Helge Schneider: Das alte Kind

Mit "Wullewupp Kartoffelsupp" geht Helge Schneider jetzt wieder auf Tour. Ein Porträt.

Mit altmodischen Tugenden wie Geduld, Fleiß und Disziplin kennt sich niemand besser aus als Helge Schneider. Gerade er nimmt seinen Beruf ernster als mancher Beamter. BRIGITTE durfte Helge Schneider ausnahmsweise während der Tournee begleiten.

Trailer-Premiere: "Alles Inklusive": Der Trailer zur neuen Dörrie-Komödie

Am Karnevalssamstag in Köln verrutscht allen Leuten das Bewusstsein, aber gleich beim Frühstück im Hotel "Mondial" am Dom erscheint mir ein Bild trotzdem so unwirklich, dass ich kurz nachrechne, wie viele Kölsch es am Abend vorher noch mal gewesen sind. Ich sehe über die Trennwand der Frühstückstische und erstarre, weil mich Helge Schneider aus einem Baby- Hochstuhl angrinst: Er klopft mit dem Löffel, die schulterlangen Haare fliegen umher, und die Augen gucken frech. Dieser Mensch ist keine anderthalb Jahre alt, dennoch warte ich darauf, dass sich der kleine Mund öffnet und "Katzeklo" singt.

Dann schiebt sich die Realität wieder zurecht: Vater Helge Schneider taucht auf, will seiner jüngsten Tochter Frieda einen Kuss auf die Wange geben, aber diese patscht ihm ihre kleine Hand ins Gesicht, will ihre Ruhe haben und ungestört Töne erzeugen. Helge lacht. Er sieht müde aus, fertig wie immer. Zwei Tage vor unserem Treffen wollte der 53-Jährige die seit Wochen geplante Tourbegleitung absagen: Er sei zu kaputt zum Reden. Es war schon eine Ausnahme, dass er während seiner aktuellen Tournee "Wullewupp Kartoffelsupp" überhaupt jemanden dabei sein lassen wollte: Drei Stunden Alleinunterhalter pro Abend schlauchen.

Zwar tritt Helge mit Band auf, aber er ist derjenige, der das Programm stemmt. Seit Anfang Februar ist er auf Tour, und bis zum 20. Dezember geht das so weiter. Mit an Bord: seine Freundin Maria und das Baby, das morgens zwischen sechs und acht aufwacht. Gerade ist seine zweite Autobiografie erschienen, "Bonbon aus Wurst". Eine Absage wäre also verständlich gewesen, doch als er hörte, dass ich auch ein kleines Kind habe und für den Job schon alles organisiert war, willigte er doch ein: "Okay. Soll vorbeikommen."

Wie wird er sein, der Helge, nach dieser Vorgeschichte? Ich richte mich ein auf EinWort-Antworten und schlechte Laune, aber wie immer liefert er nicht das Erwartbare. Als ich ihn das erste Mal treffe, trägt er Anzug mit knallroter Wollmütze, er begrüßt mich höflich, entschuldigt sich aber gleich wieder und ist weg. Beim zweiten Mal schiebt er mit dem Kinderwagen durch Köln, am Lenker hängt ein riesiger, knallgelber Luftballon mit dem Gesicht von Bert aus der "Sesamstraße". Ich lasse Helge Schneider für sich sein, weil ich glaube, dieser Mann macht Dinge lieber freiwillig als nach Aufforderung. Und so kommt nachmittags um 17 Uhr die Erlaubnis: Einlass in den Backstage-Raum, vor dem Auftritt in der Philharmonie.

Helge sitzt in der Mitte einer langen Tafel, die Band verteilt sich drumherum. Jeden Tag um 17 Uhr steht ein Buffet bereit. "Auch als Lockmittel, damit ich alle zusammen habe", sagt Manager Till Oellerking. In dem Catering-Raum herrscht eine entspannte Stimmung, als würde die Band gerade mit dem Zug in Urlaub fahren. Erwin vom Mischpult sorgt sich um seinen roten Ausschlag im Gesicht, Helge vermutet "Faulfieber", Pete, der Engländer vom Schlagzeug, liest Zeitung, erzählt von Clint Eastwood. "Wir spielen heute sechs neue Stücke", wirft Helge in die Runde. Pete lässt die Zeitung sinken und fragt: "Probe?" "Nö", sagt Helge. "Die Noten bekommt ihr fünf Minuten vor Auftritt." Befreiendes Lachen, alle können sitzen bleiben.

Helge springt als Erster auf: Sein Kontrollgang auf der Bühne steht an: Sind alle Kabel angeschlossen? Klingt alles so, wie es soll? "Beruflich brauche ich viel Disziplin, weil ich bis zum Auftritt alles minutiös plane", sagt Schneider, der ja immer so wirkt, als plane er gar nichts. "Um mich herum muss alles perfekt sein, ich darf nicht von der Technik abhängig sein, sonst kann ich mich nicht entfalten. Manchmal geht auch was schief. Ich finde das nicht schlimm, aber es bedeutet für mich immer einen kleinen Einbruch." Deshalb kontrolliert er beim Soundcheck von 800 Punkten in etwa 795. In dieser Zeit ist er allein, kurbelt, rennt hin und her, kommt oft an mir vorbei und tut immer so, als hätten wir uns noch nie gesehen, sagt jedes Mal trocken: "Guten Tag."

Dann trudeln die Bandkollegen ein, Helge Schneiders Haustiere, die Freundin, das Kind, die Oma, die heute zu Besuch ist, und wer sonst noch auf die Bühne kommen mag. Jeder sucht sich seinen Platz, und was dann entsteht, ist eine kleine Idylle: Helge sitzt am Schlagzeug, Bodo, sein Teebringer während der Show, spielt mit Maria an den Bongo-Trommeln, Frieda klimpert am Klavier, die Oma macht Fotos, Helges zwei Hunde jagen über die Bühne - und keiner fühlt sich von irgendwem gestört.

Noch eine Stunde bis Konzertbeginn. Gleich wird Helge Schneider wieder in seinen Hauptberuf fallen: Improvisator. Ein gewisser Stock an Liedern steht, den Rest improvisiert er täglich neu. Selbst gleiche Lieder unterscheiden sich von einem Abend zum anderen: Zwischen Anfang und Ende gibt es eine völlig andere Geschichte. "Bei Helge ist man gezwungen, genau zuzuhören", so der Bassist Reinhard. "Bei ihm ist nichts so wie am Vortag. Nicht mal ein Witz, der es verdient hätte, noch mal gebracht zu werden." Vor der Tournee hat sich die Band gerade mal drei Tage zum Proben getroffen, in Schneiders Keller in Mülheim. "Wenn die Leute fachlich nicht so gut wären, würde das nicht funktionieren", sagt er. "Man muss zusammen improvisieren können, das kann man nicht üben. Ich glaube aber, die üben heimlich."

Man sieht auf der Bühne, wie die Bandmitglieder bei jedem "So!" von Helge die Hände in Position legen und wie sie sich wieder entspannen, wenn er dann doch noch eine Geschichte erzählt. Einstudiert ist da nichts. Wie immer erstaunt Schneider mit seinem musikalischen Können, fegt über die Bühne (diesmal noch mehr als sonst, da ein Pianist ihm die Arbeit am Klavier abnimmt) und beleidigt seine Kollegen: "Hier, den Bassisten und den Pianisten habe ich in der Altentagesstätte aufgerissen. Die Schwestern kommen gleich und kümmern sich um euch."

Zu Hause spielt Helge Schneider jeden Tag ein Instrument, meistens Klavier - es war sein erstes Instrument im Alter von fünf Jahren. Seine Eltern hatten das Klavier auf Raten gekauft, glaubt er. "Das war mein Glück." Ab da lebte er mit und für die Musik: Er lernte Cello, Trompete, Saxofon, Klavier, Mundharmonika, Vibrafon, Akkordeon, und fast alle Instrumente setzt er auf der Bühne ein. In erster Linie spielt die Band guten Jazz, Schneider kann an der Gitarre aber auch die typischen Klänge aus Spanien zaubern oder diese Pling-Pling-Musik aus chinesischen Restaurants. Und gerade, wenn der Zuschauer wieder denkt: "Wahnsinn, wie der das alles macht", kommt seine Stimme und ruft: "Bitte einmal Nummer 23, gefüllter Entenarsch."

Manche Menschen sind zu erwachsen für das, was ich anbiete

Nicht jeder kann mit diesem Humor etwas anfangen, mit all der Sinnlosigkeit in seinen Geschichten. Wer zu Helge Schneider geht, darf das Kind in sich noch nicht verbuddelt haben. "Was ich anbiete, ist ein Spiel aus Tiefsinn und Flachsinn. Manche Menschen sind dafür schon zu erwachsen", sagt er. "Aber vielleicht lässt ja ein Zuschauer durch ein Konzert den Unsinn in sich mal zu. So etwas kann sehr befreiend sein." Wer ihn erlebt, versteht, dass er einen solchen Quatsch nur machen kann, weil er tiefgründig ist. Kein dummer Clown.

Schneider gründete 1973 seine erste eigene Jazz-Combo, nachdem er sein klassisches Klavierstudium abgebrochen hatte. Über eine Sonderbegabtenprüfung am Duisburger Konservatorium hatte er den Studienplatz bekommen, aber Helge wollte frei sein. Umherziehen und Musik machen, auch wenn zu Beginn nur zwei Leute zuhörten. Der Erfolg kam mit dem Klamauk zu seinen Liedern, ab 1992 waren seine Shows überall ausverkauft. 20 Jahre hatte er bis dahin durchgehalten.

Für "Katzeklo" erhielt er damals den Musikpreis Echo, "Es gibt Reis, Baby" brachte ihm eine Goldene Schallplatte, und sein zweiter Kinofilm "Texas - Doc Snyder hält die Welt an" wurde 1993 zum erfolgreichsten deutschen Film des Jahres: Mit 250 Kopien lag der Film sogar noch vor Steven Spielbergs "Jurassic Park". Aus dem Jungen, der wegen seiner roten Haare gehänselt und "Rotkohl" genannt wurde und in dessen Nähe die Eltern von Schulfreunden damals zu ihren Kindern sagten "Kommt mal besser rein", wenn die mit Helge spielen wollten, war ein Star geworden. "Man ist ja so lange Außenseiter, bis die Leute einen als Idol anerkennen", sagt Helge. "Aber ein Außenseiter bin ich immer noch, ich lebe nur nicht im Outback, sondern mittendrin."

Als er Kind war, schüttelte man über ihn den Kopf, weil er damals schon als Opa verkleidet durch die Straßen zog, seltsame Gänge und Laute ausprobierte. Wenn er heute auf der Bühne die Kandidatinnen aus "Germany's Next Topmodel" imitiert oder Heidi Klum nachäfft, prusten die Leute, Oberkörper schlagen nach vorn, Männer beruhigen ihre glucksenden Frauen.

Was macht einer wie Helge, wenn auf einer Tour so gar keine lustigen Dinge passieren? Wenn es Streit gibt oder, wie vor vier Jahren, sein Vater während der Tournee stirbt? "So etwas berührt meine Arbeit nur im Unterbewusstsein. Es bedeutet nicht, dass der Auftritt deshalb schlecht wird", sagt Helge. "Mir ist noch nie etwas passiert, weshalb ich dachte: Ich kann nicht auftreten. Was ich da mache, finde ich genauso wichtig wie alle anderen Umstände des Lebens, angefangen von Geburt bis Tod."

Er will etwas Gutes herstellen, Qualität abliefern. Seine Arbeit vergleicht er mit der von Handwerkern, die auch stolz darauf sind, wenn sie allein einen guten Schuh herstellen können. 150 bis 200 Auftritte leistet er pro Jahr, daneben entstehen neue CDs, Bücher, Filme, oder er bereitet die nächste Tournee vor. "Ich will jetzt nicht sagen, dass der Beruf des Komikers dem Beruf des Totengräbers ähnlich ist, aber an sich gibt es immer was zu tun", erklärt Helge. "In jeder Zeit ist es wichtig, sich zu exponieren, damit andere was davon abkriegen, von meinem Quatsch. Aber ich mache das auch, weil es mir Spaß macht. Wenn ich Saxofon mit der Band spiele, sehe ich gar keinen anderen mehr. Ich mache das nicht nur, um zu verkaufen, auch wenn es natürlich wichtig ist, meine Kinder zu versorgen." Mittlerweile hat er fünf Kinder von vier Frauen, aber vielleicht ist er diesmal bei der Frau fürs Leben angekommen: Mit Maria, der jungen, hübschen Halbspanierin, sei er glücklich. "Ich fahre jetzt sogar ab und an mal in Urlaub, obwohl das ja keine Aufgabe ist, Urlaub."

Nach dem Auftritt sitzt die Band backstage wieder zusammen, Helge schmiert sich ein Käsebrot. Die Bandmitglieder eint der trockene Humor und ein wenig Irrsinn. Volker, der auf der Bühne nur Yves Yvesen genannt wird, erzählt zum Beispiel von seiner Hotelnacht: "Gestern war über mir totales Gepolter, als hätte jemand Schränke umgeworfen. Aber außer mir hat das niemand gehört. Nun frage ich mich: Hab ich'n Tumor oder wat?"

Gegen halb eins erscheint Helge auf ein Getränk an der Hotelbar. Er redet ruhig und ernst, ein angenehmer Gesprächspartner, eher zurückhaltend, er wirkt fast verletzlich. Kurz redet er von seinen drei Traktoren, die er sich für zu Hause angeschafft hat. Wenn er frei hat, mäht er damit die Wiese auf einem gepachteten Feld. "Ich wollte da eigentlich ein paar Rinder draufstellen", sagt er. "Aber ich bin ja immer weg, das geht nicht. Die wären dann traurig." Zwanzig Minuten später verabschiedet er sich. "Nach der Show habe ich oft Kreislaufstörungen, weil ich so viel singe, das ist sehr anstrengend." Das alte Kind muss ins Bett: Morgen soll es wieder hüpfen und lustig sein.

Tour-Termine unter www.helge-schneider.de

Text: Andrea Hacke Ein Artikel aus der BRIGITTE 08/09
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!