Frauen im Heavy Metal: "Wacken ist unser Ziel"

75.000 Fans feierten am Wochenende auf dem Wacken Open Air die Stars der Metal-Szene. Die sind in der Regel langhaarig - und männlich. Eine Ausnahme ist die türkische Frauenband K?rm?z?, die schon mit Ozzy Osbourne auf der Bühne rockte. Wir sprachen mit Gründerin Idil Cagatay über Vorurteile und den fatalen Effekt von Klavierunterricht.

Sie sind die erste reine Frauen-Metalband, die je in der Türkei ein Album veröffentlicht hat: Die vier Frauen von K?rm?z? stehen seit 2005 zusammen auf der Bühne. 2010 erschien ihre erste Maxisingle, die sie landesweit bekannt machte - und auch Ozzy Osbourne gefiel. Der Rockstar persönlich lud sie ein, als Vorband auf seiner Tour zu spielen. K?rm?z?s Debütalbum "?syan" kam 2011 auf den Markt und sorgte für Buchungen auf Festivals in ganz Europa. Auch mit Nina Hagen haben sie schon gespielt. Im Interview erklärt Gründerin und Sängerin Idil Cagatay (auf dem Foto rechts), warum Metallerinnen immer noch eine Ausnahme sind.

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BRIGITTE.de: Mehr als 70 Heavy-Metal-Bands standen beim Wacken Open Air auf der Bühne. Wären Sie gerne dabei gewesen?

Oh ja. In Wacken zu spielen, ist eines unserer größten Ziele. Wir versuchen gerade, für eines der nächsten Open Airs einen Platz im Line-up zu bekommen, aber es ist nicht einfach, als Band herauszustechen unter den Tonnen von Bewerbungen. Aber wir geben nicht auf.

Dabei sind Sie als Frauenband ja etwas Besonderes - in Wacken schüttelten vor allem Männer ihre Mähnen auf der Bühne. Warum gibt es so wenig Frauen in der Szene?

Wenn man sich die internationale Musikindustrie ansieht, dann sind Frauen in den Bands meistens Sängerinnen. Nur wenige spielen Instrumente. Vielleicht ist es in anderen Ländern anders, aber in der Türkei kaufen die Eltern ihren Töchtern eher ein Klavier oder eine Geige als eine E-Gitarre oder ein Schlagzeug. Im Metal steht aber immer die ganze Band im Mittelpunkt. Da sich Bands so schwer tun, weibliche Instrumentalisten zu finden, wirkt die Szene insgesamt sehr maskulin. Dazu kommt, dass Metal-Musik generell einen sehr rauen Sound hat - und mit "rau" verbindet man eher Männlichkeit als Weiblichkeit. Das bedeutet aber nicht, dass die Szene grundsätzlich sexistisch ist.

Wie gehen die Metal-Männer denn mit Ihnen als Frauenband um?

Die meisten behandeln uns respektvoll. Wichtig ist, dass man gut ist und etwas Neues schafft, sonst hat man keine Chance. Wir probieren mit Kirmizi immer gerne neue Sachen aus und arbeiten sehr hart - und das verschafft uns Respekt. So ist es auch bei den anderen Frauenbands in der Szene.

Haben es Frauenbands am Ende sogar leichter, Bookings für große Festivals zu bekommen, weil sie etwas Besonderes sind?

Nein, es ist heute für alle Bands schwierig, auf großen Veranstaltungen zu spielen - unabhängig vom Geschlecht. Wenn man noch nicht im Mainstream angekommen ist, ist das Bandleben hart. In der Türkei kommt noch dazu, dass Veranstalter und Publikum vor allem ausländische Künstler wollen. Lokale Bands werden kaum unterstützt.

Was war der blödeste Kommentar, den Sie bislang zu hören bekamen?

Es gibt in Istanbul nur eine Metalkneipe mit Live-Musik, das "Dorock". Dort spielten wir vor vielen Jahren jeden Sonntag. An einem Abend, der Laden war voll mit Metalfans, rief einer: "Das Dorock stinkt neuerdings - nach Parfüm!" Wir haben sehr gelacht.

Haben Sie als weibliche Metalmusikerinnen in der Türkei mit besonderen Problemen zu kämpfen?

Die Frage wird uns oft gestellt. Frauen, die in einer patriarchalen Gesellschaft leben und ein Männer-dominiertes Musikgenre spielen - da haben die Menschen schnell Vorurteile im Kopf. Natürlich war das Publikum zu Beginn sehr gespannt, ob wir das überhaupt hinkriegen würde. Heute respektieren uns die meisten Leute, weil sie unsere Musik entdeckt haben - und weil wir es geschafft haben, nach acht Jahren im Musikdschungel noch auf der Bühne stehen. Aber es gibt leider immer noch ein paar Männer in der Branche, die uns ablehnen, weil wir unsere Musik ernst nehmen. Ich glaube, wir sind ihnen zu nüchtern (lacht).

Sehen Sie sich als feministische Band?

Nein, wir setzen uns eher dafür ein, alle Menschenrechte zu schützen, und lehnen jede Form von Gewalt ab. Unser Album "?syan" (zu Deutsch: "Krawall") enthält einige Songs mit politischen Botschaften. Unser Song "Araf" (Fegefeuer), ist allen Frauen in der Türkei gewidmet, die Gewalt erfahren haben. Wir unterstützen damit auch ein großes nationales Projekt gegen häusliche Gewalt.

Sind Sie im Frühjahr auch auf die Straße gegangen um gegen die Regierung zu protestieren?

Natürlich, es geht ja um die Zukunft unseres Lands. Wenn wir jetzt schweigen, müssen wir für den Rest unseres Lebens im Stillen leben.

Wovon träumen Sie?

Dass wir eines Tages eine weltweit bekannte Band sind und dass wir weiterhin offen und in Frieden unsere Meinung äußern können.

Tipp: Mehr über Frauen-Metal-Bands aus aller Welt lesen Sie auch auf www.metaladies.com

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