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Ode an den Alltag


Manche Menschen hangeln sich gefühlsmäßig von einem Urlaub zum nächsten. Brigitte.de-Redakteurin Monika Herbst genießt stattdessen den Alltag - schließlich macht der den größten Teil des Lebens aus.

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Alltag hören? An Montagmorgen, zu früh klingelnde Wecker, überfüllte U-Bahnen und Nieselregen? Und während Sie diese unangenehmen Bilder vor Augen haben, träumen Sie vom nächsten Urlaub, von warmen Sommernächten, köstlichem Essen und ausgiebigen Shopping-Touren? Okay, das ist verständlich, aber fair ist es nicht! Ich finde, wir sollten dem Alltag eine Chance geben. Allein schon, weil er ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt. Mal angenommen, Sie haben 30 Tage Urlaub, 14 Tage davon sind Sie verreist und genießen - wenn alles gut geht - die lauen Sommernächte, das köstliche Essen und, und, und.... Haben Sie mal nachgerechnet? 14 Tage, das sind nicht einmal vier Prozent des Jahres. Ziemlich wenig, oder? Da bleiben noch ganze 96 Prozent Alltag übrig. Es wird deshalb höchste Zeit, den Alltag von seinem grauen Schleier zu befreien.

Nur, wie soll das gehen, wenn im Büro ein Meeting das nächste jagt, das Telefon nicht mehr aufhört zu klingeln und zu Hause die Kinder aufs Mittagessen warten? Als erstes sollten Sie ganz schnell das Wort Alltag aus Ihrem Wortschatz streichen, es gibt nämlich ein viel schöneres Wort dafür: Leben. Leben klingt einfach besser, irgendwie bunter, vielfältiger, aufregender.

Jeder Tag hat das Potential, nicht alltäglich zu sein, sondern lebendig und neu. Es ist nur ein Klick im Kopf: Ich bestimme meinen Alltag, nicht er bestimmt mich. Wieso sollte ich mittags gelangweilt in die Kantine schlurfen, wenn ich im Kunstmuseum endlich ungestört die Bilder ansehen kann, an die am Sonntagnachmittag kein Rankommen ist? Wenn ich im Fitnessstudio in aller Ruhe die freien Geräte nutzen kann? Oder mir bei einem Spaziergang im Hafen den Wind um die Nase wehen lassen kann?

Ich liebe es, neue Stadtviertel zu erkunden, neue Restaurants auszuprobieren oder Probestunden in fremden Fitnessstudios zu machen. Das beste Mittel gegen Alltags-Trott! Oder neue Leute kennenlernen: Ich verabrede mich immer mal wieder über das Global-Dinner-Network mit Frauen, die beruflich ein paar Tage in Hamburg zu tun haben - und bekomme viele spannende Geschichten über den Alltag anderer zu hören.

Überhaupt sollte man das Leben auch zwischen Montag und Freitag viel mehr genießen. Warum mit dem Coffee-to-go in der Hand ins Büro hetzen? Stellen Sie doch ausnahmsweise mal den Wecker etwas früher und gönnen Sie sich vor der Arbeit einen Besuch im Café. Jetzt sagen Sie vermutlich: "Früher aufstehen, bin ich verrückt?". Probieren Sie es aus! Machen Sie es sich im Café mit einem Latte Macchiato und Ihrem Lieblingsbuch gemütlich. Zwischendurch gucken Sie aus dem Fenster und beobachten die Leute, die mit nach unten gezogenen Mundwinkeln im Eilschritt durch den Regen in ihre Büros hasten. Fühlt sich mindestens so gut an wie Urlaub, versprochen.

Text: Monika Herbst Fotos: Michèle Rothenberg, dreamstime.com

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