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Olli Dittrich: "Ich bin kein Mann für Affären"


Der Mann kann irgendwie alles: Olli Dittrich ist Musiker mit einer überraschend romantischen neuen CD, Komiker, Schauspieler - und als "Dittsche" eine Art Weiser im Morgenmantel. Dass er aber auch noch das Geheimnis der großen Liebe kennt, hat uns dann doch überrascht...

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BRIGITTE: Herr Dittrich, die Liebe ist tot, Menschen in Beziehungen quälen sich bis zum Erbrechen, am Ende ist man alkoholkrank oder Dauergast beim Psychiater.

Olli Dittrich: Um Gottes willen. Wer sagt denn so was?

BRIGITTE: Sie. Im ersten Lied auf Ihrem neuen Album "Elf Richtige". Und das klingt doch ziemlich programmatisch für die ganze Platte - und für Beziehungen im Allgemeinen, wenn man Ihren Songs Glauben schenkt.

Olli Dittrich: Das wäre ja furchtbar, ginge es immer so zu. Nein, ob in meinen Rollen oder jetzt in den Songtexten: Ich erzähle individuelle Geschichten. Eine Mischung aus dem, was ich selbst erfahren, erlebt oder beobachtet habe. Und die dennoch Stimmungen und Gefühle transportieren, die jeder kennt.

BRIGITTE: Bleiben wir gleich bei dem ersten Stück "Kein Wort wahr" - es geht um ein Paar, das sich längst verloren hat und das trotzdem zusammenbleibt.

Olli Dittrich: Das Paar aus diesem Lied gibt es tatsächlich. Und es bleibt zusammen, weil es mal Pläne hatte. Das ist ja auch etwas Schönes. Die halten auf unterschiedliche Weise an ihren Träumen fest. Sie haben sich aneinander gewöhnt. Aber sie pflegen nichts mehr. Sich nicht, ihre Liebe nicht.

BRIGITTE: Tragisch.

Olli Dittrich: Ja. Aber in jeder Tragik, in jedem Scheitern steckt auch das Potenzial für schöne Dinge. Und für Komik. In "Blind Date", meiner Serie mit Anke Engelke, haben wir in einer Episode so ein Paar gespielt. Bei dem wusste man gar nicht so genau, wie lange die schon zusammen sind, wie lange sie noch zusammenbleiben werden, und vor allem: warum sie überhaupt zusammen sind. Aber sie sind es.

BRIGITTE: Vielleicht erklären Sie dieses Dilemma ja selbst, wenn Sie singen: "Die größte Liebe ist die, die man nicht bekommt".

Olli Dittrich: Ja, und weiter: "Ständig zu hoffen hat schon eine eigene Kraft, wird schon mal gerne verwechselt mit Leidenschaft." Kennt doch jeder, oder? Dieses Hoffen darauf, dass endlich das Telefon klingelt. Dieses immer größere Reinsteigern in die Liebe, je weniger sie erwidert wird. In Wahrheit ist das eher eine narzisstische Kränkung, dass man den anderen einfach nicht für sich begeistern kann.

BRIGITTE: Wie in Ihrem Song "Wirklich schade", in dem ein grundsolider Typ nicht landen kann.

Olli Dittrich: Tja. Wenn's leicht geht, ist es scheinbar nicht spannend genug. Das gilt vor allem für Frauen. Interessanter Gedanke eigentlich.

BRIGITTE: Was sucht man eigentlich in der Liebe?

Olli Dittrich: Den einen Moment. Wenn einer oder eine nur einmal kurz von rechts nach links durchs Bild gehen muss und genau in der richtigen Weise ein bisschen Sternenstaub fallen lässt - das reicht dann manchmal schon, um fast Haus und Hof dafür zu verwetten. Aber, Gott sei Dank, der Triumph des Älterwerdens und des Reifens ist, dass man dem nicht mehr ganz so schnell auf den Leim geht.

BRIGITTE: Glauben wir nicht. In der Liebe macht man dieselben Fehler doch immer wieder.

Olli Dittrich: Aber man weiß, dass es dieselben Fehler sind. Das macht einen Unterschied. Man weiß in etwa, welchen Schaden man sich zufügt. Und wie man wieder auf die Beine kommt. Das ist mit 40 überschaubarer als mit 20.

BRIGITTE: Und die Fallhöhe wird mit dem Alter geringer. Wenn man mit 20 Liebeskummer hat, dann geht mindestens die Welt unter. . .

Olli Dittrich: Das ist wahr. Aber man regeneriert auch schneller, wenn man jung ist. Natürlich nicht jeder. Bei jedem läuft die Sache anders. Es gibt sicherlich Leute, die meine Fehler in der Liebe nie gemacht haben und dafür andere machen. Aber was heißt hier Fehler - selbst die Basis der Beurteilungen ist grundverschieden. Wie halte ich es mit dem Kinderkriegen? Was bedeutet mir Treue? Bin ich an Affären interessiert?

BRIGITTE: Und? Sind Sie's?

Olli Dittrich: Nein. Ich bin kein Mann für Affären. Ich könnte mir nie vorstellen, dass mich das glücklich macht. Meine Romantik ist anders als bei Leuten, die gern wechselnde Partner haben. Ich wundere mich oft und nicht zu knapp, was andere Leute glücklich macht.

BRIGITTE: Also glaubt Olli Dittrich an Treue und Romantik.

Olli Dittrich: Jawohl. Und an die große Liebe. Fertig.

BRIGITTE: Haben Sie die schon gesehen?

Olli Dittrich: Manchmal, bei älteren Paaren. Die sich etwas erhalten haben und zauberhaft miteinander umgehen. Dann denke ich: Es gibt sie wohl doch, die große Liebe. Sie funktioniert aber nur mit Menschen, die eines begriffen haben.

BRIGITTE: Und zwar?

Olli Dittrich: Dass es viel wichtiger ist zu lieben, als geliebt zu werden. Dass es nicht darauf ankommt, immer zu fordern, immer gleich ein Riesenfass aufzumachen, wenn diese Forderungen nicht erfüllt werden.

BRIGITTE: Ein beliebtes Problem, das besonders in trivialen Alltagsfragen hochkocht.

Olli Dittrich: Und vor allem dann, wenn man über mittlere und lange Distanz miteinander zu tun hat. Wenn das Miteinander Routine ist, wenn man den andern gut kennt - auch seine unangenehmen, alltäglichen Seiten, die belanglos sind und nicht spannend. Man muss sich im Tagesgeschäft etwas erhalten, was toll ist. Zum Beispiel sein Gegenüber anzuschauen und zu sagen: Toll, dass du da bist. Und nicht nur, weil ich mich so an dich gewöhnt habe.

BRIGITTE: Paare, die nur aus Gewohnheit zusammenleben, gibt es viele ...

Olli Dittrich: Das hat schon mehr Dimensionen als bloße Gewohnheit. Veränderung tut weh, ist anstrengend. Man hat sich eine Ordnung geschaffen, miteinander zurechtzukommen. Oder hat keinen Mut, sich wieder auf die eigenen Beine zu stellen. Oder wird von der Erkenntnis gestreift, dass man den Punkt verpasst hat, was Neues anzufangen.

BRIGITTE: Und dann fügt man sich lieber einfach in sein Schicksal.

Olli Dittrich: Vielleicht ist es das, was mich daran interessiert hat: Da nehmen zwei das Schicksal an, dass es mit der Liebe nicht geklappt hat.

BRIGITTE: Schön, dass Sie sich Ihren Glauben an die Liebe trotzdem nicht nehmen lassen.

Olli Dittrich: Ich bin nun einmal sehr romantisch. Ich glaube daran, dass man schwärmen kann bis ins hohe Alter. Und ich glaube, dass man erst mal mit sich selbst ins Reine kommen muss. Dann ist man auch in der Lage, andere besser zu lieben.

BRIGITTE: Wer nur Ihre Platte hört, könnte Sie eher für einen Zyniker halten. Die stärksten Songs sind die, in denen es nicht klappt mit der Liebe. Ein jubilierendes Stück wie "Du bist die Sonne" kommt einem da eher oberflächlich vor.

Olli Dittrich: Lustig. Noch mal hinhören. Ist es nämlich gar nicht. Es ist ein kleines trojanisches Pferd, dieses Lied.

BRIGITTE: Tatsächlich? Es geht doch um unreflektierte Schwärmerei.

Olli Dittrich: Eben. Muss nämlich auch sein, und zwar so richtig auf die Zwölf. Bedingungslose Schwärmerei hat sehr wohl mit großer Liebe zu tun.

BRIGITTE: Wie das?

Olli Dittrich: Weil sie dem Moment huldigt. Man kann die ganz große Liebe auch in einem kleinen Moment empfinden. Das ist mir auch noch nicht besonders lange klar. Den größtmöglichen Moment zuzulassen, erleben und zelebrieren zu können ist eigentlich das Einzige, was wirklich zählt. Und wenn man viele solcher Momente aneinanderreiht, sammelt sich sozusagen das Glück an - und ergibt ein wunderbares Ganzes.

BRIGITTE: Und das mussten Sie erst einmal lernen.

Olli Dittrich: Tja. Das kommt wohl so mit den Jahren. Ich weiß heute, dass das, was man macht und gemacht hat, auch etwas mit einem selbst macht. Mein beruflicher Werdegang ist geprägt davon.

BRIGITTE: So richtigen Erfolg hatten Sie erst mit weit über 30 Jahren.

Olli Dittrich: Es war nicht so, dass der Erfolg vom Himmel gefallen ist, dass mir ständig Leute die Türen aufgemacht hätten und ich viele Chancen geschenkt bekommen hätte. Es gab sicherlich eine Zeit, in der ich gehadert habe damit, dass alles so furchtbar schwierig war. Aber dazu gehören ja auch zwei.

BRIGITTE: Und zwar?

Olli Dittrich: Die, die einem das Leben schwer machen. Und die - das war ich selber -, die zulassen, dass einem das Leben schwer gemacht wird. Man muss immer wieder bei sich selber anfangen. Sich nicht unterkriegen lassen. Und zulassen können. Diese kleinen Momente, die mich wirklich außerordentlich glücklich machen. Das kann so klein und belanglos sein - aber wenn mich dieser Kleinkram glücklich macht, dann weiß ich, dass ich mit mir im Reinen bin.

BRIGITTE: Auf der CD gibt es auch ein sehr schönes Abschiedslied.

Olli Dittrich: Ja, "Ich habe keine Tränen mehr" - aber ich finde, es ist ein außerordentlich positives Abschiedslied. Weil es ganz viel Wärme, sogar auf eine Art ganz viel Glück versprüht. Weil es zeigt, dass man auch mit Liebe und Respekt weggehen kann.

BRIGITTE: Das Thema kann ja auch zum Kitsch reizen. Wie hieß es schon bei Roger Whittaker: Abschied ist ein scharfes Schwert.

Olli Dittrich: Oder ein schwarzes Pferd.

BRIGITTE: Oder ein schweres Schaf.

Olli Dittrich: Ein schweres Schaf ... auch nicht schlecht. Den kannte ich noch gar nicht. Aber genauso ist es wohl: Abschied ist ein schweres Schaf.

Olli Dittrich, der Spätzünder

1956 in Offenbach geboren, wurde er erst 1993 mit "RTL Samstag Nacht" richtig bekannt. Seitdem brilliert er in verschiedenen Comedy-Formaten als feingeistiger, melancholischer Alltagsbeobachter, belohnt mit mehreren Grimme- und anderen Fernsehpreisen (für "Blind Date" mit Anke Engelke und "Dittsche - das wirklich wahre Leben"). Im Kino spielte er zuletzt Joseph Goebbels in "Stauffenberg". Und als Musiker ist er schon lange erfolgreich - ob 1995 mit Wigald Boning als Blödel-Combo Die Doofen oder 2006 mit der Countryband Texas Lightning. Jetzt gibt es mit "Elf Richtige" (x-cell music) das erste Solo-Album unter seinem Namen. Dittrich lebt in Hamburg.

Interview: Stephan Bartels und Annika Behrmann Ein Artikel aus der BRIGITTE 25/08 Foto: Getty

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