Ildikó von Kürthy: Eine Frau, die niemals langweilig sein will

Bestseller-Autorin Ildikó von Kürthy ist Meisterin darin, im Durchschnittlichen das Besondere zu entdecken - und den Alltag damit zum Funkeln zu bringen. Ein Porträt.

Ab sofort in jeder BRIGITTE: Ildikó von Kürthys Kolumne "Problemzonen".

Ich hätte kein Stockfisch werden können, der nicht spricht

Als Kind ist sie, wie sie sagt, ständig "berieselt" worden mit Sprache. Schon früh hat sie begriffen, dass Wörter ein wichtiges Werkzeug sein können. Ihre Mutter war Buchhändlerin, ihr ungarischer Vater Pädagogikprofessor. Ein intellektueller Haushalt in Aachen, Ildikó das einzige Kind. Ihr Vater war blind, ihm schöne Augen zu machen, wäre zwecklos gewesen. "Das Wort war unser Medium. Ich hätte kein Stockfisch werden können, der nicht spricht."

Ildikó von Kürthy spricht viel und überraschend offen, ohne Umschweife und Volten, über sich selbst. Da kommen dann Sätze wie: "Ich stehe dazu, dass ich mich für meine Oberschenkel mehr interessiere als für Weltpolitik." Sätze, für die so viele sie lieben, vor allem Frauen. Im unberechenbaren Buchmarkt ist die 41-Jährige ein Phänomen. Mit ihrem ersten Roman, "Mondscheintarif", landete sie 1999 aus dem Stand einen Bestseller. In der aktuellen Ausgabe des Buches steht "49. Auflage Februar 2009". Von solchen Zahlen träumen viele Autoren gar nicht erst. Ihre Romane - sechs sind es inzwischen - haben eine Gesamtauflage von mehr als fünf Millionen erreicht. "Mondscheintarif" wurde fürs Kino verfilmt, andere Verfilmungen sollen folgen.

Wörter als Werkzeug. Ildikó von Kürthy ist Journalistin, absolvierte die Henri-Nannen-Journalistenschule, arbeitete beim Magazin der "Süddeutschen Zeitung", war Redakteurin bei BRIGITTE und beim "Stern", schrieb Porträts, Interviews, Reportagen, Glossen... Die Idee aber, ein Buch zu schreiben, war nicht von ihr. "Schreiben Sie doch mal etwas Lustiges über Frauen", forderte die damalige Rowohlt-Lektorin Britta Hansen sie auf. Die Journalistin tat es, recherchierte an der Basis, verwertete, was Freundinnen ihr erzählten und was ihr eigenes Leben als Material hergab. In "Mondscheintarif" heißt die Heldin dann Cora Hübsch, ist 33 und mag ihre krummen Zehen nicht. "Der Fuß ist eine weitgehend unerschlossene weibliche Problemzone", lautet der erste Satz des Romans. Wie viele Problemzonen, verdammt noch mal, hat ein Körper eigentlich?

Solche wie mich, gibt's viele

Wer von Kürthys Bücher liest, taucht ein in einen Kosmos aus Kalorien, Fettverbrennung, Falten, Orangenhaut, störrischen Haaren, Augenringen, Maniküre, Pediküre. Dass die Heldinnen so weit entfernt von jeglicher Perfektion sind wie die Erde vom Mars, ist für die Leserin angenehm entlastend. Entspannt euch, Mädels, ist die Botschaft, es geht uns allen so. Und das ist auch das Erfolgsgeheimnis dieser Bücher: Marie Goldhausen oder Amelie Puppe Sturm sind absoluter Durchschnitt. Sie sehen mittelprächtig aus, sind mittelprächtig erfolgreich, und was ihre Neurosen angeht, sind sie ebenfalls Mittelmaß.

Auch Ildikó von Kürthy, die verheiratet ist und einen Sohn hat, sieht sich "in vielerlei Hinsicht als Durchschnittsfrau. Solche wie mich gibt's viele". Understatement? Nein. Doch, natürlich. Sie ist weitaus erfolgreicher als die meisten Frauen. Und sie hat die Fähigkeit, Krampfadern und Rettungsringen den Kampf anzusagen - mit Humor. "Ich bin nicht dazu da, die Leute zu langweilen. Ich will unterhaltsam sein, so wie ich mit interessanten Leuten zusammen sein möchte", meint sie kategorisch.

Und wann wird es der Frauenversteherin vom Dienst mal langweilig, über Oberflächen und Maße von Madame Durchschnitt zu schreiben? "Im ersten Buch spielte das Aussehen noch eine große Rolle", meint die Autorin. "Aber meine Heldinnen scheren sich doch immer weniger darum." Und sie selbst? "Sicher ist es mir wichtig. Ich fühle mich fett unwohler als schlank und fit wohler als träge. Es ist einfach schön, wenn man sich gut fühlt in seinem Körper." Natürlich könne eine Frau emanzipiert sein und gleichzeitig den Bestseller "Schlank im Schlaf" lesen. Sie habe sich das Buch schließlich auch gekauft. "Ich behaupte aber: aus Recherchegründen." Sie grinst, fährt sich durchs Haar, was sie häufiger tut. Vor einiger Zeit war sie im "P 1", einer angesagten Disco in München. Ein Türsteher sorgt rigoros dafür, dass nur Auserwählte reinkommen. Ildikó von Kürthy kam rein. Und fühlte sich überflüssig, schlecht behandelt, dick, alt und unsicher. "Es waren VIP-Circles abgesperrt, man konnte die Schönen feiern sehen, die Wodka in Magnumflaschen bestellten. Ich gehörte überhaupt nicht dazu und nahm das übler und übler", sagt von Kürthy. "Ich konnte es nicht ertragen, so ein Krümel auf dem Fußboden zu sein." Dann kam ihr der rettende Gedanke: Sie fing an zu recherchieren, als Journalistin. Wörter als Werkzeug. Wollte den Geschäftsführer sprechen, sagte, sie schreibe eine Kolumne, sprach mit ihm über die Einlasspolitik, das Publikum. Plötzlich, sagt sie, fühlte sie sich okay. Sie war in der Rolle, die sie kannte und konnte. Das "P 1" als Schickeria-Studie. "Nichts passiert mir umsonst. Alles Widrige ist verwertbar, und dadurch wird es erträglich."

Woher kennt diese Autorin mein Leben und meine Gefühle?

Wie viel Besonderes steckt in einem ganz normalen Leben? Ildikó von Kürthy nimmt ihr Gegenüber immer wieder ins Visier, und man fragt sich, was sie wohl schon entdeckt hat, das sich für einen ihrer Texte eignet. Aber sie richtet ihren scharfen Blick und ihr Gespür für Pointen nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Als 2006 ihr Text "Haupsache dünn?" als BRIGITTE-Dossier erschien, schrieben viele Frauen mit dem Tenor: Woher kennt diese Autorin mein Leben und meine Gefühle? Und wie schafft sie es, dass ich jetzt darüber lachen kann?

Selbstironie ist eine ihrer großen Stärken. Sie selbst nennt es auch "selfish", selbstbezogen. "In meiner Beziehung bin ich nicht diejenige, die sich total hingibt, aufopfert, aufmerksam ist. Dazu bin ich zu sehr mit mir beschäftigt." Und ihr Mann? "Er kann das erstens aushalten, zweitens liebt er es - meistens. Er kreist weit weniger um sich selbst, sonst ginge das gar nicht." Standardfrage an eine Mutter: Wie weit hat ihr heute dreijähriger Sohn ihr Leben verändert? "Ich bin glücklicher, kompletter, aber nicht weniger selbstbezogen. Gabor hat mir nicht, wie ich gehofft hatte, den Sinn des Lebens frei Haus geliefert. Ich muss immer noch sehen, dass ich mein Dasein selbst erfülle. Viele Mütter denken, wenn sie ein Kind haben, hat sich das erledigt." Immerhin kennt sie nicht das alltägliche Gezerre, Beruf und Kind gleichermaßen gerecht werden zu wollen und es doch nicht zu schaffen. Sie und ihr Mann arbeiten beide frei und kümmern sich um den Sohn. Ein großer Luxus.

Ihr Dasein erfüllt sie gerade wieder mit Schreiben, sie hat vor Kurzem ein neues Buch angefangen. Ihr Mann, selbst Journalist, ist ihr erster Leser. Keiner, der seine Kritik in Watte packt. "Ich bin sicherlich leicht verletzt, und er ist leicht verletzend. Da prallen zwei ungünstige Temperamente aufeinander." Vor Jahren witzelte ein Kritiker, Ildikó von Kürthy schreibe "wie Inge Meysel auf Ecstasy". Das saß. Doch Ildikó nahm es zunächst als Kompliment. Vielleicht eine Form von Selbstschutz. Natürlich ist sie stolz auf ihren Erfolg. "Wer hätte das gedacht? Ich selbst am allerwenigsten." Wenn sie heute in verschiedenen Genres schreibt, ist das für sie, als wären "verschiedene Muskelgruppen aktiviert". Der Journalismus sei ihr Beruf, und den nehme sie sehr ernst. "Die BRIGITTE-Kolumne ist keine Affäre, sondern eine Liebesheirat. Ich hoffe auf eine lange und glückliche Beziehung. Bis man mich irgendwann rückwärts rausträgt."

Foto: Mathias Bothor BRIGITTE Heft 23/09
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