Judith Rakers: Blutspenden mit Harald Schmidt

Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers talkt künftig in "3 nach 9". Ihr Talent für Promi-Gespräche hat sie auch schon in der BRIGITTE unter Beweis gestellt: Für uns hat sie 2006 Harald Schmidt zum Blutspenden begleitet und mit ihm über Drogen, Frauen und Freunde gesprochen.

Er ist zehn Minuten früher da als geplant. Um 16.20 Uhr betritt Harald Schmidt die Blutspendezentrale des Universitätsklinikums in Köln: weißes Hemd, beige Hose, 1,94 Meter groß. Der Entertainer, als Hypochonder bekannt, stellt sich einem Gespräch zwischen Spritzen, Kanülen und Blutkonserven. Sein erstes Interview an einem derartigen Ort. Die meisten der etwa 20 anwesenden Blutspenderinnen und Blutspender und fast alle Ärztinnen und Krankenschwestern erkennen den Late-Night-Talker sofort. Foto-Handys blitzen, bevor unser Fotograf seine Kamera zücken kann. Ehrfurcht macht sich breit und Neugier, was diese Ikone der Fernsehunterhaltung hier zu suchen hat.

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Judith Rakers: Haben Sie schon mal Blut gespendet?

Harald Schmidt: Nein.

Warum nicht?

Also, ehrlich gesagt ist mir die Vorstellung - wie soll ich sagen - nicht zugänglich. Ich dachte schon mal, ich sollte es machen, aus purem Egoismus, denn es soll dem eigenen Körper ja so gut tun. Man soll sich frisch fühlen hinterher. Aber irgendwie ist das für mich so. . . ich weiß nicht, ich würde lieber ein Organ spenden.

Haben Sie einen Organspendeausweis bei sich?

Nein, mich kennt man ja.

Ich befürchte, das reicht nicht. Es sei denn, Sie haben es tätowiert: Ich will meine Organe spenden!

Nein, das habe ich auch nicht. Ich stelle mir das so eigentlich so vor: Bevor ich wegtrete, hauche ich noch: "Neeeehmt, was ihr brauuuuchhhht!" (Er lächelt. Die Vorstellung gefällt ihm offensichtlich.)

Kann man in meinem Alter überhaupt noch Organe spenden? (Die anwesende Ärztin nickt.)

Harald Schmidt ist 49 Jahre alt. Am 18. August 2007 wird er - so Gott will - seinen 50. Geburtstag feiern. Er ist ein gläubiger Mensch. Ursprünglich wollte der Entertainer - den Kritiker schon als "ironischen Menschenverächter" und "bloßstellenden Brandstifter" bezeichneten - Priester werden. Während seiner Schulzeit begleitete er Gottesdienste als Organist und Chorleiter und legte später sogar die C-Prüfung für Orgel ab. Erst danach, von 1978 bis 1981, ließ er sich zum Schauspieler ausbilden.

Judith Rakers: Wann waren Sie das letzte Mal in einem Krankenhaus? Am 8. September 2005?

Harald Schmidt (zögert): Am 8. September 2005? Wie kommen Sie denn darauf?

Das ist das Geburtsdatum Ihrer jüngsten Tochter, und Sie waren doch bei der Geburt dabei, oder?

Ach so, ja klar. Aber ich war danach noch einmal im Krankenhaus. Am ersten Spieltag der Fußball-WM, Uniklinik Düsseldorf. Mir wurde eine Naevus-Zelle entfernt.

Ein Muttermal?

Ja, ein auffällig verändertes.

Sie gelten als ausgeprägter Hypochonder. Sind Sie einer?

Ein richtiger Hardcore-Hypochonder bin ich nicht. Die nehmen bis zu 200 Tabletten täglich und rennen nackt und kreischend mitten in der Nacht ins Krankenhaus und sind richtig fertig. Bei mir ist es eher so, dass es hier zieht und da zieht. Was Männer eben gern haben. Ich bin nur ein bisschen Hypochonder. Ein Weichei eben. Aber für einen Werbevertrag mit einem Pharma-Unternehmen hat's gereicht (grinst).

Wir nehmen an einem der Plastiktische im Vorraum Platz. Schwester Klara - herzlich, zupackend und mit starkem rheinischem Dialekt - übernimmt die Betreuung. Sie hat ganz offensichtlich keine Berührungsängste. Und das, obwohl sogar langjährige Mitarbeiter bei Bonito TV von ihrem Chef sagen: "Er hat diese Aura des Respekts. Wenn er den Gang entlangläuft, weicht man schon mal unmerklich einen Schritt zurück." Stimmt, denke ich. Und weil ich von anderer Seite gehört hatte, dass Harald Schmidt einen Interview-Termin gern auch mal vorzeitig beendet, wenn es ihm zu blöd wird, bin ich gespannt, wie er sich gleich beim Ortswechsel schlägt, wenn die Nadeln ins Spiel kommen. Hinter uns raunt jemand: "Guck mal, der Harald Schmidt geht auch Blut spenden!"

Judith Rakers: Sie haben ja eher wenig Respekt vor vielen Dingen. Wie viel Respekt haben Sie vor Krankenschwestern?

Harald Schmidt: Sehr großen. Für mich sind das "Genies der Nächstenliebe". Krankenschwestern werden jedoch leider katastrophal schlecht bezahlt. Vor allem, wenn ich überlege, was das talentfreie Pack im Showgeschäft rausschleppt, das ja nun wirklich zu 95 Prozent gar nichts kann.

Ist das für Sie dann auch eine Übung in Demut, wenn Sie mit Ihrem gut gefüllten Showbusiness-Konto in dieses Krankenhaus kommen?

Nein. Das ist . . . wie soll ich sagen? Ich bin ja nicht aus dem Kreißsaal gekrochen mit einem gut gefüllten Konto. Das hat sich bei mir durch den Berufsweg so ergeben. Aber ich bin jemand, der sich dann gern auch mal erkenntlich zeigt beim Pflegepersonal.

Sie geben also Trinkgeld im Krankenhaus?

Ja.

Schwester Klara überreicht uns den obligaten medizinischen Fragebogen fürs Blutspenden. Im Vorfeld hatte ich mich mit Harald Schmidt darauf geeinigt, dass er so lange bei der Aktion mitmacht, wie er möchte - dass er nicht Blut spenden muss, aber die Fragen im Angesicht der Nadeln und Schläuche beantworten sollte. Als ich den ersten Blick auf den Fragebogen werfe, befürchte ich, dass er schon jetzt aussteigt. "Haben Sie offene Wunden, Entzündungen, Herpes etc.?", steht da auf dem weißen DIN-A4-Blatt ziemlich weit oben. Aber Harald Schmidt zögert keine Sekunde. Gewissenhaft macht er sein Kreuzchen in der Nein-Spalte. Auch bei der Frage "Haben oder hatten Sie Geschlechtskrankheiten (Syphilis, Tripper, Lues)?" wird es ihm nicht zu intim. Und dann die Frage: "Hatten Sie jemals eine Suchterkrankung (Drogen, Medikamente, Alkohol)?"

Judith Rakers: Jetzt bin ich gespannt auf Ihre Antwort. Sie nehmen doch bestimmt gern Tabletten, oder?

Harald Schmidt: Unbedingt. Wenn ich Kopfweh habe, gibt es eine Doppelladung Paracetamol als Einstieg, Aperitif sozusagen. Und dann kommt ein schönes Aspirin hinterher. Ich habe nämlich kürzlich erfahren, dass man den Schmerz möglichst ganz schnell bekämpfen soll, weil sich starke Schmerzen ins Gedächtnis eingraben, und dann fängt der Schmerz beim nächsten Mal gleich eine Stufe höher an.

Und außer Kopfschmerztabletten?

Also, in späteren Jahren werde ich bestimmt Psycho-Aufheller einwerfen. Wozu sich quälen? Rein damit, und schon ist die Mehrwertsteuer nur noch fünf Prozent. Ich würde eigentlich gern gepflegt Drogen nehmen, aber ich habe so wahnsinnige Angst vor Sucht und schlechten Spritzen und Gesindel, das mich erpresst.

Haben Sie es schon mal ausprobiert?

Nein. Ich habe noch nicht einmal einen Joint geraucht. Nichts. Null. Aber ich würde mir gern von einem Facharzt zum Wochenende (er zögert) . . .

. . . einen Joint drehen lassen?

Nein . . . eine Ladung Heroin setzen lassen, um einfach die Bundesliga objektiver beurteilen zu können. Das soll toll sein. Waren Sie mal heroinsüchtig?

Nein.

Also, ich lese immer nur darüber. Heroin fachmännisch verabreicht soll ein Traum sein. Und weniger gefährlich als Alkohol.

Schwester Klara rollt mit den Augen und unterbricht uns. Es geht weiter. Wir sollen uns zum Anmeldetresen begeben. Hier werden die Daten des Personalausweises mit den Personenangaben auf dem Fragebogen verglichen. Mir fällt auf, dass Harald Schmidt noch einen zweiten Vornamen hat, von dem ich noch nirgendwo gelesen hatte: Franz. Wie Onkel Franz, der Patenonkel, erklärt Harald Franz Schmidt. Er selbst hat seine gemeinsamen Kinder mit Lebensgefährtin Ellen Hantsch Nele (11), Peter (8) und Amelie (1) genannt. Sein Sohn Robert (12) stammt aus einer früheren Beziehung. Schwester Klara ist fertig und schickt uns zur nächsten Station: Blutdruck- und Temperaturmessen.

Judith Rakers: Bei welchem Typ Frau erhöht sich Ihr Blutdruck? Ganz grundsätzlich?

Harald Schmidt: Nicole Kidman. Nicole Kidman. Nicole Kidman.

Wow, gleich dreimal. Warum?

Groß, blond, sehr mager und wahnsinnig arrogant. Ich gucke mir jeden Film mit ihr an - wie ein Fan: vollkommen scheißegal, wie der Film ist.

Sie mögen arrogante Frauen?

Ja. Eigentlich schon. Was ich nicht mag, sind so Kuschelfrauen, so Mäuschen. Wobei die Arroganz schon in irgendeiner Form gerechtfertigt sein muss.

Durch Schönheit? Wie bei Frau Kidman?

Ja. Wirklich schöne Frauen werden ja von niemandem mehr gehasst als von anderen Frauen. Wenn mal ein Supermodel zu mir in die Sendung kommt, dann werden die Frauen im Studio richtig giftig. Wenn eine Frau eine andere schon allein durch ihre Optik runterzieht - das gefällt mir. Aber Angelina Jolie zum Beispiel - die gefällt mir gar nicht.

Warum nicht? Sie ist doch auch sehr schön.

Ja, aber die ist mir zu weiblich. Ihre Lippen schreien dauernd "Hallo, ich bin so sinnlich und so..." Das finde ich uninteressant. Dann lieber Jennifer Aniston.

"Wer möchte zuerst?", will Schwester Klara wissen. "Sie oder er?" Harald Schmidt setzt sich ohne zu zögern auf den Stuhl und krempelt sich den Hemdsärmel hoch. Als Erstes wird der Blutdruck gemessen, um sicherzustellen, dass der Kreislauf stabil genug ist zum Spenden. Das Ergebnis: 147 zu 69. Dann ist die Temperaturmessung im Ohr dran. Das Thermometer zeigt 36,8 Grad. So warm ist der Körper eines Zynikers, der von sich selbst sagt, dass er relativ kaltblütig im Geschäftsleben sei. "Herr Schmidt", sagt Schwester Klara, "das sind Ia-Werte!" Und mit einem feinen Lächeln fügt sie hinzu: "Aber das ist keine Garantie dafür, dass Sie nächste Woche noch leben." Jetzt hat Harald Schmidt sie endgültig ins Herz geschlossen.

Judith Rakers: Wobei gefriert Ihnen das Blut in den Adern?

Harald Schmidt: Das kann ich Ihnen ganz genau sagen: bei Charity-Sendungen im Fernsehen - mit Spendenaufrufen und Prominenten am Telefon. Da muss ich kotzen.

Was stört Sie denn daran?

Die Scheinheiligkeit. Am schlimmsten finde ich es, wenn dann auch noch krebskranke Kinder mit Glatze in der Sendung zur Schau gestellt werden. Da kotze ich aus Respekt vor denen, die es ernst meinen.

Lassen auch Ängste oder Phobien Ihr Blut hin und wieder gefrieren?

Nein, derzeit nicht. Aber vor ein paar Jahren, da hatte ich mal Panikzustände. Wenn mein Flug aufgerufen wurde, bekam ich Angst, zum Gate zu gehen. Nicht weil ich Angst vor einem Flugzeugabsturz hatte, sondern weil ich dachte, ich breche auf dem Weg dorthin zusammen. Ein wirklich toller Arzt hat mir damals gesagt: Sie haben Angst vor der Angst. Er riet mir, mir Folgendes klar zu machen: Die Situation fängt an, wird durchgeführt und hört auf. Und damit war es vorbei.

Woher kam diese Angst?

Das war ein Stress-Symptom. Ich war damals noch bei Sat 1.

Jetzt bin ich dran. Die Blutdruckmessung ergibt 133 zu 85, die Temperatur 37 Grad. Welche Werte besser seien, will Harald Schmidt von Schwester Klara wissen. "Beide sind gleich gut", antwortet sie. Bis hierhin also Gleichstand. Doch jetzt gehe ich in Führung. Denn Harald Schmidt kneift, als es an den ersten Pieks geht. Aus dem Zeigefinger soll ein Blutstropfen zur Hämoglobin- Bestimmung entnommen werden. So wird festgestellt, ob genug rote eisenhaltige Blutkörperchen vorhanden sind. Harald Schmidt will nicht mehr mitmachen. Wir hätten ihn zwar davon überzeugt, dass Blutspenden gut und sinnvoll sei, aber das sei ihm jetzt einfach zu intim, sagt er. Er bleibe aber gern beim Spenden dabei und halte Händchen. Als die Schwester mit der Nadel in meinen Finger piekst und einen dicken dunkelroten Blutstropfen herausdrückt, ist er es, der ein "Aaahh" ausstößt und das Gesicht schmerzhaft verzieht.

Judith Rakers: Apropos Blutstropfen aus dem Finger. Haben Sie eigentlich einen Blutsbruder?

Harald Schmidt: So wie Winnetou und Old Shatterhand? Nein. Ich bin ja nicht schwul.

Auch heterosexuelle Jungs können doch Blutsbrüderschaft schließen.

Ja, theoretisch schon. Aber ich hatte schon damals Angst vor dem Ritzen. Aber gespielt haben wir es. Mit einem Gummimesser.

Also doch. Die Sehnsucht war da. Haben Sie denn einen Blutsbruder im Geiste?

Ja, Fred Kogel (Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG und Geschäftspartner von Harald Schmidt, Anm. d. Red.). Wir sind sehr eng miteinander. Teilweise telefonieren wir mit drei Worten zu drei unterschiedlichen Themen. Und der andere weiß sofort, was gemeint ist. Zum Beispiel die Art und Weise, wie ich mich melde. Ich sage dann nur "Mein Liiiieeeeberrr", und Fred weiß Bescheid.

Was mag er denn besonders an Ihnen?

Wir haben einfach einen guten Draht zueinander. Ich weiß nicht, ob ich das verraten sollte, aber manchmal, wenn wir zusammen Auto fahren, dann lachen wir uns zwei Stunden lang kaputt. Wir haben beide ähnliche Situationen erlebt und kennen die gleichen Leute: Leistungsträger aus dem deutschen Medienbereich, Programmverantwortliche - und die imitieren wir dann manchmal. Das ist unglaublich lustig.

Haben Sie viele Freunde?

Nein.

Die Hämoglobin-Untersuchung ist in Ordnung. Als die Ärztin auch nach dem ausführlichen Einzelgespräch keine Einwände gegen meine Spende hat, wird es ernst. "Wollen Sie jetzt tatsächlich Blut spenden? So richtig?", fragt Harald Schmidt ungläubig. "Aber natürlich!", antworte ich und grinse. "Deshalb sind wir doch hier!" Wir wechseln in den Blutspenderaum. Schwester Klara besteht darauf, dass ich noch etwas Cola trinke und Kuchen esse - für den Kreislauf. Harald Schmidt fragt besorgt, wie viel Blut man mir denn jetzt abzapfen wolle. Einen halben Liter, antwortet die Schwester. Das sei Standard. Als sie die Kanüle in meine Armbeuge sticht, nimmt Harald Schmidt wie versprochen meine Hand und versucht mich abzulenken - mit einem kleinen Gespräch über seine letzte Darmspiegelung. Nach fünf Minuten ist alles vorbei.

Harald Schmidt: Ich bin gut als Beistand, oder?

Judith Rakers: Ja. Ich bin beeindruckt. So viel Empathie hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut.

Ich bin auch gut im Kreißsaal. Das wäre übrigens noch ein Job für mich. Als Kreißsaal-Springer. Ich leiste Beistand im Kreißsaal, wenn es in der Beziehung kurz vorher gekracht hat. Wie ein Leihvater. Das kann ich gut. Ich kann beruhigen.

Schwester Klara (schaltet sich ein): Sie haben auf jeden Fall keinen Stress und keine Unruhe erzeugt.

Das stimmt. Harald Schmidt hat keinen Stress erzeugt. Obwohl es mittlerweile bereits 19.20 Uhr ist, schaut er nicht auf die Uhr. Er habe keinen Termin mehr heute Abend, sagt er. Nur "etwas Alkohol trinken gehen" stünde jetzt noch auf dem Programm. "Vielleicht komme ich ja wirklich mal zum Blutspenden", stellt er Schwester Klara in Aussicht, "dann aber ohne Kameras." Als wir die Blutspendezentrale verlassen, kommen wir an der Intensivstation vorbei. "Unfall- und Wiederherstellungs-Chirurgie" steht da auf der Tür eines OP-Saals. Plötzlich erwische ich einen nachdenklichen Moment: "Wie schnell es manchmal vorbei sein kann mit lustig", sagt Harald Schmidt.

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