Nneka: Vom Finden der eigenen Seele

Popstar, Flüchtling, Asylbewerberin: Die Sängerin Nneka aus Nigeria hat eine bewegende Geschichte. Eine, die sie hart und misstrauisch gemacht hat. Mit ihrer neuen Platte dürfte sie jetzt auch berühmt werden.

Die kleine Frau, die so laut singen kann, spricht sehr leise; man muss sich ein bisschen zu ihr hinunterbeugen, um sie richtig zu verstehen. Sie legt oft die Stirn in Falten und zieht die Mundwinkel beim Sprechen nach unten, das wirkt ein wenig abschätzig. Die kleine Frau mag keine Inszenierung, keine Kostümierung, nicht mal Make-up für die Fotos will sie. Sie trägt Kapuzenjacke und Schlabberhose und tut nicht viel dafür, als Frau wahrgenommen zu werden, spielt nicht damit, dass sie bildhübsch ist, auf eine herbe, verwirrende Art.

Und nett - nein, so richtig nett sieht Nneka Egbuna eigentlich nicht aus, sie hat Augen, die Stolz ausstrahlen, den man leicht mit Arroganz verwechseln könnte. Aber wenn man erst einmal ein, zwei Stunden mit ihr gesprochen, sich ihre Geschichte angehört und vielleicht verstanden hat, wenn man einmal in ihren persönlichen Abgrund geblickt hat, dann begreift man, dass diese Augen Teil einer Mauer sind.

Eine Mauer, die aus Misstrauen besteht, aus Stolz, aus Vorsicht. Nneka hat sie um sich herumgebaut, einen kleinen antikapitalistischen Schutzwall, der ihre Seele abschirmen soll vor allem, was sie verletzen könnte oder verunreinigen mit oberflächlichem Blendwerk. Denn Nneka Egbuna, Sängerin, Nigerianerin, geboren 1981 am Heiligen Abend, wohnhaft in Hamburg, hat viel gesehen, viel erlebt. Und wird, wenn nicht alles täuscht, jetzt auch noch ein Popstar werden.

Auf der nächsten Seite: Wie ein Buch Nneka zu ihrer Platte inspirierte

Seit einer Handvoll Jahren arbeitet sie daran, 2005 kam ihre erste Platte auf den Markt, "Victim Of Truth". Die wurde von der Londoner "Times" zur "meistunterschätzten Platte des Jahres" gekürt, mit dem Hinweis, Nnekas Debüt sei mindestens so gut und wichtig wie die erste Platte von Lauryn Hill. Andere verglichen sie mit Erykah Badu, priesen ihre kraftvolle Mixtur aus Soul, R'n'B, Reggae und afrikanischen Klängen. Es war ein Achtungserfolg, unerwartet, ein Fuß in der Tür zur Musikwelt. Jetzt kommt ihr zweites Album in die Läden. Es heißt "No Longer At Ease" (zu Deutsch in etwa "Die Ruhe ist weg"), genau wie ein Buch ihres preisgekrönten Landsmanns Chinua Achebe. Das hat seinen Grund, sagt Nneka: "Ich kann mich mit der Hauptfigur des Buches identifizieren."

Es geht um Obi, einen Jungen aus gutem Hause. Der geht zum Studieren nach England und sieht sein Land von außen, erkennt ungefiltert all die Ungerechtigkeit, die Vetternwirtschaft, die Korruption, die das gesellschaftliche Leben Nigerias bestimmen. Er kehrt zurück, um sich bewusst von diesem System abzugrenzen. Aber er scheitert - weil er Menschen helfen will, muss er das Bestechungsspiel mitspielen. "Es ist ein Buch darüber, wie gute Menschen Böses tun müssen, um Gutes zu erreichen", sagt Nneka. Und wie Obi musste auch sie Nigeria verlassen, um ihren Blick auf ihre Heimat verändern zu können. Im Jahr 2000 war das.

Damals ging sie weg aus Warri, einer Stadt im Nigerdelta, in dem die Ölkonzerne mit Bestechung und Bedrohung regieren und nur in den seltensten Fällen demokratisch gewählte Vertreter. Eine Stadt mit einer guten halben Million Einwohner, in der ethnische Konflikte, Gewalt und Willkür zum Alltag gehören. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sie Nigeria verlassen hat, ein anderer könnte sein, dass sie einen unbedingten Drang hat, die Wahrheit zu sagen, das kommt in Nigeria nicht immer gut an. Letztlich kann man nur spekulieren.

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Darüber, was sie nach Deutschland getrieben hat, spricht sie nicht. Aber darüber, dass es kalt war, als sie hier ankam. Das Jugendnothilfeprogramm verfrachtete sie nach Hamburg, in ein Asylbewerberheim in der Nähe des Flughafens. Lauter Russen wohnten da und Schwarzafrikaner wie sie, mit denen sie trotzdem nicht viel gemein hatte. "Ich wusste, dass ich jetzt allein bin", sagt sie, "und ich wusste: Wenn ich etwas schaffen will, muss ich die Sprache lernen. Die Augen aufmachen, mich nur auf mich verlassen. Es war, als ob ich ins Wasser geworfen wurde, ohne schwimmen zu können." Aus dem Heim zog Nneka in eine Jugendwohngruppe mit schwer erziehbaren Kindern. Nneka lernte von Deutschland erst mal die Ränder kennen. Die Asylbewerberin Nneka Egbuna lernte Deutsch, sehr schnell und sehr gut. Nach ein- einhalb Jahren machte sie ihr Abitur, auf einem Gymnasium, das einen Abschluss-Zweig für Nicht-Muttersprachler anbietet. Danach zog sie in eine eigene Wohnung, allein, nur für sich. Ging an die Uni, um Ethnologie zu studieren.

Ihr war das Studium sehr wichtig, die neue Sprache, sie wollte all das lernen, was sie in Nigeria nicht lernen durfte. Und all das haben, was sie dort nicht bekommen konnte. "Wir haben euch Weiße vergöttert, eure Art zu leben, zu essen, zu trinken. All das wollte ich auch für mein Leben", sagt sie. "Man hat Weiße bei uns auf ein Podest gestellt: die reicheren, die schöneren, die klügeren Menschen." Sie war jetzt mitten unter ihnen, den Weißen. Und begriff, dass deren Werte für sie nicht wirklich wichtig waren: "McDonald's, fernsehen, abends weggehen - all das mochte ich anfangs sehr. Aber ich habe gesehen, wie viele Leute in meinem Asylbewerberheim sich in dieser vermeintlichen Freiheit verloren haben."

Sie wollte sich nicht verlieren. Sie wollte finden. "Nach zwei Jahren in der weißen Welt habe ich gemerkt, dass man seine Identität nicht verdrängen darf, wenn man sich selber schätzen will", sagt Nneka, "deshalb bin ich ein Stück weit zurückgegangen in meine nigerianische Identität".

Auf der nächsten Seite: "Mama ist die Beste"

Biologin wollte sie anfangs werden, an eine Karriere in der Musik hatte sie, die in Nigeria einen Chor leitete, überhaupt nicht gedacht. Aber da waren diese Jungs, die in ihrer Wohngruppe ein und aus gingen. Die haben gerappt, sie hat gesungen, es klang gut, richtig gut. Sie lernte DJ Farhot kennen, der ihr die Beats zu ihren Songs bastelte und ein paar Sachen mit ihr aufnahm.

Eines nassen Tages, etwa vor fünf Jahren, lief sie durch die Innenstadt von Hamburg, auf der Suche nach einem Job. Da sah sie das Firmenschild vom Plattenlabel "Yo Mama Records", darunter stand das Firmenmotto: "Mama ist die Beste". Das, sagt Nneka, sei schicksalhaft gewesen, schließlich bedeutet ihr Name "Mama ist das Heiligste". Sie hatte immer Demo-CDs mit ihrer Musik dabei, also stapfte sie, klitschnass vom Hamburger Regen, in das Büro und verlangte, den Chef zu sprechen. Auch das ist Nneka: Selbstbewusstsein an der Grenze zum Größenwahn. Aber Martin Schumacher, der Chef, mochte ihre Sachen, er ist heute ihr Manager. Und mit Farhot, jenem Produzenten der ersten Stunde, arbeitet sie immer noch zusammen, auch auf dem neuen Album.

Es ist große Musik geworden, diese Mischung aus westlicher und afrikanischer Popkultur; ihre Single "Heartbeat" gehört definitiv zum Besten, was in diesem Jahr veröffentlicht wurde. Es geht um den Drang nach Freiheit, um Unterdrückung, um Gott auf dieser Platte. Es geht nicht um Liebe. Nneka lebt allein. Hat sie Freunde? "Ich kenne Menschen. Aber Freunde?" Sie überlegt lange, "vielleicht ein, zwei", sagt sie schließlich.

Aber sie hat ihren Schöpfer. Der ist die große innere Konstante in ihrem Leben: "In Deutschland glauben die Leute nur an das, was sie sehen", sagt sie, "ich habe andere Erfahrungen gemacht, und deshalb glaube ich an Gott, an Jesus Christus." Ihre Erfahrungen sind die aus zwei Welten, "und ich habe gemerkt, dass in der einen Welt nicht wichtig ist, was in der anderen von Bedeutung ist".

In Nigeria waren das die Ur-Instinkte, die man für ein Leben in einem afrikanischen Slum benötigt. Dort hat sie gelernt, wie man überlebt, wie man durchkommt. "In Deutschland hatte ich plötzlich Zeit, über mich und meine Situation nachzudenken. Ich habe erkannt, wo meine Talente liegen. Aber auch, wie viel Leid in mir steckt", sagt Nneka. "Das ist etwas, was ich an Europa nicht besonders schätze: Man hat zu viel Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen und sich selbst wichtig zu nehmen." Sie legt die Stirn wieder in Falten, wie so oft, wenn sie über ihre beiden Heimatländer spricht.

Auf der nächsten Seite: Musik als Perspektive

"In Afrika gibt es nur körperliche Krankheiten", sagt sie, "in Europa viele psychische. Das sagt einiges." Sie ist hart geworden, hart und stark auf ihre Weise. Wem vertraut sie? Nneka überlegt lange. Und sagt dann: "Hundertprozentig? Niemandem. Nur mir selbst und Gott, das ist etwas krank bei mir." Wenn sie überhaupt Menschen an sich heranlässt, dann ihre Geschwister, "mein Blut". Sie sagt: "In Nigeria habe ich zu viel Schlechtes gesehen, um noch an das Gute zu glauben."

Sie ist dankbar für die Möglichkeiten, die ihr Deutschland geboten hat. Und den Abstand zu ihrer Heimat, der ihr eine andere Sicht auf sie ermöglicht hat. "Ein Mensch kann gut sein, auch wenn er Böses erlebt. Aber er muss leiden dafür", sagt sie, "das habe ich erst gemerkt, als ich fortgegangen bin, als ich das System verlassen habe. Ich wollte immer nur die Wahrheit sagen, und ich musste leiden." Trotzdem pendelt sie jetzt zwischen der alten und der neuen Heimat. "Ich fahre mit mehr Liebe nach Nigeria", sagt sie, "ich sehe mein Land jetzt viel positiver." Weil sie das Verhalten ihrer Landsleute besser einschätzen kann. Und weil sie dort durch ihre Musik viele Menschen kennen gelernt hat, die ihr Hoffnung geben.

Ihr selbst hat die Musik eine Perspektive gegeben, eine Aufgabe: "Man nimmt mich jetzt wahr, man hört mir zu, das ist so anders." Wo soll das nur hinführen? Sie weiß es selbst nicht. In Frankreich ist sie schon ein Star, in England auf dem Sprung dorthin. Nneka sagt: "Ich habe keinen Plan. Nicht für morgen, nicht für die nächsten zehn Jahre." Irgendwann wird sie für immer zurückkehren nach Nigeria, vielleicht. "Ich habe dort etwas zu erledigen", sagt sie, "es bleibt meine Heimat. Dort muss ich immer in Alarmbereitschaft sein. Deutschland ist sicherer, aber nicht für meine Psyche." Muss sich Nigeria ändern, damit sie jemals dorthin zurückkehren kann? "Nein", sagt Nneka Egbuna, legt die Stirn in Falten und zieht die Mundwinkel nach unten: "Ich muss zurückkehren, damit Nigeria sich ändert." Von dieser Frau werden wir noch hören.

Die CD: Nneka, "No Longer At Ease" (Four Music/SonyBMG)

Chinua Achebes Buch ist auf Deutsch erschienen mit dem Titel "Heimkehr in fremdes Land" (Suhrkamp)

BRIGITTE: 11/08 Text: Stephan Bartels Fotos: Jens Boldt
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