Keira Knightley: Fluch und Segen der Karibik

Wie ist es, das Leben nach dem Piratenfilm? Großartig, sagt Keira Knightley, "fucking" großartig sogar - und das hat auch mit ihrem Film "Abbitte" zu tun, der heute in die Kinos kommt.

Keira Knightley

Wer zwei lange Jahre auf einem modernden Piratenschiff herumgeturnt ist, die Haare voll Salz und die Nase im Wind, der muss zwangsläufig ein harter Knochen sein. Und keine hoch aufgeschossene, makellose, zerbrechlich wirkende Alabasterschönheit wie die, die beim Interview-Termin die Tür öffnet. "Ich bin Keira", sagt Keira Knightley überflüssigerweise und begrüßt einen mit so festem Händedruck, dass sämtliche Porzellanpuppen- Assoziationen mit einem Schlag wieder im Kopf zerbröseln.

"Los geht's", sagt sie und lässt sich erst mal ungebremst auf ein kleines, verschnörkeltes Hotelsofa plumpsen, wie 22-Jährige das eben so tun, weil ihnen teure Polstermöbel noch herzlich egal sind. Nur um sich gleich darauf zu fangen und ihre Körpersprache auf das Programm "aufmerksam, professionell, erwachsen" auszurichten, als habe der unbefangene Moment schon zu viel von ihrem jugendlichen Ich preisgegeben. Schließlich ist sie keine gewöhnliche 22-Jährige. Sondern seit ihrer Rolle als Piratenprinzessin in "Fluch der Karibik" Teil 1 bis 3 eine der höchstbezahlten Jungschauspielerinnen Hollywoods. In Amerika gilt die Engländerin aus einem kleinen Londoner Vorort als heißester Import aus dem Vereinigten Königreich, die ersten wichtigen Filmpreis-Nominierungen sind bereits eingefahren, seit Kurzem ist sie auch noch das neue Gesicht von Chanel.

Ganz ordentlich für jemanden in einem Alter, in dem andere sich gerade mal überlegen, welches Studienfach sie belegen sollen oder ob sie lieber ins Ausland gehen. Seit Keira mit 16 Jahren ihren Durchbruch als passstarke Fußballgöre in der Komödie "Kick it like Beckham" hatte, geht ihre Karrierekurve kontinuierlich nach oben. Richtig unheimlich wurde es dann, als sie auf diesem Piratenschiff anheuerte, von dem man vorher dachte, dass es mit Mann und Maus in den Untiefen der Kinoquoten untergehen würde (schließlich galt der Seeräuberfilm als totes Genre, seit Errol Flynn einst die Segel gestrichen hatte).

Da stand sie also, zwischen einem effeminiert torkelnden Johnny Depp und dem immer leicht verständnislos aus der Wäsche schauenden Orlando Bloom. Und war plötzlich ein großer Hollywoodstar in einem irrsinnig erfolgreichen Blockbuster. Mit einer Rolle, in der sie die meiste Zeit pudelnass sein musste. Der Film lief so gut, dass "Fluch der Karibik" zur Trilogie wurde, mit einer Story, die ein vernünftiger Mensch nur mit Mühen nacherzählen kann.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich so erfolgreich werden würde", sagt Keira Knightley und sieht dabei so ernst drein, dass man sie fast trösten möchte. Vor dem "Fluch" war sie das nette, schlaksige Mädchen von nebenan, das in London mit seinem Bruder in einer WG lebte, mit Freunden abhing, "Raindrops keep falling on my head" auf ihren Zähnen (!) spielte und sich bei keinem dafür entschuldigen musste, dass es Kleider nie mit irgendeiner Art von Figur ausfüllen konnte. Nach dem "Fluch" kamen die Paparazzi, die ihr rund um die Uhr auflauern, die Gerüchte, sie könnte magersüchtig sein, weil sie in einem unglücklich freigebigen Gucci-Kleid zur Premiere erschien, und die Menschen, die plötzlich stehen blieben und sie angafften, "obwohl ich nichts anderes tue, als eine Straße entlangzugehen".

Aber es kamen auch die guten Rollen: Die Juliet in "Tatsächlich Liebe" zum Beispiel, die so bezaubernd ist, dass der beste Freund ihres Ehemannes sich ausgerechnet am Tag ihrer Hochzeit unsterblich in sie verliebt. Oder die trotzige Elizabeth in "Stolz und Vorurteil", die ihr nicht nur die für Jane-Austen-Verfilmungen übliche Oscar-Nominierung einbrachte, sondern auch die Beziehung zu ihrem Kollegen Rupert Friend (über die sie konsequent schweigt und Fragen danach nur mit einem sphinxhaften Lächeln kommentiert, denn sphinxhaft sein kann sie auch).

Keira Knightley und James McAvoy in "Abbitte"

"Wenn man diese Rollen spielen und trotzdem auf den ganzen Publicity-Rummel verzichten könnte, wäre das der beste Beruf der Welt!", sagt Keira überschwänglich und schiebt auch gleich die launigen Anekdoten nach, die sie oft und gern erzählt, damit niemand an ihren Ambitionen zweifelt: Dass sie mit drei Jahren bereits einen eigenen Agenten wollte, weil Mummy (Drehbuchautorin) und Daddy (Schauspieler) schließlich auch einen hatten. Dass sie ihn mit sieben Jahren schließlich bekam, als man herausfand, dass sie an Legasthenie litt, und hoffte, das Kind würde die Leseschwäche durch ein wenig kreative Arbeit ausgleichen können. Und dass sie ja überhaupt nur auf der Welt sei, weil ihr Vater zu ihrer Mutter sagte: "Wenn du noch ein Kind willst, musst du ein Drehbuch verkaufen." Was prompt gelang.

Aber ist es nicht das, was man sich als Kind unter diesem Beruf vorstellt? Auf glamouröse Galas gehen, von Magazin-Covern lächeln, von jedem gesagt zu bekommen, wie schön und begabt man ist? "Ich spiele doch nur Rollen, weil ich jemand anderes sein möchte!", sagt sie heftig und rutscht bis an den vorderen Rand des Sofas. Die meisten Schauspieler übten diesen Beruf doch nur aus, weil sie sich in ihrer Haut nicht wohl fühlten. Deshalb finde sie Interviews auch so anstrengend. "Mal ehrlich, warum zum Teufel sollte man sein Leben damit verbringen, andere Leute zu verkörpern, wenn man gern über sich selber reden würde?", fragt sie.

Die anderen, die sie verkörpert, sind meist starke, selbstbestimmte Frauen, was einen unschlagbaren Kontrast zu ihrem grazilen Aussehen bildet. "Ich suche meine Rollen immer danach aus, was ich selber gern im Kino sehen möchte", sagt sie mit größter Selbstverständlichkeit. "Und ich reagiere eben stärker auf weibliche Charaktere, die sich nicht so sehr um Konventionen scheren und ihren eigenen Kopf haben."

Was sonst noch toll ist an Keira Knightley: dass sie einem trotz ihrer bambihaften Erscheinung nie auf die Nerven geht. In dem Moment, in dem der Zuschauer genug haben könnte von ihren zum Schmollmund geschürzten Lippen, bricht sie einfach in dieses breite Lachen aus, das von den perfekten Wangenknochen ablenkt und der püppchenhaft schmalen Nase. Dann sieht sie so ungekünstelt und unbeschwert aus, dass man auf der Stelle mit ihr Handelsschiffe kapern gehen möchte.

Und dass sie sich ohne Rücksicht auf ihre Boxoffice-Werte nach dem Ende der Piraten-Trilogie erst mal wieder kleinere Projekte ausgesucht hat. Die Literaturverfilmung des Bestsellers "Seide" von Alessandro Barrico beispielsweise. Oder "The Edge of Love", ein Film über den walisischen Dichter Dylan Thomas. Das Drehbuch hat ihre Mutter geschrieben (ohne allerdings an ein weiteres Geschwisterchen für Keira zu denken, wie sie sofort versichert). Die Tochter konnte durch ihre Popularität die Finanzierung des Films sichern und sich auf diese Weise endlich einmal für die große Unterstützung ihrer Eltern bedanken. Und .Abbitte", nach dem gleichnamigen Roman von Ian McEwan, der am 8. November in die deutschen Kinos kommt. Unter der Regie ihres Freundes Joe Wright, den sie schon aus "Stolz und Vorurteil" kennt.

Darin spielt sie die junge, gescheiterte Elitestudentin Cecilia, die kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges auf das vornehme Landgut ihrer Eltern zurückkehrt und dort auf den Sohn der Haushälterin, ihren Jugendfreund Robbie, trifft (James McAvoy, der schottische Shootingstar aus "Der letzte König von Schottland"). Die beiden verlieben sich heftig ineinander. Doch dann geschieht ein schreckliches Verbrechen, und Cecilias kleinere Schwester Briony - ein fantasievolles Mädchen, das sich gern Geschichten ausdenkt - ist davon überzeugt, das Robbie der Übeltäter ist. Nur Cecilia glaubt an seine Unschuld und bricht mit ihrer Familie, während Brio-ny mit zunehmendem Alter an ihrer eigenen Geschichte zu zweifeln beginnt.

Unbeschwertes Glück? Cecilia (Keira Knightley) und Robbie (James McAvoy)

"Ich wollte endlich wieder etwas drehen, was die Zuschauer wirklich berührt", sagt Keira. "Dass das Leben so vieler Menschen durch ein unschuldiges Mädchen zerstört werden kann, hat mich wirklich zum Weinen gebracht." Sie unterbricht sich kurz, weil Joe Wright, der Regisseur des Films, mit einem donnernden "Hello, darling!" ins Zimmer stürmt. "Oh, hello, darling!", brüllt sie zurück, wirft sich in vollendeter Rita-Hayworth-Pose über die Sofalehne und lässt sich umarmen. "Sorry", sagt sie anschließend, aber Joe sei einfach "fucking amazing", also so was wie "verdammt großartig". Überhaupt flucht sie zwischen all ihren reflektierten Antworten wie ein Londoner Taxifahrer. Die Cecilia in "Abbitte" beispielsweise benehme sich teilweise wie eine echte Zicke, eine "fucking bitch". Tatsächlich sind die meisten Dinge, die Keira Knightley berühren, "fucking" irgendwas - das heißt, entweder sehr gut oder sehr schlecht. Auf sonderbare Art changiert sie permanent zwischen einer 14- und einer 40-Jährigen. In einem Moment beschwert sie sich in altersweiser "Früher-war-alles-besser"-Manier, dass die Zeit der guten Drehbuchdialoge offenbar vorbei sei. Und giggelt im nächsten Satz darüber, dass sie trotz aller Erfahrung immer noch wahnsinnig aufgeregt ist, wenn sie mit tollen Kollegen wie George Clooney drehen darf.

Möglicherweise unterscheidet sich Keira Knightley also doch nicht so sehr von anderen 22-Jährigen. Vielleicht hatte sie bisher einfach nicht die Zeit, all die Dinge zu ver arbeiten, die ihr in ihrem Leben schon pas siert sind. Wann auch? In den letzten sechs Jahren hat sie ununterbrochen Filme gedreht und keinen ordentlichen Urlaub gemacht. Aus Angst, ihr Stern könnte wieder sinken, bevor sie all die Rollen gespielt hat, auf die sie Lust hat. "Ich bin eben sehr neurotisch", sagt sie. Und da ist auch das breite Lachen wieder. "Schließlich ist das ja doch der beste Job der Welt."

BRIGITTE Heft 17/07 Interview: Andrea Benda Fotos: Imago, 2006 Universal Studios
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