Asa Larsson: Die Frau aus dem Eis

Polarlicht, Waldmenschen und Charakterhunde - das ist Åsa Larssons Stoff. Sie macht daraus magische Bücher. Ein Besuch bei Schwedens bester Krimi-Autorin.

Åsa Larsson,46, kommt aus Kiruna, Schwedens nördlichster Stadt. In Deutschland kann man sie am 10. März auf der Lit.Cologne und am 11. März beim Krimifestival München treffen.

Mariefred, ein kleiner Ort eine Stunde westlich von Stockholm. Rote Holzhäuser, der erste Schnee des Winters. Åsa Larsson steht wie ein kleiner Troll - sie ist wirklich keine 1,60 Meter groß - in Stiefeln und grünem Rock an einer Straßenkreuzung und ruft uns etwas zu, das wie "Rührt mich bloß nicht an" klingt. Seltsame Begrüßung, wir nähern uns vorsichtig. Åsa lacht. "Reine Vorsicht. Meine Tochter hat sich vorhin übergeben, ich will die Viren nicht verteilen."

Also kein Händeschütteln, keine Einladung nach Hause. Stattdessen lotst sie uns um die Ecke in ihr Büro, das sie mit drei Freundinnen teilt. Eigentlich ist es eher ein Container, aber die vier haben es sich schön gemacht, alles weiß gestrichen, Chromlampen aufgehängt. Es gibt eine Küche, in der sie mittags Knäckebrot mit Butter essen, und einen großen Gemeinschaftsraum mit einer Dose Spekulatius in Herzform auf dem Tisch. "Ich habe meine Freundinnen regelrecht bekniet, mit mir ein Büro zu suchen", sagt Åsa, "zu Hause ist mir das Schreiben zu langweilig." Natürlich bringen alle ihre Hunde und ihre Handys und ihre privaten Themen mit. Kreative Ruhe, dichterische Weltabkehr? "Brauche ich nicht."

Die Welt, in der ihre Bücher spielen - fünf hat sie bisher geschrieben, alle Bestseller, in Deutschland verkauften sie sich 560 000 Mal -, ist ohnehin so sehr ihre eigene, dass sie sich nicht anstrengen muss, um sie herbeizuschreiben. Es ist die Welt jenseits des Polarkreises; in Kiruna, Schwedens nördlichster Stadt, ist sie aufgewachsen, in eisigen Wintern und taghellen Sommernächten. Ihr Leben steckt in ihren Krimis, die biografischen Anteile hat sie gleichmäßig über ihre Figuren verteilt: Da ist die resolute, aber melancholische Rebecka Martinsson, die - wie Åsa - Steueranwältin ist und nach Jahren in Stockholm in den Norden zurückkehrt. Da ist die Kommissarin Anna-Maria Mella, die - wie Åsa - klein und quirlig ist und ein Familienmensch. Und da sind die Hunde ihrer Hauptfiguren, deren Charaktere sie ausarbeitet, als wären es Menschen.

Ihr Büro im Zentrum von Mariefred teilt sich Åsa Larsson mit vier Freundinnen, Freiberuflerinnen wie sie. Zu Hause schreibt sie ungern - dort ist es ihr zu einsam

Hunde wie Trassel, Åsas kleiner, eigensinniger Pudel, der unter dem Holztisch im Gemeinschaftsraum liegt, den Kopf auf ihrem Fuß, bis sie aufsteht, um ein Buch aus dem Regal hinter ihr zu ziehen. Ihr Vater hat über die Jahre Romane und Novellen aus Nordschweden gesammelt und ihr geschenkt. "Die Bücher geben mir Hinweise, wie das Leben dort früher war", sagt sie und blättert in einem Band von 1914, das mal drei Kronen gekostet hat und in dem sie jetzt versinken würde, hätte sie die Zeit dazu. 1914 ist das Jahr, in dem auch ein Teil ihres letzten Buches, "Denn die Gier wird euch verderben", spielt: Rebecka und Anna-Maria klären darin einen Mord auf, dessen Hintergrund weit zurückreicht - eben ins Jahr 1914, als die Lehrerin Elina nach Kiruna kommt und ein Verhältnis mit dem mächtigen Bergwerksdirektor Hjalmar Lundbohm beginnt. Åsa Larsson erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen, vor allem die Rückblenden auf die frühe industrielle Klassengesellschaft Kirunas, die Elina in den Untergang treibt, haben eine große erzählerische Kraft - wie überhaupt dieses fünfte ihr bestes Buch ist. "Vielleicht braucht es eine Krise, um etwas in dir freizusetzen", sagt Åsa und fischt einen Spekulatius aus der Keksdose. "In harten Zeiten entwickelt man sich weiter."

Die harten Zeiten. Es gibt nicht viele Autoren, die ehrlich über ihre Schreibkrisen reden, aber Åsa Larsson ist ein Geradeheraus-Mensch, wenn es so war, dann sagt sie es so. Immer hatte sie ihr nächstes Buch gekannt, wenn sie mit dem Vorgänger zu zwei Dritteln fertig war. "Aber beim letzten klopfte nichts an." Sie hatte nur zwei Szenen: ein kleiner Junge, der in einen Bus steigt, und ein Hund, der ihm hinterherspringt.

Ein Jahr lang passierte - nichts. Dann, eines Sonntagmorgens Anfang 2009, fuhr sie ihren Sohn Leo zum Schwimmunterricht, "wir hatten beide schlechte Laune", sagt sie. "Alle zogen ihre Bahnen, nur er spielte mit der Kordel seiner Badehose. Ich war kurz davor, ihn anzubrüllen wie eine Eislaufmutter: Streng dich an!" Und da passierte es. "Der Himmel öffnete sich, und das Buch kam. Ich wusste plötzlich die ganze Geschichte." Sie holte ihr Notebook aus der Tasche, "40 Minuten, dann war die Schwimmstunde zu Ende, und ich war fertig". Ob es ein religiöser Moment war? "Ein sehr religiöser", sagt sie. "Das hatte nichts mit Kreativität zu tun. Es ist einfach passiert, eine göttliche Inspiration."

Ihre Eltern führten eine offene Ehe, ihre Mutter verliebte sich in eine Frau. Für die Freikirche, der Åsa als Teenager angehörte, war das die größte Sünde

Diese Gott-Sache taucht häufig in Åsa Larssons Büchern auf, und auch jetzt, in diesem Gespräch. Ihre ersten beiden Bücher spielen im Milieu der Freikirchen, die es zuhauf im Norden Schwedens gibt. Auch die späteren kreisen um biblische Motive, um Moral und Glauben und die zerstörerische Macht der Kirche über den Einzelnen. Die Bücher sind keine Abrechnung mit Gott, aber mit dem Machtmissbrauch der Gottesmänner. Åsa hat mit der Kirche gebrochen, aber nicht mit der Spiritualität. "Die Bibel lese ich noch immer mit großer Freude. Aber ich glaube nicht mehr, dass sie das pure Wort Gottes ist." Ihre Exkursion in die Welt der Freikirchen begann, als sie 14 war. Sie erlebte eine Art religiöse Erweckung, mitten auf der Straße, auf einmal, sagt sie, "sprach Gott zu mir. Es fühlte sich an, als wäre ich mit der ganzen Welt verbunden". Åsa Larsson erzählt davon mit einem anderen Ausdruck, vorsichtiger, ohne den feinen Humor, den sie sonst hat. "Es war so, als würde man die Ewigkeit fühlen können." Heute würde sie es einfach eine Vision nennen, aber damals lief sie nach Hause, völlig verwirrt, und erzählte es ihrer Mutter. "Die konnte damit gar nichts anfangen", sagt sie, "meine Großeltern waren strenggläubige Laestadianer, und meine Eltern lebten das genaue Gegenteil. Sie führten eine off ene Ehe und waren politisch links. Wenn ich gute Noten heimbrachte, sagte mein Vater: Denk dran, diese Gesellschaft würde nicht funktionieren, wenn es keine Leute gäbe, die den Müll aufsammeln."

Auf einmal sprach Gott zu mir.

Ihre Mutter sagte: Ich weiß nichts über Gott. Geh in die Kirche und frag den Pastor. Åsa weiß nicht mehr, was er ihr sagte, aber es war überzeugend. Sie trat seiner Freikirche bei und ging bald ganz darin auf. "Ich nahm an allem teil: Bibelgruppe, Jugendclub, Chor, Kirchenputzgruppe." Sex war verboten, was sie las, war zensiert. Die strengen Regeln störten sie nicht, sie machte sie zu ihren. Bald hatte sie all ihre Freunde dort. "Die Entwicklung, die man normalerweise als Teenager macht, hat bei mir die Kirche untergraben", sagt sie. Der Konflikt brach auf, als sich ihre Mutter in eine Frau verliebte. "Es war die Liebe ihres Lebens, aber nach Ansicht der Kirche die größte Sünde." Åsa wusste nicht mehr, wo sie stand, "meine Mutter tat das einzig Richtige: Sie hörte mir einfach zu. Das half mir, meine eigene Stimme zu hören. Ich verstand, dass die Werte der Kirche nicht richtig sein konnten. Aber ich hatte auch keine eigenen".

Mit 22 verließ sie Kiruna, um sich dem Einfluss ihrer Gemeinde zu entziehen, und zog nach Uppsala. In ihrer ersten Wohnung saß sie auf ihrem Bett und überlegte: Was will ich selbst? "Sicher wusste ich nur: Ich mache mein Bett am Morgen und halte das Zimmer sauber." Sie schlidderte in ein Jurastudium. Tat, was die anderen Studenten taten: lernen, feiern, sich verlieben, von allem etwas mehr, weil sie ja ihr Maß nicht kannte. Sie zog nach Stockholm, arbeitete als Steueranwältin, war gut im Job, aber innerlich unausgefüllt. Sie malte Füchse, die rauchten und kluge Sätze sagten, und verschenkte sie an Freunde; als eine Zeitung die Cartoons kaufen wollte, fand sie es für eine Juristin unwürdig.

Dann, 1998, kam ihr erstes Kind, ihre Tochter Stella, sie hatte sieben Monate Elternzeit, langweilte sich und ging in einen Krimi-Schreibkurs. "Meine erste Geschichte handelte von einem Serienmörder, der im Wald Beeren pflückt und dabei auf sein nächstes Opfer wartet. Als ich die ersten Zeilen tippte, war das pures Glück", sagt sie, "so ein Schnipp-dies-ist-es-Moment!"

Das Urtümlichste, Eigensinnigste, was es derzeit in Skandinavien gibt

Ihr erster Krimi erschien 2003. Sie schrieb nachts, oft stand sie um drei Uhr auf, um bis sieben Ruhe zu haben. Ihr Mann kümmerte sich um die Kinder, damit sie die Sonntage zum Schreiben hatte. Als das erste Geld kam, nahm sie sich drei Monate frei, um weiterzuschreiben. Und jedes Mal, wenn sie wieder Geld bekam, verlängerte sie erneut. Kaufte ihrer Tochter ein Pferd und sich die Freiheit. Irgendwann sagte ihr Boss: Du musst dich entscheiden. Da ist sie das Risiko eingegangen, vom Schreiben zu leben. Rund 350 000 Mal verkaufte sich ihr erster Roman "Sonnensturm" allein in Schweden, bei neun Millionen Einwohnern. Als das "Urtümlichste, Eigensinnigste, was es derzeit in Skandinavien gibt", feiert sie die Kritik, als "Kunstwerk", das als Krimi daherkommt. Ihre Bücher sind hochliterarisch, mystisch, aber immer gegenwärtig: Manchmal spricht ein dunkler Fluss und manchmal ein arroganter Vorgesetzter, der dem ermittelnden Frauen-Team mit seinem Narzissmus auf die Nerven geht. Åsa Larsson schludert nicht und schindet keine Zeilen, sie tut nichts von dem, was die Schwedenkrimis mit wenigen Ausnahmen zuletzt so mittelmäßig gemacht hat, nachdem die Ära der Großmeister Henning Mankell, Håkan Nesser und Stieg Larsson vorüber ist. Sie liebt ihr Genre, weil es immer um Gut und Böse geht, so wie in der Bibel. "Die Geschichten, die Sprache sind so herrlich überladen. Das fließt unbewusst in meine Bücher ein. Manchmal denke ich: Oh, das ist jetzt doch zu offensichtlich, dass es aus der Bibel ist."

Nach der Erleuchtung am Beckenrand packte sie ihren fünften Roman an. Aber es ging nicht. Sie schrieb hundert schlechte Seiten und klappte den Computer zu. Ging zu einem Coach, der ihr half, das ganze Bild zu sehen: auch die Scheidung, die sie gerade durchgestanden hatte, weil die gleichberechtigte Beziehung, die sie und ihr Mann hatten führen wollen, nicht funktionierte. "Manchmal haben wir uns nur auf dem Flughafen getroffen und das Auto übergeben", sagt sie. Es waren Alltagsdinge, die zur Trennung führten, "er kam nach einer Reise in ein sauberes Haus und ich in eines, von dem er fand, es sei sauber". Ihr Mann, der für ein Pharma-Unternehmen arbeitet, ist wieder verheiratet, Åsa hat einen Freund, ein Wissenschaftler, der in Stockholm lebt.

Der Coach half ihr, die Krise hinzunehmen. Sie lernte, sich zu sagen: Es ist jetzt so, du kannst im Moment nicht schreiben. Sie ging mit ihrem Hund in den Wald, nahm Reitstunden, mistete die Ställe aus, weil es sie beruhigte zuzuhören, wie die Pferde das Heu kauten. Eines Tages dann ging es wieder, nach eineinhalb Jahren totaler Blockade. Sie saß in ihrem Büro, und plötzlich war es wie eine neue, kleine Offenbarung. "Ich merkte: Was ich schrieb, war gut! Ich habe vor Freude geschrien, meine Freundinnen kamen herein, und ich habe gerufen: Ich habe einen Autorenkopf auf diesen Schultern, einen Au-to-ren-kopf!!!" Der Schwedenkrimi war gerettet.

Später, als es dunkel wird und der Hund noch mal rausmuss, auf dem Spazierweg nach Gripsholm, das wie ein Märchenschloss mit seinen vier Türmen auf einer kleinen Insel neben Mariefred liegt, sagt sie: "Nichts im Leben ist mir wichtiger als meine Kinder. Aber dann kommt auch schon das Schreiben."

Meike Dinklage,

47, hatte auf dem Weg zum Abflug nach Stockholm einen Auffahrunfall. Kurz überlegte sie, ob das ein Wink des Schicksals sei. Nachdem Åsa Larsson ihr von ihren Offenbarungen erzählte, weiß sie: Es war wirklich nur ein profaner Unfall.

Text: Meike Dinklage Fotos: Mikael Olsson/lundlund.com BRIGITTE 3/2013
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