Julie Delpy: Madame Multitalent

"In mir schlummert das Böse": Würde man erst mal nicht denken, Julie Delpy wirkt immer so offen. Und scheint alles zu können: spielen, singen, Filme drehen. Hier erzählt sie von ihrer dunklen Seite und einer Stinkwut.

Bei den Dreharbeiten zu "2 Tage Paris"

Sätze umflattern Julie Delpy wie ihr langes blondes Haar. Sätze über die ganz großen und die winzig kleinen Dinge, spontan geäußerte Gedankensprünge, Scherze, mittlere Grobheiten und ein nie versiegender Strom von Assoziationen. Wer an die 38-Jährige denkt, hat vor seinem inneren Auge nicht gerade eine geheimnisvoll in sich hineinlächelnde Sphinx. Spätestens seit sie 1994 neben Ethan Hawke in Richard Linklaters zauberhaftem "Before Sunrise" zu sehen war, ist die Schauspielerin im kollektiven Gedächtnis aller Kinogänger das Fleisch gewordene gesprochene Wort schlechthin. Verbrachte sie in diesem Lieblings- Liebesfilm aller Interrailer doch eine Nacht mit einem jungen Mann in einer fremden Stadt, indem beide (fast) nichts anderes taten als: reden, reden, reden. Und als neun Jahre später mit "Before Sunset" die schönste Film-Fortsetzung der Welt entstand, schwatzten Delpy und Hawke einfach weiter, als gäbe es kein Morgen. Parallel zu "Before Sunset" erschien Julie Delpys erste CD, verspielte Lieder zwischen Pop und Chanson, alle selbst komponiert und getextet, und auch die boten genug Platz, um zu federleichten Melodien wortreich vom Leben und der Liebe und von blöden Boyfriends zu erzählen.

Mitte der Neunziger hat Julie Delpy an der New York University Regie studiert (ihr erster Kurzfilm hieß - kein Witz! - "Blah blah blah"), und nun bringt die Frau, die alles zu können scheint, bereits ihren zweiten selbst gedrehten Spielfilm ins Kino, "2 Tage Paris" (Start: 17. Mai). Und gegen diesen Film, das muss man sagen, ist das gesamte bisherige Werk der Julie Delpy eine einzige lange Schweigeminute.

Ein französisch-amerikanisches Paar sieht man da, Delpy ist natürlich die Französin, und die will ihrem Freund ihre Heimat Paris, ihre Eltern und Freunde zeigen. Das Drehbuch (auch, von wem sonst, von Julie Delpy) lebt vom Spiel mit allen nur denkbaren Klischees, und die werden von den beiden Liebenden und ihrem Umfeld immer hart an der Grenze zur Hysterie bis ins Kleinste durchdiskutiert. Das ist sehr lustig, wenn man sich manchmal auch nach einer Pause, einer einzigen klitzekleinen Atempause sehnt. Aber die gibt es nicht, wäre ja noch schöner, und auch sich selbst gönnt Julie Delpy keine, wenn sie sich im Interview unverdrossen von Filmplakaten zu Handy-Klingeltönen und von amerikanischer Prüderie zu einem Vortrag über Armenier assoziiert.

BRIGITTE: Drehbuch, Regie, Hauptrolle und noch zwei Songs für den Soundtrack - viel delegiert haben Sie ja nicht.

Julie Delpy: Ich habe sogar entschieden, was aufs Filmplakat kommt! Dafür halte ich mich von allem fern, was mit Technik zu tun hat. Davon verstehe ich einfach nichts, ich habe nicht mal einen ausgefallenen Handy-Klingelton, alles voreingestellt.

BRIGITTE: War es schwierig, unter Ihrer eigenen Regie zu spielen?

Julie Delpy: Es ist wichtig, dass man sich kritisch von außen betrachten kann. Wenn ich mich selbst auf der Leinwand sehe, spreche ich nur noch von "der Frau da". Unheimlich, oder? Vielleicht werde ich dabei ja noch schizophren! Zur Zeit beherrsche ich meine multiplen Persönlichkeiten aber noch und kann vom Regiestuhl vor die Kamera und wieder zurück hüpfen, als wäre es nichts.

BRIGITTE: Sie mussten ja nicht nur sich selbst dirigieren, sondern auch Ihre Eltern, Albert und Marie Pillet, die in Frankreich bekannte Komödiendarsteller sind und auch in "2 Tage Paris" Ihre Eltern spielen. Ist viel von Ihrem wirklichen Familienleben in den Film eingeflossen?

Julie Delpy: Natürlich habe ich alles etwas überzeichnet, aber da ist schon viel von uns drin. Interessant finde ich, dass man diese Familienkonstellation auch genau anders herum erzählen könnte, hochdramatisch und traurig statt komödiantisch. Der Vater ein grantiger Greis, die Mutter eine Glucke, die ihre Nachkommenschaft bevormundet - einwandfreies Familiendrama. Diesen Film könnte ich aber nicht machen, dafür war meine Kindheit viel zu schön.

BRIGITTE: Trotzdem haben Sie Frankreich, das Land Ihrer glücklichen Kindheit, verlassen, um in den USA zu leben.

Julie Delpy: Dabei geht es vor allem um die Arbeit. Schon als junges Mädchen habe ich die negativen Seiten der französischen Filmindustrie kennen gelernt. Ich habe ja schon mit 14 angefangen, Filme zu machen, und immer darunter gelitten, dass es für manche Produzenten und Regisseure, die 40 und älter sind, anscheinend selbstverständlich ist, ein minderjähriges Mädchen zu einem Date einzuladen. Das hat mich so angeekelt, dass es mir heute noch kalt den Rücken runterläuft. Es ist bis heute gesellschaftlich akzeptiert, dass Zwölfjährige mit fünfzigjährigen Produzenten turteln.

BRIGITTE: Wie sind Sie damit umgegangen?

Julie Delpy: Mit 17 habe ich mich in einen Praktikanten am Filmset verliebt. Er war 18, nicht 50. Das war sicher nicht förderlich für meine Karriere, aber das Beste, was ich für meine seelische Gesundheit tun konnte.

"2 Tage Paris": Julie Delpy mit dicker Brille und Filmpartner Adam Goldberg

BRIGITTE: Von der Arbeit abgesehen, finden Sie das Leben in Amerika auch sonst besser?

Julie Delpy: Ich hasse zwar vieles an Frankreich, aber auch in Amerika ist natürlich nicht alles toll. Viele Amerikaner sind stockprüde, was ja grundsätzlich nicht schlecht ist, aber sie sind es auf so eine heuchlerische Art und Weise. Tatsächlich war es doch ein Blowjob, der das Schicksal der Welt verändert hat. Hätte es die Geschichte um Bill Clinton und Monica Lewinsky nicht gegeben, wäre wahrscheinlich Al Gore Präsident geworden - und nicht George Bush. In was für einer schönen Welt würden wir dann leben! Das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen.

BRIGITTE: Das Thema scheint Sie sehr zu berühren. Sind Sie denn politisch engagiert?

Julie Delpy: Nein, und ich würde auch keine gute Politikerin abgeben. Ich mache einfach zu viele Fehler, weil ich ein richtiger Tollpatsch bin. Einmal war ich zu einer internationalen Friedenskonferenz in Wien eingeladen und bereitete dafür ein Referat über albanische Flüchtlinge vor. Bevor ich es bei den Organisatoren einreichte, ließ ich es schnell noch durchs Rechtschreibprogramm laufen. Während der Computer alles automatisch verbesserte, habe ich wohl telefoniert. Weil es in meinem Wörterbuch keinen Eintrag für "Albaner" gab, änderte das Programm einfach alles in "Armenier". Am Ende stand ich auf dem Podium und sprach leidenschaftlich über Armenier, bis es mir selbst komisch vorkam.

BRIGITTE: Aber heute können Sie darüber lachen?

Julie Delpy: Na ja, mein Humor ist recht erbarmungslos, das trifft mich und andere. In dieser Hinsicht unterscheide ich mich nicht sehr von meiner Filmfigur. Mein humoristisches Spektrum bewegt sich zwischen Sarkasmus und schmutzigen Witzen. Unterm Strich bin ich wohl ziemlich rüde und geschmacklos, fürchte ich.

BRIGITTE: Ihr nächstes Projekt ist allerdings nicht gerade ein humoristisches.

Julie Delpy: Stimmt, das ist ein echtes Herzensprojekt von mir. Der Film wird im Rumänien und Ungarn des 16. Jahrhunderts spielen, es geht um Liebe, Mord und Eitelkeit. Ich spiele darin eine grausame Kaiserin, die in Blut badet. Diese Frau hat es wirklich gegeben, sie hat Bram Stoker zu seinem "Dracula" inspiriert. Denn auch wenn ich mich meiner Umwelt gern strahlend zeige und durchaus optimistische Seiten habe, schlummert in mir das Böse. Meine dunkle Seite ist sogar ziemlich stark. So stark sie nur sein kann.

BRIGITTE: In zwei Jahren werden Sie 40 - kommt Ihre dunkle Seite zum Vorschein, wenn Sie daran denken?

Julie Delpy: Als ich 27 wurde, rief mich meine französische Agentin an und klagte mir ihr Leid, dass sie einfach keine Rollen mehr für mich finden würde. Nur 18-Jährige seien gefragt. Das mag sich mittlerweile etwas geändert haben, doch mich hat das damals schwer getroffen. Und dann behaupten immer alle, dass man nur in Frankreich vor der Kamera alt werden darf! In Hollywood ist es mittlerweile viel angenehmer. Da gibt es all diese großartigen Frauen mit 40, 50, sogar 60 Jahren in wirklich tollen Filmen. Ich schaue meinem eigenen Alterungsprozess also optimistisch entgegen. Zumal ich mich jetzt ja auch einfach in meinen eigenen Filmen besetzen kann.

Fotos: 3L Interview: Leif Kramp BRIGITTE Heft 11/2007
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