Frauke Finsterwalder: "Die Filmbranche ist besser für Frauen geworden"

Mit ihrem Debütfilm "Finsterworld" legt Regisseurin Frauke Finsterwalder den Finger in die Wunde der deutschen Selbstwahrnehmung. Im Interview erzählt sie vom deutschen Trauma, rechtlicher Absicherung gegen ihren Ehemann - und warum das Filmbusiness heute weniger frauenfeindlich ist als früher.

Deutschland, Märchenland: In Frauke Finsterwalders gelungenen Filmdebüt "Finsterworld" ist alles fast zu schön um wahr zu sein (Trailer und eine kurze "Finsterworld"-Kritik finden Sie hier). Beim Blick hinter die schöne Kulisse weiß man als Zuschauer oft nicht, ob man weinen oder lachen soll - und tut dann beides gleichzeitig. Wie kam es zu diesem Genre-Mix?

BRIGITTE.de: Pelztiere, Beziehungskrisen und ein KZ-Besuch: Helfen Sie uns mal weiter: In welches Genre gehört "Finsterworld" denn jetzt?

Frauke Finsterwalder: Der Film ist irgendwie sein eigenes Misch-Genre. In den USA ist das normal, Komödie, Tragödie, Horror oder Romantik einfach mal zusammenzuwerfen. In der Richtung sollte es auch in Deutschland mehr geben.

BRIGITTE.de: Gerade in Deutschland ist "Spaß" in einem Film, wo unter anderem ein KZ besucht wird, nicht unbedingt selbstverständlich.

Frauke Finsterwalder: Es geht auch um ernste Themen, aber deshalb muss ja nicht gleich der ganze Film total deprimierend sein. Es geht mir darum genau hin zu gucken: Was liegt eigentlich darunter? Und dann noch weiterzubohren. So wie eine Figur im Film auch sagt: "Auch, wenn es weh tut, macht es Spaß. "

BRIGITTE.de: Ist das auch das Motto des Films? “Bitte hinter die Oberfläche gucken”?

Frauke Finsterwalder: Das ist für mich nahe an der Realität - wie bei dem Paar im Film, das über banale Kleinigkeiten streitet, weil beide die wahren Konflikte nicht an die Oberfläche bringen können. Obwohl alles in "Finsterworld" überzeichnet und märchenhaft ist, sind die Konflikte um die es geht sehr realistisch.

BRIGITTE.de: Das streitende Paar ist nicht allein. Im Film reden viele Menschen aneinander vorbei.

Frauke Finsterwalder: Stimmt, es wird für einen deutschen Film auch eher viel gesprochen. Normalerweise wird hier im Kino auch gerne mal minutenlang aus dem Fenster gestarrt. "Finsterworld" ist anders: Alle reden permanent, aber es geht nie um das worüber geredet wird. Die Wahrheit liegt immer unter der Oberfläche.

BRIGITTE.de: Sie wohnen schon länger nicht mehr in Deutschland. Ist das von außen betrachtet ein deutsches Phänomen, auf die schöne Fassade zu achten, und die eigentlichen Probleme nicht anzusprechen?

Frauke Finsterwalder: Ja, diese Neurose, die Deutschland hat, wird einem von außen viel klarer. Einerseits die Beschäftigung mit der Vergangenheit. Die Schuld. Andererseits die selbstbewusste Rolle, die man politisch und wirtschaftlich spielt, in Europa und der restlichen Welt. Das passt eigentlich gar nicht zusammen. Diesen Wiederspruch erkennt man von außen noch besser, auch weil man im Ausland selbst in der Wahrnehmung auf die Rolle "der Deutschen" reduziert wird.

BRIGITTE.de: Der unterschiedliche Umgang mit dieser Neurose wird sehr schön von den Frauen im Film rübergebracht: Sandra Hüller ist kaum zu bremsen, Corinna Harfouch eher beherrscht bis herablassend...

Frauke Finsterwalder: Es gibt ja unter 12 Hauptdarstellern nur vier Frauen, aber die sind wirklich herausragend. Die Schauspielerinnen die in "Finsterworld" mitspielen, haben völlig unterschiedliche Hintergründe. Margit Carstensen etwa ist eine alte Fassbinder-Schauspielerin. Die hatte eine ganz andere Herangehensweise als etwa Carla Juri, die in Amerika Schauspiel gelernt hat, oder Corinna Harfouch und Sandra Hüller, die vom Theater gekommen. Das hat die ganze Arbeit noch spannender gemacht.

Frauke Finsterwalder mit Ehemann Christian Kracht

BRIGITTE.de: Das Drehbuch haben Sie gemeinsam mit Ihrem Mann Christian Kracht geschrieben. Stimmt es, dass er vorher beim Anwalt unterschreiben musste, dass er Ihnen den Film nicht plötzlich "wegnimmt"?

Frauke Finsterwalder: Na ja, das war eher ein symbolischer Akt. Mit dem Partner zusammenzuarbeiten kann ja auch gefährlich sein. Aber es hat wirklich alles bestens funktioniert. Es ist einfach toll mit jemandem zu arbeiten, den man immer um sich hat. Da kann man sofort jede Idee, die einem kommt, weiterentwickeln.

BRIGITTE.de: Auf einigen Postern steht jetzt groß: "Drehbuch von Bestseller-Autor Christian Kracht". Stört Sie das ein bisschen?Frauke Finsterwalder: Nein, finde ich in Ordnung - letztlich ist ein Film ja immer eine Teamleistung, egal wie gut das Drehbuch ist. Christian ist bekannter Autor, das ist halt Marketing. Ich habe den Film gemacht und stehe ja nicht nur als Regisseurin, sondern auch als Autorin im Abspann. BRIGITTE.de: Also nicht der klassische Fall, wo ein Mann plötzlich den Ruhm für die Leistung einer Frau einstreicht?

Frauke Finsterwalder: Nein, gar nicht. Es ist sowieso erstaunlich, wie sehr sich die Arbeit für Frauen in dieser Branche geändert hat.

BRIGITTE.de: Hat sie?Frauke Finsterwalder: Da ist wirklich vieles besser geworden. Der gesamte technische Stab bei meinem Film zum Beispiel, das war echt toll zu sehen, wie gerade die junge Generation am Set gar nicht mehr in diesem Mann-Frau-Kategorien denkt. Ich musste mich nie extra als “die Frau” durchsetzen - ich war die Regie, fertig. Das war eine schöne Erfahrung, dass ich einfach so sein konnte, wie ich bin. Als ich vor zehn Jahren im Journalismus arbeitete, war das noch ander, da hatte man auch mit völlig anderen, sehr unangenehmen Männertypen zu tun. Begrabscht werden im Fahrstuhl, anzügliche Kommentare auf der Betriebsfeier. So etwas habe ich beim Film nie erlebt.

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