Nackte "Wahrheit": Danke, Sharon Stone

Auf dem Cover der französischen Zeitschrift "Paris Match" bekommt man jetzt ordentlich was zu gucken: Sharon Stone ziemlich nackt - und das mit über 50. Toll? Ganz im Gegenteil, findet BRIGITTE-Autorin Kathrin Tsainis, 42.

Dass einem ständig halbnackte Frauen entgegen springen, daran hat man sich mittlerweile schon gewöhnt. Sie posieren auf Covern, Plakatwänden, in Fernseh-Spots. Gähn. Haut höchstens noch Männer mit extrem niedriger Reizschwelle vom Hocker. Dass der nackte Frauenkörper dabei als Mittel zum Zweck der Verkaufsförderung von allerlei Konsumgütern vom Parfum bis zur Margarine dient? Ist doch normal. Sex sells. Im Zeitalter allgemeiner Abgebrühtheit muss man schon stärkere Geschütze auffahren, um Reaktionen zu erzeugen.

Zum Beispiel Sharon Stone. Die prangt nun auf dem Titel der französischen Zeitschrift "Paris Match", und ihr schwarzes Domina-Outfit ist zweckmäßigerweise so geschnitten, dass die kugelrunden Brüste ordentlich Luft bekommen. Aus dem Unterhöschen ragen lange, gut geölte Beine, die in den Halsbrecher-Sandaletten gleich noch mal so lang wirken. Das allein wäre aber noch keine Sensation. Dass Frau Stone sich gern die Klamotten vom Leib reißt, hat sie ja schon in "Basic Instinct" bewiesen. Der Hammer, der Ober-Hammer ist natürlich ihr Alter: "Ich bin 50, na und" wird sie in unübersehbar großen Lettern zitiert. Selbstbewusst soll das wohl klingen, stolz, vielleicht sogar ein bisschen rotzig.

Nun, "Miss Einstein" (angeblicher IQ von 154) ist zwar schon 51, aber geschenkt. Die Botschaft ist auch so angekommen: Auch mit 50+ kann eine Frau noch wie – extrem gut trainierte – 20 aussehen und bekommt dafür Beifall. Dass ihr Body von Kopf bis Fuß mithilfe von Fitness-Coaches, sündteuren Schönheitsbehandlungen und ganz sicher mit einem ausgezeichneten Retusche-Programm am Computer in Schwung gebracht wurde, spielt ja keine Rolle. Würde doch bloß die schöne Illusion zerstören. Die Menschen sollen glauben, was sie sehen.

"Toll" sollen sie raunen. "Unglaublich, wie fabelhaft die aussieht." Und das Magazin wird sich vermutlich verkaufen wie geschnitten Brot. Ganz ehrlich? Mir sträubt das die Nackenhaare! Nicht weil ich prüde bin. Was mir wirklich gegen den Strich geht, ist dieser unsägliche, immer bizarrer werdende Jugend- und Schönheitswahn, der sich mit diesem Cover im wahrsten Sinne des Wortes unverhüllt zum Ausdruck bringt. Wann hat es eigentlich aufgehört, dass wir älter werden und unsere Brüste hängen dürfen, dass es unserer Haut und unserem Fleisch erlaubt ist, Falten zu werfen? Und wann hat es angefangen, dass der Wert eines Menschen zu großen Teilen nach seinem Aussehen bemessen wird?

Im Namen der Schönheit und Jugend wird geschnippelt und gebotoxt, abgesaugt und aufgespritzt, gehungert und bis zum Umfallen geturnt. Sich mit seinen "Makeln" anfreunden? Nein, nein, nein! Der Körper ist eine ewige Baustelle, freigegeben zum beständigen Basteln, und wer "zu" üppig, "zu" schlaff oder nicht glatt "genug" ist, hat versagt. Daran haben wir gelernt zu glauben – bei uns und bei anderen. Kind gekriegt und nach sechs Wochen immer noch Babyfett an den Hüften? Unmögliche Schlamperei! So darf man sich doch nicht gehen lassen! Muss man sich eben ein bisschen anstrengen. Heidi Klum schafft das doch auch. Und jetzt schreit uns Sharon Stone entgegen, dass man wahrhaftig dafür sorgen kann, dass die Brüste hoch stehen wie bettelnde Hunde, selbst wenn man auf die Menopause zusteuert. Körperliche Alterserscheinungen sind was für Verlierer. Muss man sich eben ein bisschen anstrengen. Viel Wasser trinken und positiv denken... Was die Prominenz so erzählt. Tolles Vorbild, Miss Einstein, herzlichen Dank dafür, dass jetzt wahrscheinlich zahllose Frauen an sich heruntersehen und sich minderwertig fühlen. Weil sie es einfach nicht schaffen, so auszusehen wie Sie - wo Sie doch schon 51 sind.

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