Joanne K. Rowling: "Die Beklopptheit hinter mir lassen"

Der Roman "Ein plötzlicher Todesfall" wird das Buch des Jahres. Warum? Weil er von Joanne K. Rowling ist. Ein Blick auf die bekannteste Schriftstellerin der Welt, die nichts mehr hasst als den Hype um ihre Person.

Hat ihren ersten Roman für Erwachsene geschrieben: Joanne K. Rowling

Sie hätte einfach aufhören können. Endgültig. Mit dem Schreiben. Mit dem Geldverdienen. Sie hätte die rund 800 Millionen Euro, die sie mit "Harry Potter" verdient hat, nehmen und ein gemütliches Leben auf dem Lande in ihrem schlossähnlichen Anwesen am Fluss Tay in Schottland führen können. Mit einem Glas Wein in der Hand übers Hochland blicken, das Leben, den Mann und die drei Kinder und das Nichtstun genießen und ab und zu eine ihrer anderen Immobilien besuchen: die 13-Zimmer-Villa im besseren Edinburgher Stadtteil Merchiston, die Londoner Stadtvilla in Kensington, beide ausgestattet mit der neuesten Überwachungstechnik. Aber das war keine Option für Joanne K. Rowling. Denn Schreiben ist das Gerüst, das ihr Leben zusammenhält. Immer schon. Ob als alleinerziehende Arbeitslose oder glücklich verheiratete Mutter und Milliardärin.

Für die meisten Schriftsteller ist das Schreiben Therapie, ein Weg, die Welt zu verstehen und sich in ihr zurechtzufinden. Das stimmt für Rowling wie für kaum eine andere. Ihre Mutter war 1990 mit 45 Jahren gestorben, es war das mit Abstand traumatischste Erlebnis in Rowlings Leben. Die sieben "Potter"-Bücher sind voll von Verlustangst, von Todesfällen, von der Einsamkeit, die auf einen Verlust folgt. Der Tod ist ihr Hauptmotiv. Und die Sehnsucht nach den Toten. Sie wusste deshalb schon 2007, als der letzte "Harry Potter"-Band erschien, dass sie weitermachen würde. Ihr geht es ums Schreiben, sie sagt, sie könne einfach nicht anders. "Ich kann damit nicht aufhören, ich liebe es, und ich brauche es für meine geistige Gesundheit." Und deswegen ist sie, fünf Jahre später, wieder da. "Ein plötzlicher Todesfall" wird schon jetzt als der wichtigste Roman des Jahres gefeiert, obwohl außer einem Kreis Eingeweihter niemand auch nur eine Zeile davon gelesen hat. Es ist ein Erwachsenenroman, und Joanne K. Rowling hat damit ein neues Kapitel ihres Lebens geschrieben. "Ich will nicht dem Phänomen Harry Potter hinterherjagen", hat sie einmal gesagt. "Was mit Harry passiert ist, war groß, es war auch manchmal bekloppt, ich wäre aber sehr froh, wenn ich Teile dieser Beklopptheit hinter mir lassen könnte."

J.K. und der Hype: "Dass Menschen meinen Müll durchsuchen, das hätte ich wirklich nicht gebraucht."

Um weiteren Ruhm geht es ihr also definitiv nicht, nicht um Rummel nach den Jahren der Stille. Die Welt da draußen, die sich um sie drängt, ist ihr zuwider. "Ich wollte um alles in der Welt Schriftstellerin werden", sagt sie, "aber dass Menschen meinen Müll durchsuchen, dass sie mich mit Weitwinkelobjektiven am Strand fotografieren - das hätte ich wirklich nicht gebraucht."

Ihr erstes Buch schrieb sie mit sechs. Es ging darin um ein Kaninchen, das Masern bekommt. Wie gut es war, ist nicht überliefert. Aber auch das war ein Buch, das ihr half, das Leben zusammen- und auszuhalten: die ständigen Umzüge, der Vater, der ihre Sehnsüchte für Hirngespinste hielt. Ihre Mutter hat ihre frühe Schreiblust immer befeuert. Tatsächlich ist Rowlings literarisches Potenzial riesig. "Harry Potter" ist nicht deshalb ein Welthit geworden, weil ein riesiger Medienrummel darum eingesetzt hat. Nein, Rowling ist eine begnadete Erzählerin; wie sie die Bände eins bis sieben wie aus einem Guss durchkomponiert hat: hohe Kunst! Der Schweizer Literaturexperte Thomas Bodmer sagt: "Die Harry-Potter-Bücher sind besser geschrieben als 97 Prozent der Erwachsenenliteratur. Nur schade, dass der Hype um sie bei so vielen Menschen alle Lust aufs Lesen killt."

Der Hype war etwas, das Rowling die Kontrolle über ihr Leben zu entreißen schien. Und nichts hasst sie mehr. Deshalb wacht sie über ihr Bild in den Medien, und je weniger nach außen dringt, desto besser. Ihre drei Kinder, ihre seit elf Jahren offenbar glückliche Ehe, ihr gesamtes Privatleben - all das schützt sie effektiv vor der Öffentlichkeit. Familie nennt sie ihr "größtes Glück", viel mehr erfährt man nicht. Manchmal gewährt sie Journalisten Einblicke - sehr ausgewählten Journalisten, US-Talkerin Oprah Winfrey etwa, die sich mit ihr im legendären Zimmer 652 des "Balmoral"-Hotels treffen durfte, in dem sie die "Potter"-Reihe vollendet hatte. Oder die BBC, die sie begleiten konnte: Jo beim Fanpost-Sichten, Jo im Privatjet, Jo beim Backen in der sehr aufgeräumten Küche in Edinburgh. Dann sagt sie Sätze wie: "Wenn ich einen Geburtstagskuchen backe, habe ich das Gefühl, eine gute Mutter zu sein." Mehr als die Oberfläche gibt sie nicht preis. In Zeiten, in denen Prominente jede Banalität heraustwittern, ist sie ein Anachronismus.

J.K. Rowling und ihre Ehemann Neil Murray bei den Olympischen Spielen 2012 in London.

Besonders leicht macht sie es aber auch ihren Vertrauten nicht. "Wenn es stressig wird, hört Jo auf genau eine Person: sich selbst", sagt Neil Murray, ihr Mann, mit dem sie seit 2001 verheiratet ist. "Je größer der Stress, desto weniger Hilfe von außen nimmt sie an. Das stresst wiederum mich. Und alle anderen in ihrer Umgebung."

Auch geschäftlich behält Rowling die Kontrolle. Geld und schiere Konsumlust scheinen dabei nicht die Triebfedern zu sein. Sie hat genau wie ihr Mann wenig Interesse daran, Geld auszugeben. "Ich hatte diese Hand-in- den-Mund-Zeit in meinem Leben", sagte sie im Gespräch mit Oprah Winfrey. "Wenn man von dort kommt, nimmt man es nie, nie, nie für selbstverständlich, dass man sich um Geld keine Sorgen machen muss." Deshalb kümmert sie sich lieber um alles selbst. Seit aus den "Potter"-Büchern ein ganzes Universum wurde, hatte sie bei allen wichtigen Entscheidungen das letzte Wort. Schrieb den Produzenten vor, dass die Filme ausschließlich mit Briten zu besetzen seien. Ließ sich einen "Potter"-Themenpark in Florida detailliert erklären. Und sagte Nein, als der King of Pop ihr den Hof machte: Michael Jackson wollte ein "Potter"-Musical machen.

Vor der Veröffentlichung des neuen Buches hat sie nun unvermittelt und ohne schlüssige Begründung den Verlag gewechselt und ihren Agenten entlassen - jenen Christopher Little, der nach zwölf Absagen doch noch einen Verlag für "Harry Potter" gefunden und so Rowlings Erfolg erst möglich gemacht hatte. Offenbar wollte sie einen kompletten Neuanfang, wohl wissend, dass Undankbarkeit im Buchgeschäft höchst ungern gesehen wird. In Deutschland teilen sich gleich zwei Verlage das finanzielle Risiko in unbekannter Höhe und die extreme logistische Herausforderung, die es bedeutet, eine hohe Startauflage an einem Tag Ende September in die Läden zu bringen. Der neue Rowling ist das heißeste Buch des Jahres - und ein 600-seitiger Blindflug.

J.K. Rowling und die "Harry Potter"-Crew: Mut ist eine ihrer besten Eigenschaften

Auch wenn sie das Risiko eingeht, mit ihrem neuen Roman am eigenen Mythos zu kratzen, wenn Kritiker das Buch womöglich nur durchschnittlich finden - sie kann nicht anders. "Es gibt diese inneren Antreiber", sagt Motivations- Coach Maike Koberg aus Hamburg. "Lust und Hingabe können eine viel größere Motivation sein als die Angst vor dem Scheitern." Möglich, dass Rowling diese Angst empfindet. Aber sie will sich auch weiterentwickeln. Dafür geht sie das größte Risiko ein, das sie als Autorin eingehen kann: Sie übergibt ihr Buch dem Publikum, und dessen Reaktion kann sie nicht kontrollieren. Das ist mutig - und Mut eine ihre besten Eigenschaften, sie sagt: "Ich traue mich, alles auszuprobieren."

Das neue Buch: Darum geht es in "Ein plötzlicher Todesfall"

Ihre größte Angst, hat Rowling mal gesagt, sei es, einen geliebten Menschen zu verlieren; ihre Mutter war mit 45 an multipler Sklerose gestorben. Die "Potter"-Bücher sind voll von Verlustangst, und auch in "Ein plötzlicher Todesfall" (24,90 Euro, Carlsen) geht es darum. In einer englischen Kleinstadt brodelt es: zwischen Arm und Reich, Männern und Frauen, Schülern und Lehrern. Als Barry Fairweather stirbt und sein Sitz im Gemeinderat frei wird, bricht der Konflikt offen aus.

Text: Stephan Bartels BRIGITTE 19/2012
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