Alexandra Popp: Eine Frau wie Thomas Müller

Alexandra Popp ist der Star der deutschen Nationalelf, die es bei der WM in Kanada schon bis ins Viertelfinale geschafft haben. Glamourös wie bei den Fußball-Männern ist das nicht - damit sie sich das Kicken auf Dauer leisten kann, hat sie noch einen ganz anderen Job.

Bis ins Viertelfinale hat es die deutsche Nationalmannschaft bei der Frauen-Fußball-WM in Kanada schon geschafft. Am Freitag (26. Juni) tritt die Mannschaft um Alex Popp in Montréal um 22 Uhr deutscher Zeit gegen das Team aus Frankreich an.

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Wenn Frauenfußball wäre wie Männerfußball, wäre Alexandra Popp berühmt und reich wie Thomas Müller oder Miroslav Klose. Sie würde auf der Straße erkannt. Sie wäre ein Idol für Millionen kleiner Jungs, weil sie im Fußball nahezu alles erreicht hat. Natürlich würde sie Millionen verdienen; auf jeden Fall aber müsste sie nicht eine Ausbildung zur Tierpflegerin machen - die im Schnitt 750 bis 950 Euro im Monat verdient.

"Hier bist du Tierpflegerin, keine Fußballerin", sagte ihr Ausbilder

Alexandra Popps Arbeitstag begann an diesem Montagmorgen um acht Uhr mit einer Revierrunde. In der Nacht hat es gestürmt, in Stiefeln und brauner Arbeitskluft macht sie ihren Rundgang durch den Tiergarten Essehof bei Braunschweig, um sich zu vergewissern, dass alle Tiere die Nacht gut überstanden haben.

Es ist eisig kalt, und dann regnet es auch noch, als sie anfängt, die Gehege zu säubern. Fünf Tage die Woche arbeitet sie im Tierpark, es sei denn, sie ist mit dem VfL Wolfsburg, ihrem Verein, oder der Nationalmannschaft unterwegs. So wie am vorangegangenen Wochenende, als sie mit dem VfL Wolfsburg in Malmö gegen den schwedischen Meister FC Rosengard gespielt hat, die Mannschaft mit der wahrscheinlich bekanntesten Fußballerin der Welt: der Brasilianerin Marta. Auf die Frage, was denn den Unterschied zwischen beiden Mannschaften ausgemacht habe, antwortete der gegnerische Trainer: "Alex Popp." Sie hat Wolfsburg mit zwei wuchtigen Kopfballtoren ins Halbfinale der Champions League geschossen. Aber das spielt hier im Tierpark keine Rolle, denn im Tierpark, das hat ihr der Ausbilder erklärt, "bist du Tierpflegerin und keine Fußballerin".

"Da sieht man, was wir Frauen imstande sind zu leisten"

Mittlerweile steht Alexandra Popp mit ihrer Schubkarre im Gehege der Kängurus, ihre Haare sind nass, ihre Hände kalt, aber das macht ihr nichts. Überhaupt sieht sie keinen Grund, sich zu beklagen. Es gehe ihr super, sagt sie, es gehe ihr immer super.

Was bei männlichen Fußballern undenkbar ist, dass sie Gehege säubern, in der Geschäftsstelle des Vereins arbeiten oder als Physiotherapeuten, gehört für Fußballerinnen zum Alltag. Selbst wenn sie so erfolgreich sind wie Alexandra Popp. Mit 24 Jahren hat sie mehr als 50 Spiele für die Nationalmannschaft gemacht, mit dem VfL Wolfsburg gewann sie jeweils zweimal die Deutsche Meisterschaft, den DFB-Pokal und die Champions League, 2014 wurde sie Fußballerin des Jahres. Aber das zahlt sich im Frauenfußball nur bedingt aus. Zwar verdient sie genug Geld, um davon zu leben, aber nicht genug, um nach dem Ende der Karriere abgesichert zu sein. Sie braucht, wie Popp es nennt, ein zweites Standbein.

Dabei bereiten sich die Fußballerinnen nicht weniger hart als ihre Kollegen auf die Spiele vor, sie haben jeden Tag Training, manchmal auch zweimal, gehen davor oder danach aber noch arbeiten. "Da sieht man, was wir Frauen imstande sind zu leisten", sagt Alexandra Popp, als sie sich abends noch Zeit für ein Interview nimmt, obwohl sie mit einer Freundin zum Burger-Essen verabredet ist. Bis 14 Uhr war sie im Tierpark, ab 17 Uhr stand sie auf dem Trainingsplatz. Jetzt ist es 20 Uhr, sie trägt einen Trainingsanzug, "wie es sich für eine richtige Fußballerin gehört", sagt sie und lacht. Selbst jetzt hat sie noch gute Laune.

So viel Aufmerksamkeit, das kannte sie nicht

Die "Poppi", wie sie von ihren Mitspielerinnen genannt wird, ist der Mannschaftsclown, eine, die für gute Stimmung sorgt. Das Gegenmodell einer Diva. Ob es sie ärgert, dass Männer- und Frauenfußball so unterschiedliche Perspektiven bieten? "Mittlerweile denke ich darüber nicht mehr nach. Das ist einfach nicht zu vergleichen. Wir Frauen sind froh, überhaupt so professionell Fußball spielen zu können." Alexandra Popp war schon 2011 bei der WM in Deutschland dabei, damals noch als jüngste Spielerin in der Nationalmannschaft. Rückblickend eine der schönsten Erfahrungen und eine Extremsituation, wie sie sagt. So viel Aufmerksamkeit, das kannte sie nicht. Die "Bild" machte sie zum "Popp-Star" und die Deutsche Post zur Werbefigur in einem TV-Spot. Das ganze Land, so schien es, war im Frauenfußballfieber.

Es ist nicht so, dass die Frauen seitdem in ausverkauften Stadien spielen. Die Frauenbundesliga hat einen Schnitt von knapp 1200 Zuschauern pro Spiel, vor der WM lag er bei etwa 800. Zum Vergleich: Bei den Männern liegt er bei 43 000. Aber dennoch: "Als Spielerinnen sind wir bekannter geworden", sagt Alexandra Popp, "der Sport hat mehr Anerkennung erfahren."

Und das auch dank ihr selbst. Darauf ist sie durchaus stolz. Als sie mit fünf zum FC Schwarz-Weiß Silschede in ihrem Heimatort Gevelsberg kam, war sie das einzige Mädchen in der Mannschaft, in der Liga gab es außer ihr nur ein weiteres Mädchen. Mit dem Gespött der Jungs ist sie groß geworden. Aber sie hat es ihnen auf dem Platz heimgezahlt. "Bis zum 14. Lebensjahr bei den Jungs zu spielen, war für mich das beste, was ich hätte machen können, weil es mich als Spielertyp geprägt hat. Ich habe oft auf die Socken bekommen und gelernt, damit umzugehen", sagt sie. Die Bundestrainerin Silvia Neid sagte über Alexandra Popp: "Die Poppi hat eine Eigenschaft, die nicht viele Frauen im Fußball haben: Sie geht im Spiel dorthin, wo es wehtut."

"Ich habe anfangs schon mal gedacht, dass das nicht gerecht ist"

Erst nachdem sie mit 14 in eine Mädchenmannschaft wechseln musste, weil es die Regeln so vorschreiben, fing sie an, sich mit Frauenfußball zu beschäftigen. Bis dahin träumte sie davon, Kindergärtnerin oder Tierarzthelferin zu werden, weil ihr Fußballprofi als Mädchen gar nicht in den Sinn kam. Mit 16 wechselte sie zum 1. FFC Recklinghausen, ein Jahr später dann in die Bundesliga nach Duisburg. Ihr Fachabitur machte sie auf der Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen, die Schule hat eine Kooperation mit Schalke 04 und wird von deren Nachwuchsspielern besucht.

Alexandra Popp war und ist bis heute das einzige Mädchen, das dort das Abitur gemacht und trainiert hat - unter anderem mit Joel Matip und Max Meyer, die mittlerweile bei Schalke spielen und damit in einer anderen Welt, was die Aufmerksamkeit, die Zuschauerzahlen und das Geld betrifft, obwohl sie von den Erfolgen einer Alexandra Popp nur träumen können. "Anfangs hatte ich schon mal den Gedanken, dass es nicht gerecht ist", sagt sie, aber mittlerweile freut sie sich für die beiden. "Es ist cool zu sehen, wie die sich entwickeln."

Ihr war schnell klar: "Ich will Zootierpflegerin werden

Während sich Matip und Meyer gleich auf den Fußball konzentrieren konnten, musste sich Alexandra Popp Gedanken über ihre Zukunft machen, was ihr nicht leichtfiel. Eine Mitspielerin schlug ihr ein Praktikum im Duisburger Zoo vor. "Nach den ersten zwei Tagen war mir klar: Ich will Zootierpflegerin werden", sagt Alexandra Popp. "Die Nähe zu den Tieren hat mich umgehauen. Sie geben mir so viel zurück."

Selbst wenn sie nach der WM in Kanada als Weltmeisterin zurückkehrt, wird sie morgens wieder um acht in Gummistiefeln im Tierpark stehen. Bei den Kängurus, die ihr entgegenhüpfen, und den Ziegen, die sie anblöken. Vielleicht wird sie mit ihren Kollegen auch ein wenig feiern, mit Sicherheit wird ihr Ausbilder ihr gratulieren, aber das wird es dann auch gewesen sein, denn Tierpfleger, sagt sie, hätten nur selten etwas mit Fußball am Hut.

"Machen Sie eine Geschichte über den Tierpark?", fragte eine Frau, die mit ihren Kindern den Tierpark Essehof besuchte, Nicol Ljubic, den Autor dieses Texts. Zu ihrem Erstaunen erklärte er ihr, dass es um die Tierpflegerin gehe, die nebenbei Fußballstar sei. "Das ist ja verrückt", sagte die Mutter zu ihren Kindern.

Text: Nicol Ljubic BRIGITTE 13/2015
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