Miranda July: Die Alleskönnerin

Sie ist das Allround-Talent der amerikanischen Kulturszene: Ob Performance, Videokunst, Spielfilm oder jetzt auch Kurzgeschichten - der versponnenen Miranda July, 34, gelingt einfach alles.

Sie selbst sieht sich als Außenseiterin, aber ihre Fans halten Miranda July für "einen der coolsten Menschen auf diesem Planeten"

Eine junge Frau stürzt an der Kasse des "Brite Spot"-Restaurants in Los Angeles auf Miranda July zu, so ungestüm und heftig, dass sie die zierliche, zerbrechlich wirkende July mitten in deren Stammlokal fast über den Haufen rennt. Zutiefst verlegen bleibt sie in letzter Sekunde stehen und stottert: "Sorry, ich will Sie nicht belästigen, aber ich muss Ihnen einfach sagen, wie unglaublich wichtig mir Ihr Werk ist. Sie haben mir den Mut gemacht, selbst kreativ zu arbeiten." Miranda July wirkt ihrerseits verlegen angesichts dieser Attacke hier im Restaurant, aber die 34-jährige Schriftstellerin, Filmemacherin und Performerin reißt sich schnell zusammen und fragt ihre Verehrerin freundlich nach ihrer Arbeit und ihren Zielen aus. "Darf ich Sie umarmen?", fragt die begeisterte junge Frau am Ende des Gesprächs, und Miranda July zögert nur ganz kurz. "Klar", sagt sie dann und lächelt dazu ihr scheues Porzellanpuppenlächeln. Miranda Julys Werk hat einfach diese Wirkung auf Menschen, und das weiß sie inzwischen. Für jemanden, der sich selbst als "kook" erlebt, als schüchterne, versponnene und dauernd in der amerikanischen Normalität aneckende Außenseiterin, hat Miranda July in den letzten Jahren mehr Anerkennung vom Rest der Welt erfahren, als sie vermutlich je erwartet hätte: eine kollektive Umarmung des Kulturbetriebs.

Ihre Video-Arbeiten sind regelmäßig in internationalen Gruppenausstellungen vertreten; ihr erster Spielfilm "Ich und du und alle, die wir kennen" wurde 2005 beim Filmfestival in Cannes mit der Caméra d'Or als bestes Debüt ausgezeichnet; und ihr demnächst auch auf Deutsch erscheinender Band mit Erzählungen namens "Zehn Wahrheiten" gewann vergangenen Herbst den höchstdotierten Kurzgeschichten-Preis der Welt, den Frank O'Connor International Short Story Award.Auf dem Internetportal YouTube kann man sie bewundern, wie sie 3 Minuten und 32 Sekunden lang ganz allein in einem Video der Indie-Band "Blonde Redhead" tanzt. Und im Netz wird Miranda July ohnehin in ungezählten Blogs gefeiert als einer der "coolsten Menschen auf diesem Planeten".

Miranda July gelingt in Sachen Kunst so ziemlich alles, was sie anpackt. Dass sie so problemlos von der Performance zum Film, vom Film zur Literatur und wieder zurück wechseln kann, liegt vor allem daran, dass ihr ganzes Werk nicht durch die einzelnen Kunstformen bestimmt wird, sondern durch ein einziges, großes Thema. Das ist sie selbst. Oder genauer gesagt: Das ist ein hellsichtiger, zutiefst verletzlicher und dünnhäutiger Mensch, der in seiner Kunst seine Eigenheiten und Ängste, Träume und Gedanken offenbart und zugleich seine riesige Sehnsucht nach der Verbindung mit anderen Menschen ausstellt. Ein Mensch, der die winzigsten Erfahrungen und Alltagsbegebenheiten so lange schräg von der Seite anschaut, bis diese ihre Absonderlichkeiten preisgeben - und das Traurige, Peinliche und Witzige für immer untrennbar miteinander verschmelzen.

In "Zehn Wahrheiten" gibt es eine Geschichte, in der die Ich-Erzählerin sich an ihr Jahr in Belvedere erinnert, eine Stadt, "die nicht mal eine Stadt war, so klein war sie". Sie war jung und äußerst verloren, hatte nichts zu tun, und als sie eines Tages im Laden einen Schwatz mit drei älteren Leuten beginnt, ist sie so dankbar, überhaupt Gesellschaft zu haben, dass sie anbietet, ihnen Schwimmunterricht zu geben. Nur dass es in Belvedere weder ein Gewässer noch ein Schwimmbad gibt. Darum findet der Unterricht in der Wohnung der Erzählerin statt. Sie bringt ihren Schülern das Schwimmen auf dem Fußboden bei, während die drei ihre Köpfe in Schüsseln mit Leitungswasser halten, um das rechte Unterwassergefühl zu bekommen. Ein Schüler erweist sich als besonders begabt für den Schmetterlingsstil: "Er robbte tatsächlich über den Fußboden, mitsamt Wasserschüssel und allem. Nach einer Runde durchs Schlaf- zimmer kam er in die Küche zurückgerudert, verschwitzt und staubbedeckt."

Das ist natürlich zum Schreien, aber die Geschichte ist an den Freund der Erzählerin gerichtet, der sie vor Kurzem verlassen hat - und jetzt genauso unerreichbar für sie ist wie ihre drei vermutlich lange verstorbenen Schwimmschüler. Das Alleinsein bleibt die Konstante in vielen Geschichten Miranda Julys, Kommunikation ist schwierig, Begegnungen sind immer mit Verlegenheit, falschen, ungelenken Gesten und Selbstzweifeln belastet und verschaffen ihren Figuren, wenn überhaupt, nur eine vorübergehende, unzuverlässige Erleichterung.

Ihre erste Spielfilm-Regiearbeit "Ich und du und alle, die wir kennen" war da etwas optimistischer: Die Heldin, eine (von Miranda July selbst verkörperte) erfolglose Videokünstlerin, verliebt sich in einen frisch geschiedenen Schuhverkäufer und stellt ihm unbeholfen, aber zielstrebig so lange nach, bis die beiden so etwas Ähnliches wie ein Paar werden. Der Filmtitel ist nicht nur eine Aufzählung, sondern auch die Beschwörung einer Gemeinschaft, in der verlorene Seelen Geborgenheit finden können.

Ihre Kunst sei "ein Zeugnis", sagt sie, während sie auf dem Parkplatz des "Brite Spot" ihren Wagen ansteuert, "ein Nachweis meines Lebens, den ich sehr beruhigend finde. Und sie ist ein Weg, Verbindungen zu anderen Menschen zu schaffen". Mehr als alles andere will sie sich mitteilen, sich verständlich machen, sie will gekannt werden. "Ich wollte immer", sagt sie, "dass die Menschen fühlen, was auch ich fühle, dass sie sagen: Das empfinde ich genauso."

Wenn man ein paar Stunden mit ihr verbringt, merkt man, dass es für Miranda July viel leichter ist, sich in ihrer Kunst zu öffnen als in der Wirklichkeit. Sie wird umgeben von einer Art unsichtbarer Rühr-mich-nicht- an-Blase, die jede falsche Vertraulichkeit abstößt, und wirkt in ihrem gesamten Auftreten wie ein etwas zimperliches, ätherisches, aus der Zeit gefallenes Fräulein. Heute etwa trägt sie ein Tweed-Cape über einem roséfarbenen Wollpullover mit Häkelmanschetten, der auch unserer Großtante Henriette gefallen hätte, und dazu schnörkelige braune Stiefeletten. Klar, das ist ein sorgfältig kultivierter Look, so unhip, dass er schon wieder hip ist, aber irgendwie drückt er genau Miranda Julys Wesen aus. Sie ist das Mauerblümchen der Avantgarde. Das It-Girl mit dem Herzen einer Käuzin. Sie spricht nahezu jeden Satz so aus, als wäre er eine Frage oder ein vorläufiges Angebot, das sie ihrem Gesprächspartner macht - so unsicher und zögernd, als wüsste sie nicht in Wahrheit genau, was sie sagen will. Mit ihren unglaublich blauen, unglaublich großen Kugelaugen kann sie gucken, als wäre die Welt ihr ein unentwegtes, aufregendes Rätsel, das sie entschlüsseln will. So muss sie der Welt immer schon begegnet sein, denn bereits als Kind hat Miranda July angefangen, Kunst zu machen. Als Grundschülerin nahm sie Kassetten mit einem Gesprächspart einer Unterhaltung auf, zu der sie dann beim Abspielen "live" die andere Hälfte beitrug: Wenn das nicht eine frühe Einsamkeitsbewältigungsperformance ist, was dann? Außerdem schrieb sie eine Romantrilogie namens "Das verlorene Kind", die sie vor Kurzem in ihrem Elternhaus wiedergefunden hat. "Ich war überrascht, wie ähnlich sie meiner heutigen Arbeit war", sagt sie. "Das hat mir irgendwie Mut gemacht." Miranda Julys Eltern betrieben in der kalifornischen Hippie-Hochburg Berkeley einen winzigen New-Age-Verlag, so dass Nonkonformismus und Kreativität in ihrer Familie nicht gerade schockierend wirkten.

Mit 16 führte July ihr erstes Theaterstück in einem berüchtigten lokalen Punk-Club auf und beschloss, sich (nach einer von ihr erfundenen Figur) den Künstlernamen July zu geben - geboren wurde sie als Miranda Grossinger. Das College verließ sie nach dem zweiten Studienjahr, weil "ich nicht sehr gut darin bin, mir etwas beibringen zu lassen", nistete sich stattdessen in der Underground-Szene von Portland, Oregon, ein und experimentierte mit Video, Musik und Performance. Mit Mitte zwanzig, und darauf ist sie stolz, konnte sie von ihrer Kunst leben. Inzwischen wohnt Miranda July in Echo Park, einem ziemlich rauen, überwiegend von lateinamerikanischen Einwanderern und jungen Bohemiens bewohnten Viertel im Nordosten von Los Angeles. Heute muss sie Erledigungen in einem Künstlerbedarfsladen am Beverly Boulevard machen, etwa 20 Minuten Autofahrt vom "Brite Spot" entfernt. Für den nächsten Tag hat sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dem Regisseur Mike Mills ("Thumbsucker"), einen Haufen Freunde zu sich eingeladen, um gemeinsam Grußkarten zu basteln. Dafür will sie Scheren, Kleber, Pappe und anderes Zubehör erstehen.

"Am Ende des Abends herrscht immer völliges Chaos, aber ich finde es wunderbar zu sehen, was den Leuten einfällt", sagt Miranda July, während sie eine Packung mit Plüschpompons aus dem Regal nimmt. Die Bastelparty könnte fast Teil ihres Werks sein - sie ähnelt dem Internetprojekt "Learning to Love You More", das July zusammen mit dem Künstler Harrell Fletcher 2002 ins Leben gerufen hat: Die beiden Initiatoren stellen unkonventionelle "Aufgaben" ins Netz, die jeder Interessierte erfüllen kann, etwa: "Fertigen Sie ein ermutigendes Spruchband an." Oder: "Fotografieren Sie Ihre Eltern bei einem Kuss." Oder: "Schreiben Sie ein Telefonat auf, das Sie gern führen würden." Die Ergebnisse dieses Feldversuchs sammeln July und Fletcher auf ihrer Website, eine Auswahl liegt inzwischen auch in Buchform vor. "Learning to Love You More" ist ein Archiv kleiner, unwichtiger, aber trotzdem komplexer Augenblicke, echt und zugleich künstlich - eine Erleuchtung und Verzauberung des Alltags. Die allerletzte Seite des Buches zeigt bezeichnenderweise ein Transparent mit dem Spruch: "Du bist nicht allein." Glaubt sie das? Gelingt es dem Fräulein Rührmichnichtan wirklich, mit ihrer Kunst jene Augenblicke des "gegenseitigen Erkennens" zu schaffen, von denen sie träumt? "Manchmal", sagt Miranda July zögernd, "aber das Gefühl bricht auch schnell wieder in sich zusammen." Dann fühlt sie sich von Menschen wie der jungen Frau im Lokal getröstet. "Ich selbst würde zwar nie einen wildfremden Menschen fragen, ob ich ihn umarmen darf, und ich schäme mich fast für sie", gibt sie zu, "aber ich bin zugleich auch stolz. Dieses Mädchen findet sich in meiner Arbeit wieder. Das heißt für mich, dass ich etwas richtig mache."

Das Buch Miranda July: "Zehn Wahrheiten" Ü: Clara Drechsler und Harald Hellmann, 272 S., 18,90 Euro, Diogenes, erscheint am 22. Februar.

Der Film "Ich und du und alle, die wir kennen" DVD, 2006 erschienen bei Alive.

Die Websites www.mirandajuly.com, offizielle Homepage der Künstlerin. www.learningtoloveyoumore.com das interaktive Kunstprojekt von Miranda July und Harell Fletcher. www.noonebelongsheremorethanyou.com,von Miranda July selbst gestaltete Website zur amerikanischen Ausgabe von "Zehn Wahrheiten".

Text: Susanne Weingarten Foto: Tedd Cole BRIGITTE Heft: 05/08
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