Morgan Freeman: "Ich tauge nicht zum Faulenzen"

Das hätten wir uns fast schon gedacht, so häufig, wie man Morgan Freeman auf der Leinwand sieht. Jetzt spielt er keinen Geringeren als Gottvater persönlich

Morgan Freeman als Gott in "Evan Allmächtig"

Morgan Freeman ist Gott. Natürlich ist er das, nicken alle Kinogänger auf der Welt in schönstem Einverständnis. Schließlich ist er einer der charismatischsten Schauspieler der letzten 20 Jahre und adelt noch den schwächsten Film, wenn er sein knautschiges Gesicht unter silbergrauen Haaren darin sehen lässt. Und schließlich ist er in seinen Rollen fast immer auf der Seite des Guten. Vor allem würde hundertprozentig niemand sagen, er finde Morgan Freeman nicht gut. Und das ist bei Gott ja so ähnlich.

Aber jetzt ist Morgan Freeman wirklich Gott. Nämlich im Film "Evan allmächtig" (ab 9. August im Kino). Als himmlischer Vater strahlt Freeman nicht nur die Ruhe, Weisheit und Würde aus, die man von ihm aus anderen Rollen kennt, sondern lässt außerdem einen kleinen Kongressabgeordneten (gespielt von Steve Carell, dem unglücklichen Onkel aus "Little Miss Sunshine") wissen, dass er eine Arche zu bauen und das Leben auf der Erde zu retten habe. "Evan allmächtig" sei, heißt es, die teuerste Komödie aller Zeiten. Auf jeden Fall ist sie so etwas wie die Fortsetzung von "Bruce allmächtig", in der sich 2003 noch Jim Carrey mit göttlichen Aufträgen herumschlagen musste. Auch damals lenkte bereits Gott Morgan die Geschicke.

Diese Rolle ist nichts anderes als die konsequente Fortsetzung einer Reihe, in der Freeman zahllose (gute) Cops spielte, den würdevollen Chauffeur der quengeligen "Miss Daisy" (womit er 1989 den Durchbruch schaffte) oder das lebenskluge Mädchen für alles im Boxstudio, in dem Clint Eastwood sein "Million Dollar Baby" trainiert. Dieser Auftritt brachte Morgan Freeman nach drei Nominierungen endlich den Oscar für die beste Nebenrolle ein. Seit über 20 Jahren ist Morgan Freeman glücklich verheiratet, aus dieser und seiner vorherigen Ehe hat er insgesamt vier Kinder. Die derzeit vermutlich nicht allzu viel von ihm zu sehen bekommen: Nicht weniger als fünf Filme hat der Mann in diesem Jahr in der Mache. Zeit für ein Gespräch hat er trotzdem gefunden.

BRIGITTE: Vor ein paar Wochen sind Sie 70 geworden. In dem Alter sind andere längst in Rente. Sie aber machen einen Film nach dem anderen. Träumen Sie nicht manchmal von einem gepflegten Rentnerleben?

Morgan Freeman: Ganz im Gegenteil. Es hat schon seinen Grund, dass ich ununterbrochen arbeite. Ich kann mir nicht vorstellen, einfach mal einige Jahre auszusetzen, geschweige denn ganz aufzuhören. Ich tauge nicht zum Faulenzen.

Evan Baxter (Steve Carell) und Gott (Morgan Freeman)

BRIGITTE: Das sagen Sie, als würden Sie an einer Supermarktkasse arbeiten.

Morgan Freeman: Na ja, Schauspielen ist ein Job. Simple Arbeit. Ich bin nicht der Typ, der komplett in der Person aufgehen will, die er verkörpert. Ich brauche auch keine lange Vorbereitungszeit für eine Rolle, ob ich nun den Präsidenten, den Hausmeister in einem Boxstudio oder jetzt eben Gott spiele.

BRIGITTE: Meistens verkörpern Sie das Gute im Menschen. Warum?

Morgan Freeman: Eigentlich macht es mir mehr Spaß, den Bösewicht zu spielen. Aber wenn man erst einmal anfängt, der Gute zu sein, dann ist man, na ja, stigmatisiert. Stellen Sie sich Spencer Tracy oder John Wayne in der Rolle des Missetäters vor. Ich fürchte, das Publikum möchte mich nicht ständig als fiesen Gauner sehen, so wie zum Beispiel in "Contract", wo ich einen Killer gespielt habe.

BRIGITTE: Aber Ihr Publikum verehrt Sie doch, egal, was Sie spielen.

Morgan Freeman: Ja, heutzutage muss man als Schauspieler nicht nur lernen, wie man seinen Job richtig macht, sondern auch, wie man mit der Vergötterung seiner Fans zurechtkommt. Dabei darf man nicht vergessen, dass wir alle bloß Entertainer sind. Ich erinnere mich hin und wieder gern daran, dass es eine Zeit gab, als Schauspieler durch die Weiten Amerikas zogen und von den Leuten nicht mit Begeisterung, sondern mit Misstrauen empfangen wurden. Damals wurden in Läden Schilder aufgestellt, auf denen stand: "Keine Kinder, keine Tiere, keine Schauspieler". Seitdem hat mein Berufsstand so sehr an Prestige gewonnen, dass es mir manchmal schon angst und bange wird.

BRIGITTE: Inwiefern?

Morgan Freeman: So sehr ich meine Arbeit liebe, bedeutet sie für mich auch, dass ich mich sehr anstrengen muss, um noch einen Rest Privatsphäre zu haben. Wie wichtig und schön es ist, ungestört zu sein, merkt man erst, wenn man dafür kämpfen muss, ein privates Refugium zu finden. Deshalb bin ich nach Mississippi gezogen. Da kann ich auch mal in einem kleinen Laden einkaufen, ohne dass die Leute gleich durchdrehen. In Los Angeles könnte ich nicht leben.

Evan Baxter (Steve Carell) diskutiert mit Gott (Morgan Freeman) das Arche-Projekt

BRIGITTE: Damit sind Sie zu Ihren Wurzeln zurückgekehrt.

Morgan Freeman: Ja, ich bin im Staat Mississippi aufgewachsen. Meine Rückkehr verlief in Schüben, über Jahre hinweg. Angefangen hat alles zu Beginn der 90er Jahre, als ich mir im Süden ein Stück Land kaufte. Dabei lebte ich damals gerade auf einem Boot in der Karibik und genoss das unbeschwerte Leben.

BRIGITTE: Sie haben 30 Jahre lang in New York gelebt, das ist doch auch eine gute Alternative zu Los Angeles.

Morgan Freeman: Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich zwar in einem schicken New Yorker Appartement im dritten Stock wohnte, aber nie das Tageslicht sah, weil rundherum alles zugebaut war. Ich kannte auch die Leute nicht, die mit mir Wand an Wand wohnten. Glauben Sie mir: Wenn man seine Nachbarn nicht kennt, läuft irgendetwas falsch.

BRIGITTE: Aber Ihre Nachbarn wussten garantiert, wer Sie waren!

Morgan Freeman: Ach, die dachten wahrscheinlich, sie wohnen neben Samuel L. Jackson. Sam und ich werden ständig verwechselt, wir machen uns schon einen Spaß daraus.

BRIGITTE: Wie bitte? Sie sehen sich doch überhaupt nicht ähnlich, Sie haben lediglich die gleiche Hautfarbe.

Morgan Freeman: Ich erzähl Ihnen was. Als ich einmal am Flughafen von Dallas auf einen Anschlussflug wartete, sprach mich plötzlich ein Typ von der Seite an und flüsterte mir zu, er habe Verständnis dafür, dass ich mich mit der Sonnenbrille und der Schiebermütze tarnen wolle. Erkannt habe er mich aber trotzdem. "Du bist Samuel L. Jackson", flüsterte er. "Nein, bin ich nicht", antwortete ich. Umgekehrt erklärt Sam bei öffentlichen Auftritten manchmal als Erstes: "Ich bin nicht Morgan Freeman." Das macht er wirklich. Zum Glück sind wir dicke Freunde.

BRIGITTE: In Hollywood echte Freunde zu haben ist sicher kein leichtes Unterfangen.

Morgan Freeman: Sam und ich kennen uns schon eine halbe Ewigkeit, seit wir in den 80ern gemeinsam in New York auf der Theaterbühne gestanden haben. Aber Sie haben recht, echte Freundschaften kommen in Hollywood nicht häufig vor, doch ab und zu gibt es sie schon. Das Schauspielerdasein ist stressig, und Bekanntschaften sind daher oft kurzlebig. Um Freunde muss man sich kümmern, muss Kontakt halten. Gerade für Leute wie mich, die nicht in Los Angeles wohnen, weil es einfach nicht ihre Welt ist, ist das eine echte Herausforderung. Außerdem bin ich nicht der Typ Mann, mit dem sich gut herumhängen lässt.

Interview: Leif Kramp Brigitte Heft 17/07
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