nicht gerade ermutigend. Drehbuchautoren? Davon waren 2013 gerade mal zehn Prozent Frauen (drei Prozent weniger als noch 2012). Kamerafrauen? Drei Prozent. Regisseurinnen? Ganze sechs Prozent der 250 erfolgreichsten Filme des letzten Jahres wurden von Frauen gedreht. Die Zahlen sprechen für sich: Trotz vieler Beteuerungen der Filmstudios sind insgesamt wohl weniger Frauen an Filmsets engagiert, als dressierte Hunde, Katzen oder Pferde. Es werden nicht nur deutlich weniger Regie-Jobs an Frauen vergeben, oft sind die Regisseurinnen auch nur nachgerückt, weil ein Mann den Job nicht wollte (Vorteil für die Studios: Die Frau kriegt auch nur einen Bruchteil der Bezahlung).

Die Studios geloben Besserung - und ändern nichts

Filmemacherin Lexi Alexander

Lexi Alexander ist eine der wenigen Filmemacherinnen, die ganz gut im Geschäft sind (Oscar-Nominierung für "Johnny Flynton") - und ist dennoch meilenweit von den Arbeitsbedingungen ihrer männlichen Kollegen entfernt. Kürzlich machte sie ihrem Frust über das Filmgeschäft auf ihrem BlogLuft: "Können wir bitte, bitte aufhören so zu tun, als ob alle ihr Bestes tun, aber es schlicht unmöglich ist, mehr Gleichberechtigung zu erreichen? Diese Art von Pseudo-Aktivismus macht mich wahnsinnig. HÖRT AUF!", schrieb sie nach der Zusammenfassung eines ineffektiven "Wie können wir Frauen unterstützen"-Meetings, das sie besucht hatte. "Wenn Vielfalt und Gleichberechtigung den Hollywoodstudios tatsächlich wichtig wären - glaubt ihr wirklich, dann würden sie daran scheitern?" Mit ihrer Wut sprach sie vielen Frauen aus der Seele, ihr Text verbreitete sich schnell im Netz.

Produzenten trauen Männern mehr zu

"Wir brauchen eine J.K. Rowling, eine Frau die Milliarden einspielt"

Aber warum läuft es so falsch für die Film-Frauen? Immerhin hat Regisseurin Kathryn Bigelow doch vor ein paar Jahren den Regie-Oscar für das Kriegsdrama "The Hurt Locker" gewonnen. "Das hat leider nichts verbessert - ich glaube, das hat der Gleichberechtigung sogar geschadet." sagte Alexander auf Nachfrage von BRIGITTE. "Das ist so ähnlich, wie bei Barack Obama und den Leuten, die sagen, mit einem schwarzen Präsidenten kann es doch jetzt gar keinen Rassismus mehr geben." Das Problem ist, dass man in Hollywood einer Frau schlicht nicht zutraut, das investierte Geld wieder einzuspielen - und einen Flop will natürlich kein Produzent riskieren. "Wir brauchen eine J.K. Rowling, eine Frau, die ihrem Verlag bzw. Studio etliche Milliarden einspielt", sagt Alexander. "Dank Harry Potter haben weibliche Autorinnen, insbesondere in der Jugendliteratur, tatsächlich eine Gleichberechtigung mit den Männern erreicht. Aber vergessen wir nicht: 'J.K. Rowling' hat sich so genannt, weil damals niemand eine 'Joanne' gelesen hätte. Und wir Filmemacherinnen haben natürlich gar nicht die Möglichkeit, 'heimlich' etwas zu drehen und so zu tun, als hätte ein Mann Regie geführt." Frauen dürfen keine großen Blockbuster drehen, weil sie es angeblich nicht können - und haben keine Chance, das Gegenteil zu beweisen.

Bei kleineren Produktionen sind Frauen allerdings deutlich besser vertreten. Ein Grund zur Hoffnung? Nicht unbedingt: "Da, wo nicht viel Geld zu holen ist, sind wir immer willkommen. Sundance? Dokumentarfilme? Da gibt es tonnenweise Frauen", so Alexander. "Das ist für mich der größte Schlag ins Gesicht: 'Gebt diesen albernen Weibern ein paar Kunst-Fördergelder, damit sie aufhören zu nörgeln.' Aber sobald es um größere Budgets geht, sind wir draußen."

Deutschland und Europa: Anders, aber nicht viel besser

"Finsterworld": Einer der wenigen deutschen Filme des letzten Jahres, bei dem eine Frau für Buch und Regie verantwortlich war.

Und wie sieht es bei uns in Deutschland für Film-Frauen aus? "Leider gibt es bei uns keine verlässlichen Zahlen darüber, wie gut Frauen in der deutschen Filmbranche vertreten sind", sagte Stefanie Görtz vom "Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund | Köln" der BRIGITTE. "Bald wird es hoffentlich repräsentative Vergleichswerte geben, aber erste Erhebungen deuten darauf hin, dass Frauen auch bei uns nur zehn bis 20 Prozent der Filmschaffenden ausmachen." Irgendwas könnte also auch hier besser laufen, denn die Filmhochschulen werden ziemlich genau von gleich vielen Frauen wie Männern abgeschlossen. Mittlerweile nehmen die Absolventinnen diese Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr hin. "Früher haben die Frauen bei einer abgelehnten Filmförderung gedacht, sie wären nicht gut oder überzeugend genug gewesen. Heute haken sie nach. Ich bin gespannt, wo wir in zehn Jahren sein werden", sagt Görtz.

35 Prozent der schwedischen Filmförderung gehen mittlerweile an Regisseurinnen

Grundsätzlich ist der Markt in Europa anders als in den USA, da Kinoproduktionen ihr Geld vor allem von der staatlichen Filmförderung bekommen. Und Schweden hat seit Jahren eine Gleichstellungsquote in der Filmförderung, zusätzlich gibt es Programme, die bei den Filmschaffenden mehr Bewusstsein für Geschlechtervielfalt (und auch kulturelle Vielfalt) erzeugen. Mit Erfolg: "Etwa 35 Prozent der schwedischen Filmförderung gehen mittlerweile an Regisseurinnen", erzählt Görtz. "Dadurch gibt es im schwedischen Kino auch andere Geschichten und andere Erzählweisen zu sehen. Vielfalt zahlt sich eben aus." In England haben sich vereinzelt Netzwerke von Frauen in der Filmbranche gebildet, die kommerziell sehr erfolgreich sind ("Mamma Mia", "The Iron Lady"). Trotzdem: Wirklich gerecht oder gleichberechtigt ist die Branche auch in Europa noch nicht.

Was muss sich ändern?

Können wir als Filmfans irgendwas tun? Am besten wäre es, wenn wir einfach mal öfter ins Kino gehen würden, wenn eine Frau einen interessanten Film gedreht hat. Das ist besser als mit dem Vorsatz, ihn später auf DVD oder im Fernsehen zu gucken, zu Hause zu bleiben. Schließlich ist kein Signal deutlicher als eine volle Kinokasse. Und: In vielen Städten gibt es Frauen-Film-Festivals (siehe Info-Box). Dort gibt es gute Filme von und über Frauen zu sehen, die in Deutschland keinen Filmverleih finden.

Aber, liebe Filmförderer und Produzenten: Die Ungleichheit abschaffen könnt letztlich nur ihr. Schauspielerin Geena Davis schlug letztens vor: Ersetzt doch einfach mal ein paar Männernamen in eurem Drehbuch durch Frauennamen. Zack! Schon habt ihr Frauen in eurem Film, die weder die attraktive Heldenfreundin, noch die fürsorgliche Ersatz-Mami sind. Frauen, die einfach mal stinknormal einen Job erledigen, so wie die Männer auch. Das ist doch eigentlich gar nicht so schwer, oder?

Henning Hönicke (@hhoenicke) wünscht sich, dass alle "Frauen können kein Popcornkino"-Nörgler sich den Anfang von Kathryn Bigelows "Strange Days" ansehen, und sich danach ausgiebig schämen.

Und wenn ihr schon dabei seid, ersetzt auch gleich noch ein paar Männernamen hinter der Kamera durch Frauennamen. Erinnert ihr euch, wie ihr euch gefreut habt, als 2001 "Nirgendwo in Afrika" (und mit ihm Regisseurin Caroline Link) den Auslands-Oscar gewonnen hat? Das könnten wir viel öfter haben.

Traut euch einfach mal!

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