Natalie Portman: "Frauen haben ein Verfallsdatum"

In Spitzenschuhen zu Gold: Natalie Portman hat für ihre Ballerina-Rolle in "Black Swan" gerade einen Golden Globe abgeräumt und ist jetzt auch für den Oscar nominiert. BRIGITTE.de-Mitarbeiterin Marli Feldvoß sprach mit ihr über Körperbeherrschung, das harte Ballettgeschäft und Portmans Status der Unberührbaren.

Natalie Portman

BRIGITTE.de: Miss Portman, Sie tanzen den "weißen" und den "schwarzen" Schwan mit einer solchen Perfektion, dass man meinen könnte, Sie hätten Ihr Leben lang nichts anderes getan. Wie haben Sie das geschafft?

Natalie Portman: Das habe ich vor allem meinen außergewöhnlichen Lehrern zu verdanken. Ich habe schon ein Jahr vor Drehbeginn mit dem Training angefangen. Es war Mary Helen Bowers, eine frühere Ballerina vom New York City Ballet, die mich von der Pieke auf ins Ballett eingeführt hat, von ganz unten bis zum fortgeschrittenen Tanz. Ohne Disziplin geht da gar nichts. Ich habe einen Mordsrespekt vor den Tänzern entwickelt.

BRIGITTE.de: Was hat das Ballett-Trainung mit Ihrem Körper gemacht?

Natalie Portman: Es war die erste Rolle, die derart große physische Anforderungen an mich gestellt hat. Bei der Tanzerei hat man immer ein Wehwehchen, aber das ist gut für die Rolle. Ich war auch einmal ernsthaft verletzt, eine geprellte Rippe. Sehr unangenehm. Aber als Tänzer arbeitet man einfach weiter, auch wenn man verletzt ist. Das ist so eine merkwürdige Dualität in der Ballettwelt: An der Oberfläche ist es leicht, schön, duftig und sieht so einfach aus, aber darunter ist es extrem dunkel und schmerzhaft.

BRIGITTE.de: Kann man das klassische Ballett mit der Schauspielerei vergleichen?

Natalie Portman: Darstellen ist ganz anders. Ballett beruht auf Technik und Virtuosität, die nur durch stundenlanges Training erreicht werden kann. Bei der Schauspielerei im Film ist heute Naturalismus gefragt. Alles, was mit Technik zu tun hat, sieht schnell nachgemacht aus. Aber was Druck und Konkurrenz anbelangt, da sind sich Ballett und Schauspiel sehr ähnlich.

Filmtrailer: "Black Swan"

Kino: Trailer: Black Swan

Tänzerin Nina auf der Suche nach der eigenen Identität

BRIGITTE.de: Ist die Tänzerin Nina so etwas wie eine Muse? Gibt es das noch?

Natalie Portman: Ich denke schon. Es geht doch oft darum, dass die Frau für den Mann als Medium fungiert, durch das er sich ausdrücken kann. Das ist auch bei "Black Swan" so. Die Tänzerin ist ein Instrument in den Händen des Ballettmeisters, aber dann tritt sie aus dieser Rolle heraus und befreit sich von ihrem Maestro. Das ist für mich die ganze Geschichte.

BRIGITTE.de: Es gibt viel weibliche Konkurrenz in "Black Swan"? Das Mutter-Tochter-Verhältnis, die beiden Tänzerinnen - sind das Männerphantasien?

Natalie Portman: Nein. Im Gegenteil. Ich finde, dass der Film sehr bewusst eine Welt vorführt, in der Frauen untergebuttert werden. Wenn sie in ein gewisses Alter kommen, so um die vierzig, steht ein junges Mädchen als Ersatz bereit. Frauen haben ein Verfallsdatum. Das ist typisch für die Welt des Balletts, aber das repräsentiert auch die heutige Welt in einem weiteren Sinne. Nina macht das Gegenteil. Statt den Männern zu gefallen, findet sie einen Weg, sich selbst zu gefallen. Und sie findet ihre eigene künstlerische Identität. Ihr Narzissmus hilft ihr, sich den Zwängen dieser eng gezogenen Grenzen zu entziehen.

BRIGITTE.de: Und wie sehen Sie das Ende des Films?

Natalie Portman: Es ist kein Zufall, dass das Blut in Ninas Kostüm wie eine Periode aussieht. Es geht um das Ende der Kindheit und um die Geburt einer Frau. So sehe ich das.

BRIGITTE.de: Und es geht um das Verhältnis der Geschlechter.

Natalie Portman: Auf jeden Fall. Es geht um männliche Kontrolle. Dazu gehört, dass die Tänzerinnen so dünn bleiben sollen. Jede Tänzerin hat mir das erzählt. Ich habe immer gedacht, dass man so einen Körper vom Ballett kriegt. Aber sie essen nicht. Das ist verrückt! Was auch merkwürdig ist: Immer stehen Männer an der Spitze einer Balletttruppe, obwohl es eine Kunst ist, die von Frauen dominiert wird. Die Frauen sind die Stars, die Männer dienen nur als Stütze. Aber sie sorgen dafür, dass die Frauen entsexualisiert werden. Die Ballerinen sollen keine Brüste, keinen Hintern haben und werden wie Nonnen gehalten. Ich war auch erschrocken, wie viele Tänzerinnen keine Frauenstimme entwickelt haben, sondern mit hohen Kleinmädchenstimmen sprechen.

"Ich habe viel über die obsessive Natur des Tanzes nachgedacht." Natalie Portman half nicht nur ihre Ballett-Erfahrung, sondern auch ihr Psychologiestudium bei der Rolle.

BRIGITTE.de: Hat Ihnen für das Verständnis der Rolle geholfen, dass Sie Psychologie studiert haben?

Natalie Portman: Bestimmt. Ich habe viel über die obsessive Natur des Tanzes nachgedacht. Einerseits führt es dazu, ein Tanzvirtuose zu werden, andererseits entwickelt sich zwanghaftes Verhalten. Das sieht man sehr gut bei Nina. Religion und Hingabe, auch das Ritual spielen eine große Rolle beim Tanz. Ein neues Paar Schuhe ist wie ein Ritual. Wenn man sie anzieht, tut es wahnsinnig weh. Erst nach ein paar Stunden Tanz werden sie bequemer. Die Tänzer kriegen aber für jeden Auftritt ein neues Paar. Das Budget des New York City Ballet beträgt - allein für Schuhe - eine Million Dollar im Jahr.

BRIGITTE.de: Miss Portman, Sie sind dafür bekannt, dass Sie Ihr Privatleben total geheim halten.

Natalie Portman: Ich will nicht, dass die Leute mich näher kennenlernen. Man ist viel freier, unterschiedliche Rollen zu spielen, wenn der eigene Charakter im Dunkeln bleibt. (lacht)

BRIGITTE.de: Man nennt Sie auch "die Unberührbare".

Natalie Portman: Was soll denn das heißen? Wie im Kastensystem?

BRIGITTE.de: Haben Sie das noch nie gehört?

Natalie Portman: Nein, noch nie. Komisch.

Mittlerweile weiß man ein bisschen mehr über Natalie Portmans Privatleben. "Black Swan" hat ihr nämlich nicht nur Kritikerlob und gute Aussichten auf eine Oscar-Nominierung beschert, sondern auch eine neue Liebe: Bei den Dreharbeiten lernte Portman den Balletttänzer und Choreographen Benjamin Millepied kennen. Die beiden sind seit Kurzem verlobt und erwarten ein Kind.

Über den Film "Black Swan"

Nina (Natalie Portman) und Ballettdirektor Thomas Leroy (Vincent Cassel)

Die Welten Spitzentanz und Splatter zu vermischen, das muss man sich erst mal trauen. Der mutige Mann hinter "The Black Swan" heißt Darren Aronofsky ("The Wrestler"). Er schickt Natalie Portman als junge, aufstrebende Ballerina Nina durch die harte Balletschule.

Nina bekommt die Doppelrolle ihres Lebens: In "Schwanensee" soll sie sowohl den unschuldigen weißen als auch den dämonischen schwarzen Schwan verkörpern. Während sie die perfekte Besetzung für den weißen Schwan ist, muss sie für den Gegenpart der Figur lernen loszulassen und die dunkle Seite in sich hervorbringen. Angetrieben von Ballettdirektor Thomas Leroy (Vincent Cassel) versucht sie verzweifelt, ihre Blockaden zu überwinden. Ausgerechnet die neue, attraktive Kollegin Lily (Mila Kunis) hat all das, was Nina zu fehlen scheint. Verzweifelt stößt Nina einen ebenso befreienden wie selbstzerstörerischen Prozess an, bei dem die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verschwimmen ...

Interview: Marli Feldvoß

Wer hier schreibt:

Marli Feldvoß
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