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Hape Kerkeling: Heiter und melancholisch


Hape Kerkeling, Deutschlands beliebtester Komiker, hat sich eine Auszeit vom Fernsehen verordnet. Und ein Hörspiel produziert: eine tragische Komödie. Oder doch eher eine lustige Tragödie? Und wie funktioniert überhaupt sein Humor?

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BRIGITTE: Wie würde Ihre Kunstfigur Horst Schlämmer, Chefredakteur des "Grevenbroicher Tagblatts", ein Interview mit Ihnen beginnen?

Hape Kerkeling: Der führt eigentlich keine Interviews. Und wenn, dann würde er immer versuchen herauszufinden, was er mit dem Menschen gemeinsam hat. Je mehr Gemeinsamkeiten sich finden, desto besser für denjenigen, den er interviewt.

BRIGITTE: Klingt ziemlich eitel.

Hape Kerkeling: Horst Schlämmer, wohlgemerkt - oh ja.

BRIGITTE: Sie haben sich eine Auszeit vom Fernsehen genommen und unter anderem ein neues Hörspiel inszeniert: "Amore und so'n Quatsch". Worum geht es da?

Hape Kerkeling: Also, es geht um Marion Pfütze, 32 Jahre alt, Krankenschwester im mittelfränkischen Aufseß. Sie lebt gemeinsam mit ihrem herzschwachen Vater, der den Elektroladen Pfütze betreibt. Marion ist verlobt mit Heinz-Dieter, einem ziemlich üppigen und phlegmatischen Franken. Sie hat das ungute Gefühl, dass in ihrem Leben noch etwas mehr passieren muss. Als der Vater stirbt, beschließt sie, zwei Träume in die Tat umzusetzen: "Ammol ans Meer und nach Berlin fahrn." Über Berlin kommt sie nach Kalabrien und sucht natürlich die große Liebe, und am Schluss wird sie fündig, wo sie am wenigsten damit gerechnet hat. Ein romantischer Schwank, wenn man so will.

BRIGITTE: Eine Protagonistin namens Pfütze: Das klingt eher nach Tränen und Trauer statt nach Komik.

Hape Kerkeling: Ach, das ist aber interessant, dass Sie Pfütze mit Trauer verbinden.

BRIGITTE: Was denn sonst? Weinen, Kummer, Tränen, Pfütze ...

Hape Kerkeling: Komisch, ich fand, dass dieser Name die Assoziation hervorruft: Emotionen. Wasser. Und Wasser ist ja erst mal nichts Schlechtes. Aber ganz unrecht haben Sie nicht: Einer Komödie liegt immer ein tragischer oder zumindest problematischer Wendepunkt im Leben eines Menschen zugrunde. Sonst entspinnt sich die Handlung nicht. Insofern ist das Drama die Sprungfeder für die Komödie. Oder sagen wir ruhig Tragödie, denn es beginnt mit einer Tragödie.

BRIGITTE: Bleiben Sie mit einem Hörspiel - allein auf die Stimme reduziert - nicht weit hinter Ihren Möglichkeiten zurück?

Hape Kerkeling: Mit diesen Hörbüchern knüpfe ich an das an, was ich als Kind besonders geliebt habe. Ich habe mit meinem Kumpel, Achim Hagemann, mit dem ich bis heute zusammenarbeite, schon im Kinderzimmer die abstrusesten Hörspiele aufgenommen und mehrstimmig ganze Welten gebastelt. Eigentlich das Medium, in dem ich mich im Moment am meisten zu Hause fühle.

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BRIGITTE: Einmal haben Sie sich als polnischer Opernsänger ausgegeben. Ihre Parodie auf moderne klassische Musik mündete in dem Ausruf "Hurz". Hat Ihr Humor etwas Subversives? Sind Sie so eine Art Spaß-Guerilla oder moderner Hofnarr?

Hape Kerkeling: Hofnarr würde bedeuten, dass ich einen König über mir habe, dem ich es am Ende recht machen müsste. Habe ich eigentlich nicht. Natürlich hat man immer irgend jemanden über sich, der auch noch mitzureden hat. Trotzdem, als Hofnarr würde ich mich nicht bezeichnen. Aber subversiv ist das, was ich mache, sicher.

BRIGITTE: Zumal sich Ihre Späße auch häufig gegen Institutionen und Autoritäten richten.

Hape Kerkeling: Richtig, das ist auch ganz bewusst so gewählt, dass es gegen Autoritäten geht oder, sagen wir mal, gegen fragwürdige Autoritäten. Reicht Ihnen das als Antwort? Ich glaube nicht. Sie gucken so unzufrieden.

BRIGITTE: Das täuscht. Das liegt daran, dass ich meine eigene Schrift und die nächste Frage nicht lesen kann.

Hape Kerkeling: Geben Sie mal her. Ich habe selbst eine Sauklaue. Ich hatte in "Schrift" immer eine Vier oder Fünf. Und das war versetzungsgefährdend. Bis das irgendwann Gott sei Dank abgeschafft wurde. Aber das hier kann ich auch nicht lesen.

BRIGITTE: Und? Sind Sie sitzengeblieben?

Hape Kerkeling: Fast sitzengeblieben. In der Neunten und in der Zehnten. Weil ich in Physik, Chemie und Mathe immer auf der Kippe stand. Im Abitur hatte ich einen einsamen Punkt in Mathe und habe gejubelt - sonst hätte ich das ganze Abi noch mal machen müssen. Ich weiß bis heute nicht, was ich da eigentlich gelernt habe.

BRIGITTE: Ich glaube, ich kann meine Schrift jetzt doch entziffern. Die nächste Frage lautet demnach: "Können Sie eigentlich über sich selbst lachen?"

Hape Kerkeling: Im Nachhinein schon. Über Dinge, die ich so vor zehn, 15 Jahren gemacht habe, kann ich durchaus auch mal lachen.

BRIGITTE: Viele Künstler schämen sich ja eher für ihr Frühwerk.

Hape Kerkeling: Das kann ich nicht sagen. Mein eigener Rückblick auf das, was ich getan habe, ist relativ gnädig. Ein paar Sachen hätte man sicherlich besser machen können.

BRIGITTE: Hätten Sie heute noch die Dreistigkeit für den Königin-Beatrix-Coup?

Hape Kerkeling: Schauen Sie. Dinge, die ich damals mit Ende zwanzig gemacht habe, entsprachen dem jugendlichen Charakter. Irgendwann passt das nicht mehr, es wird peinlich. Insofern verändert man dann besser seine Arbeit. Etwas künstlich aufrechthalten zu wollen, was so in einem nicht mehr vorhanden ist, das wäre ja Quatsch.

BRIGITTE: Sie sind mit vielen Preisen ausgezeichnet worden und haben mit "Ich bin dann mal weg" einen Millionenseller geschrieben. Sie sind auf der Höhe Ihrer Kunst angekommen?

Hape Kerkeling: Das klingt ein bisschen größenwahnsinnig. Ich kann das nur an der Reaktion der Zuschauer auf mich erahnen, und da scheint es wohl so zu sein. Und da ich nicht wirklich annehmen kann, noch mal ein Buch zu schreiben, das ähnliche Verkaufszahlen erreicht, könnte es wohl so eine Art Zenit sein. Aber vielleicht überrasche ich mich ja noch mal selbst.

BRIGITTE: Sie haben einmal gesagt, dass Sie melancholisch, häuslich und bodenständig sind und dass Sie zwecks Inspiration gern in den Wald gehen ...

Hape Kerkeling: Um Gottes willen, wo das wieder her ist. Manchmal gibt es Interviews, da denkt man, was wollen die denn jetzt wieder von einem? Dann geht man mal auf eine doofe Frage eben einfach in den Wald. Am Ende des Tages bin ich Humorist. Da darf man vieles ernst nehmen. Aber nicht alles.

BRIGITTE: Was stimmt denn nun?

Hape Kerkeling: Ich bin bodenständig, doch. Ich bin ein heiterer Mensch, aber durchaus melancholisch und genieße das auch.

BRIGITTE: Damit sind wir nah am Klischee des traurigen Clowns.

Hape Kerkeling: Und das ist natürlich Quatsch. Menschen, denen ich begegne, sagen oft: "Sie sind ja so ernst, Herr Kerkeling." Ich verkörpere Figuren im Fernsehen, die so überdreht sind, dass man nicht ernsthaft annehmen kann, ich würde mich im Privatleben auch nur annähernd so verhalten. Dadurch wirkt dann ein relativ normales Verhalten im Vergleich plötzlich depressiv. So kommt die scheinbare Kluft zustande.

BRIGITTE: Wenn wir schon beim Thema "Ernst" sind, eine letzte Frage: Herr Kerkeling, was wird auf Ihrem Grabstein stehen?

Hape Kerkeling: "Ich bin dann mal weg"? Ich weiß nicht mal, ob ich einen haben werde. Es ist mir, ehrlich gesagt, auch egal.

Interview: Jan Jepsen Ein Artikel aus der BRIGITTE 24/08

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