Großes Kino: Fatih Akin und Hanna Schygulla

Fatih Akin, der vielversprechendste deutsche Regisseur, hat einen neuen Film gemacht. Mit dabei: die Fassbinder-Ikone Hanna Schygulla. Bei beiden war es Liebe auf den ersten Blick.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft: "Es war, als würden wir uns ewig kennen", sagen Hanna Schygulla und Fatih Akin, "wie aus einem früheren Leben"

Hanna Schygulla sitzt schon, als Fatih Akin ins Hotelzimmer stürmt. Die Begrüßung ist herzlich, die beiden haben sich lange nicht gesehen. Sofort ist klar: Hier treffen zwei aufeinander, die sich viel zu selten sehen. Das erstaunt nicht bei den Reiseplänen der beiden: Akin lebt in Hamburg, kommt gerade aus New Mexico zurück und ist auf dem Sprung nach Sarajewo, Schygulla lebt in Paris, dreht demnächst in Petersburg - diese Begegnung an einem Sonntagnachmittag in Köln erscheint plötzlich wie ein kleines logistisches Wunder. Beide glauben an Wunder, an Fügung und die Macht des Zufalls. Das zeigt ihr Film "Auf der anderen Seite" (Start: 27.9.), für den Fatih Akin in Cannes den Drehbuchpreis bekam - und dieses Gespräch.

BRIGITTE: Können Sie sich noch erinnern, wie Sie sich gegenseitig zum ersten Mal wahrgenommen haben?

Hanna Schygulla: Ich habe ihn im Fernsehen gesehen, bei der Verleihung des Goldenen Bären. Der hat was, hab ich mir gedacht! Er hat sich so unverhohlen gefreut, das fand ich gut. Und es hat mich an Fassbinder erinnert.

Fatih Akin: Ich war acht oder neun. 1982, zum Todestag von Fassbinder, wurden ganz viele Filme von ihm im Fernsehen wiederholt. Und in unserer Fernsehzeitschrift waren Fotos aus den Filmen abgedruckt. Da stand Frau Schygulla in so Strümpfen mit Strapsen. Und mir war klar, dass ich diesen Film nicht gucken darf!

Hanna Schygulla: Begegnet sind wir uns dann 2004 beim Filmfestival in Belgrad. Das erste Treffen ist ja sehr wichtig. Diese blitzartige Wahrnehmung, da begreift man so viel auf den ersten Blick.

Fatih Akin: Du hast in einer Ecke an einem Tisch gesessen, der Direktor des Festivals hat uns bekannt gemacht, und wir haben uns dazugesetzt. Es war gleich sehr vertraut.

Hanna Schygulla: Es war, als würden wir uns schon ewig kennen ...

Fatih Akin: . . . wie aus einem früheren Leben. Die Ehrfurcht kam dann erst nach den Dreharbeiten mit dir.

BRIGITTE: Haben Sie schon damals in Belgrad darüber gesprochen, einmal zusammen einen Film zu machen?

Fatih Akin: Nein, das kam erst später. Aber Hannas Figur in meinem Film "Auf der anderen Seite", die Susanne Staub, die habe ich für sie geschrieben. Das ist die Projektion meiner eigenen Persönlichkeit und meiner Seele auf ihren Körper. Diese deutsche Frau Ende fünfzig verliert ihre Tochter, und ich habe mich gefragt: Wie würde ich mich verhalten, wenn mein Kind gestorben wäre? Wenn also das Schlimmste, was passieren kann, passiert ist?

Hanna Schygulla: Ja, und du hattest einen richtigen Lebenslauf für diese Figur entwickelt, das hat mich sehr beeindruckt. Inzwischen weiß ich, dass du das immer für alle deine Figuren machst. Der von Susanne Staub ging weit über die Rolle hinaus, oder sagen wir: In der Figur finden sich nur Spuren davon. Die wurde von ihrem Mann, einem Archäologen, den sie im Irak kennen gelernt hat, verlassen. Sie ist mit ihrer Tocher allein und Denkmalschützerin, und ich hab dich gefragt: Muss es unbedingt Denkmalschutz sein? Das kam mir so staubig vor, zusammen mit dem Namen. Aber da wolltest du nicht von abrücken. Du hattest eine Lehrerin, die hieß Staub, nicht?

Fatih Akin: Ja, Frau Doktor Staub aus Blankenese. Die ist schon gestorben. Bei ihr hab ich mein Abitur geschrieben, über Goethe, aber nicht sehr gut. Egal, sie hat was in mir gesehen. Während der Schulzeit war ich in so Gangs, aber diese Frau hat meine andere Seite gefördert.

Hanna Schygulla: Das hatte ich auch, zwei Lehrerinnen, die ganz wichtig waren. Nicht wegen dem, was sie mir beigebracht haben, sondern weil die was in mir gesehen haben, was die anderen nicht gesehen haben. Und dann gab es in meinem Leben eine Susanne, deswegen hab ich mir von dir diesen Vornamen gewünscht. Wir haben zusammen als Aushilfskellnerinnen gejobbt, und sie hat gesagt: "Ich geh auf die Schauspielschule, komm doch mal mit." Das hab ich gemacht, und da war dann auch der Fassbinder.

BRIGITTE: Der von Ihrem Anblick wie vom Blitz getroffen war und sofort gedacht haben soll: Diese Frau wird einmal der Star meiner Filme. Aber Ihre Eltern waren nicht glücklich, als Sie mit der Schauspielerei angefangen haben, oder?

Hanna Schygulla: Um Gottes willen, nein, und dann noch mit so einem Bürgerschreck wie dem Fassbinder! Ich wollte eigentlich Lehrerin werden, hab das sogar studiert, auch ein Praktikum gemacht, auf einer Sonderschule. Meinen Eltern zuliebe habe ich noch weiterstudiert, als ich schon gespielt habe. Ich wollte die nicht so schockieren, weil ihnen das Leben ohnehin schon übel mitgespielt hatte. Studieren, das war für sie das Eldorado, der absolute Aufstieg.

BRIGITTE: Aber irgendwann waren Ihre Eltern doch sicher sehr stolz auf Sie?

Hanna Schygulla: Als meine Mutter gestorben ist, habe ich in ihren Sachen die ganzen Bildchen von mir gefunden, die sie aus Zeitungen ausgeschnitten hatte. Na ja, so ist das. Bei dir war das aber sicher anders, oder? Deine Eltern waren bestimmt gleich begeistert von dem, was du machst. So toll, wie du losgelegt hast.

Fatih Akin: Also, meine Eltern haben mir nicht reingeredet. Meinem älteren Bruder schon, aber da haben sie schmerzlich erfahren müssen, dass das wenig bringt. Und ich habe ja noch viel mehr Mist gemacht als mein Bruder. Meine Eltern waren schon froh, dass ich von der Straße weg war, als dass die gesagt hätten: "Werd mal Arzt."

BRIGITTE: Die Elternfiguren im Film, der türkische Vater Ali und die deutsche Mutter Susanne, haben ihre Kinder beide allein großgezogen und lieben beide selbstlos. Das ist ein sehr positives Elternbild.

Fatih Akin: Der Auslöser, dieses Drehbuch zu schreiben, war, dass ich Vater geworden bin. Auf einmal bist du Vater, das ändert alles. Auf einmal verstehst du alles, was die Eltern so gemacht haben. Du hast eine völlig neue Rolle, über Nacht. Aber du bist selber immer noch das Kind von jemandem, und deine Eltern sagen zu dir: "So, wie du dein Kind jetzt liebst, so lieben wir dich auch, nach wie vor." Das alles zu begreifen ist schwer. Da hilft es mir, so einen Film zu machen. Ich habe all diese Gefühle, und dank meines Berufs kann ich die wenigstens visualisieren, wenn ich sie schon nicht erklären kann. Jeder Film muss mir eine Frage beantworten. Die nach der Liebe - und in diesem Fall jetzt auch nach dem Tod.

BRIGITTE: Frau Schygulla, hat Ihnen das an Fatih Akins Drehbuch gefallen: dass sich jemand in seinem Alter so intensiv mit dem Tod auseinandersetzt?

Hanna Schygulla: Ja, aber vor allem hat es mich erstaunt, weil bei ihm gerade das Kind ins Haus stand. Aber es macht einen ja auch besonders lebendig, an den Tod zu denken. Dann merkst du sofort, was überhaupt eine Bedeutung hat und was Schrott ist. Bei uns ist es ja so: Wenn jemand stirbt, wird er sofort abgeholt. Da musst du dir richtig eine List einfallen lassen, dass du in Ruhe trauern kannst. Der Tod ist ein Schrecken, der sofort entsorgt wird.

Fatih Akin: Trauer wird verdammt, Trauer wird nicht erlaubt, Trauer ist scheiße, weil Trauer sich nicht verkaufen lässt. Dabei lebt man wirklich am intensivsten im Angesicht des Todes. Es gibt da diese Micky-Maus-Sätze, Carpe Diem und so. Aber da ist schon was dran. Der Film ist ein Plädoyer dafür, jeden einzelnen Tag im Leben zu genießen, weil es der letzte sein könnte.

BRIGITTE: Frau Schygulla, hat sich Ihre Einstellung zum Tod dadurch verändert, dass Sie Ihre Eltern am Ende ihres Lebens 18 Jahre lang gepflegt haben?

Hanna Schygulla: Kurz nachdem mein Vater gestorben war und ich gerade seine Wohnung geräumt habe, hatte ich einen Blinddarmdurchbruch, da ging es auf Leben und Tod. Als der Arzt mir das gesagt hat, hat es mich ganz verrückt gemacht, dass ich kein Testament gemacht hatte, obwohl ich doch wusste, dass der eine oder andere was brauchen könnte. Na ja, vielleicht habe ich mich damit auch nur abgelenkt. Aber die Angst vor dem Tod war gar nicht so groß. Früher, als ich jünger war, hatte ich so viele Ängste. Da habe ich manchmal gedacht: Man kann ja auch Schluss machen. Das hat mir dann plötzlich so eine Sicherheit gegeben. Aber jetzt möchte ich schon noch ein paar Runden drehen.

BRIGITTE: Haben Sie das Gefühl, durch die Pflege Ihrer Eltern etwas verpasst zu haben?

Hanna Schygulla: Ich hatte eher dieses Gefühl: Im Leben meiner Eltern hat sich so vieles nicht erfüllt, vielleicht kann ich jetzt noch was gutmachen. Sie kamen beide aus Großfamilien mit elf und 13 Kindern. Da wurde keiner mal geherzt. Als ich ein Kind war, hat mein Vater mir große Angst gemacht. Er kam spät aus der Kriegsgefangenschaft, und ich habe gemerkt, in dem Mann gärt es. Meine Mutter hat oft gesagt: "Komm, geh doch mal zum Vati. Der Vati ist traurig." Aber ich konnte nicht. Am Ende seines Lebens haben wir sehr viel nachgeholt.

BRIGITTE: Sie sagen das mit großer Zärtlichkeit, fast, als hätten Sie für ihn die Mutterrolle übernommen.

Hanna Schygulla: Mein Vater konnte bei mir wirklich wieder zum Kind werden. Mein größter Wunsch war es, selbst Mutter zu werden, und ich habe auch schon ganz konkret über eine Adoption nachgedacht. Aber es ist dann nicht so gekommen: Als meine Mutter krank wurde, habe ich auch sie gepflegt. Und auch meine Mutter und ich konnten viele Wunden schließen.

BRIGITTE: Die Susanne Staub im Film muss von ihrer Tochter auch ordentlich was einstecken . . .

Hanna Schygulla: Gerade Töchter können ihren Müttern gegenüber ja sehr brutal sein, und ich war manchmal schon sehr rebellisch. Meine Mutter hat am Ende zu mir gesagt: "Ich hätte nie gedacht, dass du das alles für mich tun würdest." - "Na siehste", hab ich gesagt, "kennst mich halt doch nicht so gut."

BRIGITTE: Als Ihre Eltern Sie brauchten, haben Sie die Hauptrolle in David Lynchs "Blue Velvet" absagen müssen. War Lynch überrascht, dass Sie die Chance ausgeschlagen und ihm einen Korb gegeben haben?

Hanna Schygulla: Ja, war er wohl. Aber es stand ihm dadurch ja eine neue Liebesgeschichte ins Haus, mit Isabella Rossellini, die dann die Rolle bekommen hat. Da hat es richtig gefunkt.

Fatih Akin: War die nicht auch mit Martin Scorsese verheiratet? Kurz und stürmisch?

Hanna Schygulla: Genau, und mit dem Scorsese hattest du jetzt auch zu tun, oder?

Fatih Akin: Ja, ich habe ihn gerade in Amerika getroffen. Ich darf türkische Filme auswählen, die dann von Scorseses World Cinema Foundation restauriert werden. Der hat mir doch tatsächlich erzählt, wie toll er mein Kino findet. Er hat "Gegen die Wand", "Solino" und "Crossing the Bridge" gesehen. Und den neuen auch schon. Wir hatten ja in Cannes schon eine englische Version. Das alles hier mit Scorsese ist doch irgendwie auch schon wieder einer dieser Zufälle. Wie die, von denen "Auf der anderen Seite" lebt. Die Kreise schließen sich.

FATIH AKIN, 34, wuchs als Sohn türkischer Eltern in Hamburg auf. Schon für seinen ersten Spielfilm "Kurz und schmerzlos" (1998) wurde der Regisseur mit Preisen überhäuft und mit Rainer Werner Fassbinder und Martin Scorsese verglichen. Sein bisher größter Erfolg war "Gegen die Wand" (2004), für den er auf der Berlinale den Goldenen Bären erhielt sowie den Deutschen und den Europäischen Filmpreis. "Auf der anderen Seite", der nach "Gegen die Wand" den zweiten Teil seiner Trilogie "Liebe, Tod und Teufel" darstellt, brachte ihm dieses Jahr in Cannes bereits den Preis für das beste Drehbuch ein. Fatih Akin lebt in Hamburg, ist verheiratet mit Monique Akin, einer Deutschmexikanerin, und hat einen zweijährigen Sohn.

HANNA SCHYGULLA, 63, wurde im oberschlesischen Kattowitz als Tochter eines Holzhändlers geboren. In den Filmen von Rainer Werner Fassbinder wurde sie zur Ikone des deutschen Autorenfilms. Unter ihren bekanntesten Rollen sind "Effi Briest" (1974), "Die Ehe der Maria Braun" (1978) und "Lili Marleen" (1981). 1985 nannte das "Time Magazine" sie auf dem Titel "Europas aufregendste Schaupielerin", das New Yorker MoMA widmete ihr als einziger deutscher Schauspielerin neben der Dietrich eine eigene Retrospektive. Schygulla drehte außerdem mit Regisseuren wie Jean-Luc Godard, Wim Wenders und Volker Schlöndorff, spielt Theater und tritt mit Liederabenden auf. In den 90er Jahren zog sie sich aus dem Scheinwerferlicht zurück, um ihre Eltern zu pflegen. Hanna Schygulla lebt in Paris.

BRIGITTE Heft: 21/07 Fotos: Dominik Asbach, Pandora Film Interview: Stefanie Hentschel und Angela Wittmann
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