Helene Fischer: Nicht nur für Schlager-Fans ein Star

An Helene Fischer kommt fast niemand vorbei. Bei der WM-Feier in Berlin scharten sich Jogi und seine Jungs begeistert um den Schlagerstar. Auch BRIGITTE-Musikexperte Stephan Bartels wurde sofort schwach, als er Helene Fischer 2013 traf. Was ist bloß dran an dieser Frau?

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Warum nur ist Helene Fischer in aller Munde? Wenn man genauer hinschaut, dann sieht man, dass unsere Welt aus lauter kleinen Paralleluniversen besteht. Gothic-Fans, Porsche-Fahrer, Briefmarkensammler, die FDP - sie alle leben mitten unter uns, doch kaum ein Außenstehender kennt sich in diesen Mikrokosmen aus. Anders ist es mit der Welt des Schlagers. Die große Mehrheit weiß um deren Protagonisten. Howard Carpendale, Andy Borg, Andrea Berg, Florian Silbereisen - kennen wir alle aus den bunten Klatschblättern in Ärztewartezimmern oder den TV-Teasern für die "Willkommen bei Carmen Nebel"-Show. Eine große Parallelwelt, die Welt des Schlagers. Aber sie kreist in der Regel in ihrer eigenen Galaxie. Und nie verirrt sich ein Schlagerstern in eine andere Welt.

Bis jetzt. Bis Helene Fischer. Das ist eine Schlagersängerin, ja. "Es gibt Leute, die sprechen das Wort ‚Schlager' nicht einmal gern aus", sagt die 28-Jährige, "aber ich habe mir damit nun mal mein Publikum erspielt." Ein großes: Fünf Millionen Alben hat sie verkauft, seit sie vor etwa acht Jahren debütierte. Ihre Konzerte in den größten Hallen Deutschlands sind notorisch ausverkauft und gigantische Inszenierungen. Sie hat längst eine eigene Fernseh-Show, spielte schon im "Traumschiff" mit und hat im März zum ersten Mal sichtbar die Grenze zwischen Schlager und Pop überschritten, als sie die "Echo"- Verleihung moderierte - sie hat es sehr gut gemacht.

Souverän, freundlich, schön, humorvoll. Robbie Williams, Gast an diesem Abend, war jedenfalls ziemlich hin und weg von der Fischer: "Sie hat so eine Frische und Herzenswärme", sagte er anschließend verzückt, "sehr sexy, diese Lady. . ."

Seitdem ist sie ganz offensichtlich zu Größerem berufen. Sender buhlen um die Bildschirmpräsenz des alleskönnenden Gesamtkunstwerks. Hartnäckig munkelt man, sie könnte "Wetten, dass...?" von Markus Lanz übernehmen, ach, eigentlich könnten sich die Senderchefs alles vorstellen, wenn es um Helene Fischer geht. Ein Kinofilm mit ihr in der Hauptrolle ist in Vorbereitung. Es scheint, als solle sie die deutsche Unterhaltungsmaschinerie im Alleingang am Laufen halten.

Die Schultern, auf denen das alles lastet, sind ziemlich schmal. Aber die Frau, 1,58 Meter groß, hat ein Gewicht, das sich nicht in Kilos bemessen lässt. Helene Fischer, geboren in Sibirien, nach Deutschland ausgewandert mit dreieinhalb Jahren, ist der kommende Superstar in diesem Land. "Mir war von Anfang an klar, dass ich nicht nur als Schlagersängerin wahrgenommen werden möchte", sagt sie. Sie hat Musical studiert, kann tanzen, ist akrobatisch begabt. "Ich wollte die Leute nie nur besingen, sondern unterhalten", sagt Fischer, "ist doch egal, wie das bezeichnet wird." Überhaupt, dieses Schubladendenken!

Davon, glaubt sie, gibt es viel zu viel in Deutschland. Deshalb findet sie auch gar nicht, dass sie aus irgendeiner raus muss. Sie, selbst Fan der amerikanischen Indie-Rockband Kings of Leon, erweitert einfach sukzessive ihre Grenzen. Am besten sieht man das bei ihren Bühnen-Shows, die bestes internationales Entertainment-Format haben.

Nicht unter zweieinhalb Stunden unterhält Helene Fischer ihr stets frenetisches Publikum, singt ihr akustisch aufgemotztes Repertoire mit wirklich guter Stimme, covert aber auch Lady Gaga, Queen und andere Popgrößen. Ihre zwölf Tänzer kommen fast allesamt aus Los Angeles. Sie zieht sich während der Show ein halbes dutzend Mal um. Und manchmal steckt sie dann in Outfits, mit denen sie auch auf Erotikmessen Furore machen würde, etwa in einem hautengen Latex-Ganzkörperanzug.

Das ist, da hat Robbie Williams einfach mal recht, ziemlich sexy. Und trotzdem umgibt Helene Fischer eine seltsam reine, fast jungfräuliche Aura. Wer sie sieht, kann sich dem schwer entziehen, ganz egal, wie man das nennt, was sie da macht. "Mir steht alles offen, und mein Publikum geht mit", sagt sie, "und es gibt immer Neuzugänge. Junge Leute, Rocker - ich entdecke die schrägsten Typen bei mir im Publikum."

Ich lasse negative Gedanken nicht an mich ran. Das ist für mich ein Gesetz.

Aber ihr Talent liegt offenbar auch im zwischenmenschlichen Bereich. Nie hat man ein böses Wort über sie oder von ihr gehört. Für ihre Fans ist sie eine Heilige, und auch seriöse Journalisten von "Stern" über "F.A.Z" bis "Tagesspiegel", die schon von Berufs wegen jeden düsteren Abgrund ausleuchten wollen, finden einfach nichts an ihr auszusetzen. Nichts! Nicht mal ihre Beziehung zu Florian Silbereisen, mit dem sie seit fünf Jahren das Kronprinzenpaar des deutschen Schlagers bildet, ist Gegenstand größerer Spekulationen oder gar des Spottes, wie sonst durchaus üblich in Medienkreisen. Man hört ja auch nicht viel von beiden. Fischer erzählt nichts Privates; und trotzdem hat niemand das Gefühl, sie sei verschlossen oder unzugänglich. Das ist eine Kunst.

Fischer kann Menschen für sich einnehmen, egal, was sie wo tut. Woran das liegt? "Ich lasse negative Gedanken nicht an mich ran", sagt sie, "das ist für mich ein Gesetz." Verdammt harmoniesüchtig sei sie, versuche, alle Reibereien zu bereinigen, bevor sie sich zum Streit auswachsen können. Bodenständigkeit: Das ist eines der Schlüsselworte, das sie selbst gern benutzt - aber auch Menschen, die über sie reden. "Niemand in meinem Umfeld behandelt mich als Star, und das tut mir extrem gut", sagt sie, "sobald ich von der Bühne komme, lasse ich die Fake-Welt hinter mir. Aber in das normale Leben zu kommen, nicht mehr alles durch den Show-Nebel zu sehen, das dauert schon seine Zeit."

Dabei hilft ihr Heimat. "Schlager-Fans sind gern in der Komfortzone und halten sich geografisch an das, was sie kennen", sagt Helene Fischer, "das ist bei mir nicht so." Ihr Heimatgefühl ist an keinen Ort gebunden, nicht an Krasnojarsk in Sibirien, wo sie geboren wurde, nicht an Wöllstein in Rheinland-Pfalz, wo sie aufgewachsen ist. Heimat sind ihre russlanddeutschen Eltern, ihre Schwester, der Silbereisen Flori. Und in gewisser Weise auch der Schlager.

Sie war Anfang 20, als sie in diese Schlagerwelt reingeworfen wurde. Mach mal, hat ihr Manager gesagt. "Und ich habe eigentlich nur Positives erlebt. Ich wurde in diese kleine Familie aufgenommen, man hat mir geholfen, und irgendwann habe ich mich freigeschwommen", sagt Helene Fischer.

Dass man ihr ihre makellose Freundlichkeit abnimmt, hat auch damit zu tun: In den acht Jahren ihrer Karriere gab es noch keinen einzigen Knick, keinen Rückschlag, keine Krise. Die einzige Richtung war: nach oben. Alle haben all ihre Grenzerweiterungen mitgemacht. Das ist bemerkenswert, und es scheint so, als gäbe es gar keine Grenzen für Helene Fischer. Als stünde die Welt ihr offen. Nicht ihre Parallelwelt. Sondern die große ganze.

Grenz-Sängerin

Die in Sibirien geborene und in Rheinland- Pfalz aufgewachsene Helene Fischer, 28, gehört zu den Top-Stars des deutschen Schlagers, covert aber auch Pop- oder Rock-Songs. Im März moderierte sie die Verleihung des "Deutschen Musikpreises" und bekam selbst zwei "Echos". Ihr letztes Album "Für einen Tag" (2011) verkaufte sich bisher weit über 800 000 Mal.

Text: Stephan Bartels BRIGITTE 15/2013
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