Cheyenne Westphal: Sie findet die Bilder für Sotheby's

Kunst ist die neue Geldanlage. Wer in Warhol, Hirst oder Bacon investieren will, kommt um Cheyenne Westphal nicht herum. Die alleinerziehende Apothekertochter aus Baden-Baden ist eine der wichtigsten Frauen des Kunstmarktes.

Cheyenne Westphal wurde 1967 in Baden-Baden geboren. Nach dem Kunstgeschichts-Studium in Schottland und den USA kam sie mit 22 Jahren als Trainee zu Sotheby's in London. Seit 1999 leitet sie dort die Abteilung für zeitgenössische Kunst, seit 2002 gehört sie dem Vorstand an.

Die Preisschildchen. An denen erkennt man, dass man nicht im Museum ist. Auch wenn überall Bilder hängen, große Namen wie Francis Bacon, Andy Warhol, Gerhard Richter und Jeff Koons. "10 bis 15 Millionen Pfund" steht unter den "Drei Studien für ein Selbstporträt" von Bacon, "7 bis 9 Millionen Pfund" neben einem riesigen Wolkenbild von Richter.

Hier, in den Ausstellungsräumen des Auktionshauses Sotheby's in der feinen New Bond Street in London - Ralph Lauren gegenüber, Louis Vuitton ein paar Schritte die Straße hoch -, können sich potenzielle Käufer die Kunstwerke für die nächste Auktion aus der Nähe ansehen. Der Eintritt ist frei, anmelden muss man sich nicht. Wenn man Glück hat, beugt sich Madonna übers Preisschild nebenan. "Ja, sie war hier", lacht Cheyenne Westphal. "Aber es ist nicht so, dass ich sie dann am nächsten Tag auf dem Handy angerufen hätte, um zu fragen, wie's ihr gefallen hat."

Westphal ist Europa-Chefin für zeitgenössische Kunst beim weltberühmten Auktionshaus Sotheby's. Jetzt gerade steht sie im schwarzen Hosenanzug, die blonden Haare hochgesteckt, zwischen Kunstwerken, Leitern und Verpackungsmaterial und beaufsichtigt, dass jedes Bild an die ihm zugedachte Stelle kommt. Sie strahlt Herzlichkeit und eine Bodenständigkeit aus, die einem die illustre Umgebung sofort näherbringt. Die 44-Jährige ist eine der wichtigsten Frauen im Kunstgeschäft. Wer je in Europa darüber nachgedacht hat, sein Geld in einen Warhol oder Bacon zu investieren, kennt den Namen der deutschen Apothekertochter aus Baden-Baden. Das exotische "Cheyenne" verdankt sie der Karl-May-Begeisterung ihrer Mutter (ihr Vater ließ damals auf dem Baden-Badener Standesamt sicherheitshalber noch ein "Birte" davorsetzen).

Rund 900 Kunstwerke wechseln jedes Jahr bei den drei Zeitgenossen-Auktionen im Londoner Stammhaus den Besitzer. Vom Angebot hängt alles ab: je spektakulärer die Werke, die versteigert werden, desto erfolgreicher die Auktion. Und für den Nachschub an Werken ist Cheyenne Westphal zuständig. Sie kennt den Markt wie niemand sonst, ist hervorragend vernetzt und schafft es immer wieder, begehrte Bilder in Privatbesitz aufzuspüren, deren Besitzer an Verkauf denken. Außerdem weiß sie, wer am Kauf welcher Bilder interessiert ist.

Der Kunstmarkt erlebt im Zuge der Finanzkrise einen Boom ohnegleichen. In einer Zeit, in der nichts sicher scheint, gelten Bilder als perfekte Geldanlage. Doch die Anleger investieren ihr Geld nicht in irgendein Werk. Gefragt sind die großen Namen, deren Bedeutung für die Kunstgeschichte - und damit auch deren materieller Wert - außer Zweifel steht. Die Preise für Spitzenwerke schossen in den letzten Jahren in schwindelnde Höhen, ständig werden Rekorde aufgestellt. Spitzenreiter bisher: eine der vier Versionen von Munchs "Schrei", der im Mai 2012 für fast 120 Millionen Dollar verkauft wurde - auf einer Sotheby's-Auktion in New York. Noch nie zuvor ist für ein Bild so viel Geld bezahlt worden. Ausgegeben hat es der amerikanische Finanzmanager Leon Black, 61.

Kunstsammlungen erzählen oft Liebesgeschichten.

Manchmal meldet sich ein Kunde bei Westphal und will verkaufen. Oft sucht sie aber von sich aus den Kontakt zu Sammlern und empfiehlt sich und ihren Arbeitgeber, falls irgendwann ein Verkauf ansteht. "Dafür braucht man vor allem psychologisches Gespür", sagt sie, während sie zwischen den Kunstwerken mit einer Selbstverständlichkeit herumgeht, als wären es Billy-Regale. "Es ist ein Geschäft mit Menschen. Sammlungen erzählen oft Liebesgeschichten. Hinter jedem Bild stehen ein Verkäufer und ein Käufer. Und hoffentlich", sie lacht, "noch ein paar Mitbieter, damit's schön teuer wird!" Je höher der Preis, den ein Bild erzielt, desto höher der Gewinn fürs Auktionshaus - klar. "Aber Psychologie ist nicht alles. Man braucht auch Geschäftssinn. Ich kann mich stundenlang mit einem Kunden über ein Bild unterhalten, aber ich muss irgendwann erkennen, ob der Kunde einen Verkaufswunsch hat. Wenn das so ist, muss ich ihm das Vertrauen geben können, dass er sein Bild jetzt mit mir gut verkaufen kann."

So klingt Westphal, die Geschäftsfrau. Aber mindestens ebenso sehr wie ein Business ist Kunst für sie eine Herzenssache. Sie kauft sich jedes Jahr genau ein Kunstwerk, das etwas in ihr zum Klingen bringt - "und das ich mir leisten kann!" Ihre Bilder hängen in ihrem Haus im quirligen Stadtteil Notting Hill, wo sie mit ihrem zehnjährigen Sohn Jesper wohnt. Neulich hat Jesper sie gezählt und gesagt: "Mama, du hast hier 20 Bilder. Brauchst du wirklich so viele?" - "Ich glaube schon", hat sie geantwortet.

Laut brüllt sie: "Three million!"

Bei der Auktion in drei Tagen wird Cheyenne Westphal wieder ganz vorn stehen, rechts vom Auktionator. Selbst versteigert sie nicht. Stammkunden können telefonisch über sie mitbieten, dann reißt sie den Arm hoch und brüllt: "Three million!" Sie macht es vor, so laut, dass die Handwerker hochgucken. Auch im November stand sie da vorn, wie immer in diesen Momenten randvoll mit Adrenalin, bei der Abend-Auktion in New York, einem der Top-Events der Branche. Dresscode: "black tie". Cheyenne trug einen schwarzen Smoking von Gucci, dazu spektakuläre Ohrringe, die ihr Sotheby's Diamonds geliehen hatte - woran sie Spaß hat wie ein Mädchen, das sich mit Mamas Schmuck verkleidet. Highlight der Auktion war ein großformatiges abstraktes Gemälde von Mark Rothko von 1954. Geschätzt war es auf 35 Millionen Dollar, verkauft wurde es für über 75 Millionen.

Wie kommt ein derartig astronomischer Preis zustande? "Das liegt einfach daran, dass von Bildern dieser Klasse nur sehr wenige auf dem Markt sind. Das Bild war 30 Jahre lang im Privatbesitz, sein Auftauchen eine Sensation. So was findet man kaum noch. Sehr viele Sammler wollten dieses Bild. Sie wussten, dass sie diese Chance nicht noch mal bekommen. Bei so einer Gelegenheit geht es einzig um die Frage: Was ist es mir persönlich wert?"

Die Expertin ist sicher, dass die Preise weiter steigen werden. Einerseits wird die Gruppe der Käufer immer größer, weil sie globaler wird: "Wir haben heute Käufer aus Russland, aus dem Mittleren Osten und aus Asien, welche vor zehn Jahren noch nicht dabei waren." Andererseits bleiben die Bilder, die alle haben wollen, die gleichen: Werke von Mark Rothko, Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Francis Bacon oder Gerhard Richter. "Die werden nicht mehr. Die Käufer schon."

Wer den Weg von den Ausstellungsräumen zu Cheyenne Westphals Büro finden will, schließt sich besser jemandem an, der sich im verwinkelten Inneren von Sotheby's auskennt. Nach einer Odyssee durch enge Flure, Treppenhäuser, Aufzüge und zahlencodegesicherte Türen gelangt man in ihr Arbeitszimmer - absurd winzig für eine Schaltstelle des Kunstmarkts. Auf dem Schreibtisch steht ein Foto von ihrem Sohn Jesper, von dessen Vater sie getrennt lebt, der aber auch in London wohnt.

Einer der Triumphe in Westphals Karriere ist die Damien-Hirst-Auktion von 2008, mit dem klingenden Titel "Beautiful Inside My Head Forever". Damit hat die Deutsche die Kunstwelt verändert. Nie zuvor hatte ein Künstler unter Umgehung der Galerien direkt mit einem Auktionshaus zusammengearbeitet und über 220 Kunstwerke direkt für eine Auktion hergestellt. Weil Künstler einfach nicht für Auktionen fertigten - und weil Sotheby's eine eiserne Regel hatte: In den Verkauf kamen nur mindestens zehn Jahre alte Werke von etablierten Künstlern. Jetzt nicht mehr. Cheyenne Westphal hatte die Auktion gemeinsam mit ihrem guten Freund Hirst ausgeheckt, den sie über Bono von U2 kennt. Mit unerschütterlichem Glauben an den Erfolg von "Beautiful" hat Westphal damals alle Entscheider bei Sotheby's überredet, das Risiko zu wagen. Es wurde ein Medienereignis sondergleichen - und finanziell eine Sensation, 172 Millionen Dollar schwer. "Darauf bin ich stolz", sagt sie schlicht.

Wie ist das eigentlich: Ist es ihr noch wichtig, was ein Käufer mit einem Bild vorhat? Interessiert es sie, ob er es sich übers Sofa hängen oder es in den Tresor sperren will? Sie zögert - schließlich arbeitet sie mit beiden Arten von Kunden zusammen. Dann entscheidet sie sich für eine ehrliche Antwort: "Doch, das spielt eine Rolle für mich. Ich arbeite gern mit Menschen, die die Kunst lieben. Aber es gibt natürlich Kunstwerke, die als Investition gekauft werden. Ich verurteile das nicht." Pause. "Das ist einfach ein Teil unseres Geschäfts."

Text: Stefanie Hentschel
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