Judith Hermann: "Ich empfinde den Tod nicht als Tabu"

Judith Hermann hat ein neues Buch geschrieben: "Alice". Fünf Erzählungen, fünf Todesfälle. Die Bestseller-Autorin mutet dem Leser darin einiges zu.

Wie hat unseren Leserinnen "Alice" gefallen? Lesen Sie die Kritiken in unserem Buchsalon.

BRIGITTE: Die wichtigste Figur in Ihrem neuen Erzählband heißt Alice. Sie taucht in allen Geschichten auf und erlebt jedes Mal den Tod eines Menschen, der ihr mehr oder weniger nahe ist. Warum so viel geballtes Unheil?

Judith Hermann: Ich habe das nicht beschlossen - das hat sich beim Schreiben entwickelt, es gab nach der zweiten Erzählung kein Zurück. Ich konnte nicht zwei Geschichten über das Sterben schreiben und die dritte über jemanden, der in die Karibik reist und sich gerne verlieben möchte - das wäre nicht gegangen.

BRIGITTE: Bei der Lektüre hat man das Ge-fühl, dass Sie eine persönliche Erfahrung verarbeiten. Gab es so etwas?

Judith Hermann: Im Sommer 2003 hatte mich ein Freund, der Schriftsteller Reinhard Baumgart, in sein Haus am Gardasee eingeladen. Als ich dort war, starb er, unerwartet, im Alter von 73 Jahren. Für mich war es das erste Mal, dass jemand starb, mit dem ich befreundet war, ich fand in mir keinen richtigen Ort für diese Trauer. Möglicherweise ist daraus die Erzählung "Conrad" entstanden.

BRIGITTE: Sind Sie später wieder in das Haus am Gardasee gefahren?

Judith Hermann: Ja, mehrfach. Ich habe dann dort Reinhard Baumgarts Frau besucht. Es hat mich mitgenommen, aber es war auch schön. Es gehört wohl da-zu, oder? An solche Orte zurück zu kehren. Erinnerung zuzulassen.

BRIGITTE: Haben Sie sich beim Schreiben anders gefühlt als bei den Büchern davor?

Judith Hermann: Ich habe zwischendurch gestaunt, dass es möglich ist, bestimmte Sätze über den Tod zu schreiben, ohne dass sich um mich herum dabei irgendetwas verändert hätte. Ich hab über den Abstand gestaunt zwischen mir und den Sätzen, die ich aufschreiben wollte.

BRIGITTE: Was für Sätze sind das?

Judith Hermann: Sätze über die Gleichzeitigkeit völlig unterschiedlicher Zustände. Zum Beispiel. In einem Bett in einer Wohnung in einem Haus stirbt ein Mensch. Und zur selben Zeit machen andere Menschen in diesem Haus andere, völlig banale Dinge: Abendbrot essen, das Radio leise stellen, unter die Dusche gehen. Für den einen bleibt die Zeit stehen. Und für die anderen geht sie weiter. Das ist ebenso simpel wie ungeheuerlich, und trotzdem kann man es einfach so feststellen. Fest stellen - im Sinne des Wortes.

BRIGITTE: Hat Sie das Thema psychisch herun-ter gezogen?

Judith Hermann: Nein. Ich glaube, Schreiben bedeutet für mich immer, eine gewisse Distanz zu halten. Einen Abstand. Wenn ich das Gefühl habe, eine gelungene Seite geschrieben zu haben, bin ich glücklich, auch wenn ich gerade etwas Trauriges, Schweres beschrieben habe.

BRIGITTE: War es letztlich für Sie auch eine Erleichterung, dass Sie sich dem Tabu-Thema Tod nähern konnten?

Judith Hermann: Ja, vielleicht. Aber ich empfinde den Tod gar nicht als Tabu. Im Nachhinein hatte es etwas Beruhigendes für mich, diese Sterbesituationen relativ nüchtern aufzuschreiben und festzuhalten.

BRIGITTE: Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

Judith Hermann: Vier Jahre insgesamt.

BRIGITTE: Bei Ihrem letzten Buch, "Nichts als Gespenster", war Ihr Vater Ihr erster Leser. Diesmal auch?

Judith Hermann: Nein. Ich wollte meinen Eltern gerade dieses Buch als ein gebundenes Buch zum Lesen geben. Wahrscheinlich denke ich, wenn es gebunden vor ihnen liegt, werden sie weniger erschrocken sein.

BRIGITTE: Haben Sie keine Angst vor der Kritik, Judith Hermann, die Spezialistin für Melancholie und Abschied, schreibt jetzt rabenschwarze Bücher?

Judith Hermann: Nein. Wovor sollte ich da Angst haben? Ich empfinde "Alice" auch nicht als rabenschwarz. Kritische Stimmen zu Melancholie und Abschied gab es schon im zweiten Buch "Nichts als Gespenster". Würde ich mir beim Schreiben Gedanken über die Kritik machen, bekäme ich keine vernünftige Zeile zustande.

BRIGITTE: Gibt es aus Ihrer Sicht auch ein Fünkchen Trost in Ihrem neuen Buch?

Judith Hermann: Ja. Jedenfalls Trost, wie ich ihn begreife. Jede Menge davon. Der Trost der kleinen Dinge - vielleicht nicht auffällig oder eindeutig, aber trotzdem da. Licht im Fenster, wenn man nach Hause kommt. Um von den vielen kleinen Dingen nur eins zu nennen.

BRIGITTE: Die Angst vor dem Tod ist uns allen vertraut. Wie gehen Sie damit um?

Judith Hermann: Man glaubt ja seltsamerweise, dass der Tod immer die anderen trifft und nicht einen selbst, an das eigene Sterben denkt man gar nicht, wider jede Vernunft. Ist das ein Schutzmechanismus? Wahrscheinlich.

BRIGITTE: Ihr Sohn ist jetzt acht Jahre alt. Wenn er Sie fragen würde, warum Sie in Ihrem neuen Buch so viel über den Tod schreiben, was würden Sie ihm antworten?

Judith Hermann: Ich würde vielleicht sagen, dass der Tod zum Leben dazu gehört. Aber ich glaube, er würde mich das gar nicht fragen. In seinen Kinderbüchern gehört der Tod zum Repertoire.

BRIGITTE: In der Geschichte, die am Gardasee spielt, stirbt Conrad völlig überraschend. Meinen Sie, dass das Unglück schlimmer ist, wenn es einen unvorbereitet trifft?

Judith Hermann: Möglicherweise ist es leichter für den, der stirbt. Aber für die, die zurückbleiben, scheint es mir schlimmer zu sein. Weil sie sich nicht verabschieden können.

BRIGITTE: Über das Glück gibt es den schönen Satz, dass es einen immer unvorbereitet trifft. Ist das so?

Judith Hermann: Mich hat es immer unvorbereitet getroffen! Sie nicht?

BRIGITTE: Ein Beispiel?

Judith Hermann: Mein Kind! Mein Kind war nicht geplant und ein unglaubliches Glück. Also ein Glück, das mich ganz unvorbereitet getroffen hat.

BRIGITTE: Sie haben mal gesagt: "Wenn ich aufhöre zu kellnern, fange ich an etabliert zu sein." Sie jobben schon länger nicht mehr als Kellnerin. Fühlen Sie sich etabliert?

Judith Hermann: Mein Leben hat sich in den letzten Jahren sehr geändert. Ich bin Mutter geworden. Ich werde im nächsten Jahr 40, und mit dem Älterwerden schränkt sich der ganze Horizont ein. Bestimmte Dinge gehen gar nicht mehr. Aber man kommt etwas zur Ruhe und man verabschiedet sich von den Utopien, die man einmal gehabt hat. Und trotzdem bedauere ich das alles nicht, sondern kann es auch genießen.

BRIGITTE: Haben Sie die Zeit zum Arbeiten, die Sie brauchen?

Judith Hermann: Ja. Ich bringe meinen Sohn in die Schule und sitze dann um viertel nach acht am Schreibtisch, für diesen festen Rhythmus bin ich sehr dankbar.

BRIGITTE: "Alice" ist Ihr dritter Erzählband. In Verlagskreisen gilt der Roman als Königs-Disziplin. Können Sie sich vorstellen, irgendwann einen Roman zu schreiben?

Judith Hermann: Oh, ich denke noch ein wenig darüber nach. Vielleicht ist die Tatsache, dass in "Alice" immer wieder dieselbe Protagonistin auftritt, ein Schritt in diese Richtung.

BRIGITTE: In einem Interview haben Sie mal gesagt: "Es ist eine ewige Zwickmühle - man wünscht sich den Erfolg, und dann ist er da, und man wird traurig." Warum macht Erfolg Sie traurig?

Judith Hermann: Weil er so vergänglich ist? Zerbrechlich, nicht verlässlich, fragil.

BRIGITTE: Sie sind eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen. Vor ein paar Jahren meinten Sie, es würde Ihnen immer noch schwer fallen, sich selbst als Schriftstellerin zu bezeichnen. Wie sehen Sie das heute?

Judith Hermann: Genauso. Für einen kurzen Moment, vielleicht eine dreiviertel Minute lang, finde ich es beruhigend, dass ich mittlerweile drei Bücher geschrieben habe. Aber der Begriff "Schriftstellerin" hat für mich keinen lebenslangen Bestand. Ich muss ihn mir doch mit jedem Buch neu erarbeiten.

Judith Hermann: "Alice", 192 S., 18,95 Euro, S. Fischer

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Nach dem Abitur studierte sie Germanistik, Philoso-phie und Musikwissenschaften, da-nach machte sie in Berlin und New York eine Journalistenausbildung. 1998 erschien ihr erster Erzählband "Sommerhaus, später", der hoch gelobt wurde, unter anderem von Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett". 2003 folgte Hermanns zweiter Erzählband, "Nichts als Gespenster".

Interview: Franziska Wolffheim

Wer hier schreibt:

Franziska Wolffheim
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