Nina Hoss: "Mein 'Barbara'-Soundtrack? Chopin und Biermann"

Einen Silbernen Bären hat Christian Petzold für seine "Barbara" schon gewonnen, jetzt geht das DDR-Drama als deutscher Kandidat ins Oscr-Rennen. Ein Gespräch mit Hauptdarstellerin Nina Hoss über Dream-Teamwork, die DDR und Barbaras Stil.

Nina Hoss als ostdeutsche Ärztin Barbara mit Fluchtplan

BRIGITTE.de: "Barbara" ist Ihr fünfter Film unter der Regie von Christian Petzold. In den Rezensionen Ihrer gemeinsamen Filme liest man häufig, dass Sie unter Petzold Ihre besten Leistungen bringen. Empfinden Sie das selbst eigentlich auch so?

Nina Hoss: Ich beurteile mich nicht nach einem Leistungsprinzip. Ich weiß nur, dass ich unglaublich gern mit Christian Petzold drehe, weil ich großes Vertrauen zu ihm habe. Vielleicht bin ich deshalb unter seiner Regie etwas mutiger. Ich liebe seine Ästhetik und die Figuren, die er schreibt. Meistens sind es Frauen, die zunächst wie hinter einer Schutzschicht erscheinen. Langsam wird diese Schicht durchlässig und zum Vorschein kommt die empfindsame und sehnsüchtige Frau, die ja jede von uns auch in sich trägt. Wie Christian es schafft, die Figuren so zu schreiben und zu führen, darauf freue ich mich jedes Mal.

BRIGITTE.de: Sind Sie bei jedem seiner Filme automatisch gesetzt?

Nina Hoss: Nein, aber wahrscheinlich sind manche Kolleginnen schon ganz sauer, dass ich so häufig einen Platz in seinen Filmen besetze. Warum sollte man aber auch ein Arbeitsverhältnis beenden, wenn man das Gefühl hat, man hat noch so viel zu erzählen? Christian und ich haben keine Hemmschwelle mehr, dem anderen was zu sagen. Diese Art von Auseinandersetzung ist wahnsinnig kreativ und produktiv. Ein großes Glück, wenn man so etwas in seinem Berufsleben findet.

Perfekt eingespielt: Nina Hoss und "Barbara"-Regisseur Christian Petzold

BRIGITTE.de: Wären Sie denn eifersüchtig, wenn Christian Petzold plötzlich jemand anderen besetzen würde?

Nina Hoss: Ich wäre nicht eifersüchtig, dass er mit jemand anderem dreht, sondern darauf, dass ich diese Zeit nicht mit ihm verbringen kann. Ich würde es also jedem gönnen, aber lieber würd' ich's selbst machen (lacht schallend).

BRIGITTE.de: Der Film "Barbara" spielt 1980 in Ostdeutschland. War die DDR bei Ihnen zu Hause ein Thema?

Nina Hoss: Mein Vater war zu seiner Jugendzeit Kommunist und hat in Ost-Berlin studiert. Später hat er mir erzählt, wie er mit einem Freund die Ehefrau eines Kollegen im Kofferraum über die Grenze gebracht hat. Das waren für mich als Kind aufregende Geschichten. Ich hatte damals richtig Angst vor der DDR, war auch nicht dort. Zwar stand ich in West-Berlin mal mit meiner Mutter auf diesen Türmen, aber dann habe ich die Polizisten gesehen und gedacht, was will ich da drüben eigentlich, da komme ich doch nicht mehr raus. Kindliche Vorstellungen eben. In Stuttgart, wo ich aufgewachsen bin, war man natürlich auch weit weg von allem.

BRIGITTE.de: 1995 gingen Sie an die Schauspielschule Ernst-Busch nach Ost-Berlin.

Nina Hoss: Da prallten Klischees aufeinander, weil die eine Hälfte der Schüler aus dem Westen kam, die andere aus dem Osten. Ich hatte keine Vorurteile, mich hat nur interessiert: Was greift euch an? Was macht einen denn so typisch westlich? Was kann man tun, damit ihr euch nicht überrannt fühlt? Das Problem war ja, dass man den Menschen im Osten ihre Geschichte weggenommen hat. Dass der Westen gekommen ist und gesagt hat: Jetzt endlich seid ihr befreit, das muss ja so furchtbar gewesen sein bei euch. Keiner hat nachgefragt, wie eigentlich der Alltag in der DDR aussah, ob man da nicht vielleicht etwas hätte übernehmen können. Das hat gerade auch die Menschen in meinem Alter verletzt - und mich für diese Problematik sensibilisiert. Bei "Barbara" haben wir drauf geachtet, die Atmosphäre und Stimmung in der DDR sehr genau zu treffen, damit man nicht das Gefühl hat, hier erzählen zwei Wessis mal, wie der Osten wirklich war.

Allein in der Provinz: Wem kann "Barbara" trauen?

BRIGITTE.de: Woher nimmt Ihre Figur in dem Film die Stärke, sich nicht brechen zu lassen?

Nina Hoss: In meiner selbst gebastelten Biographie war Barbara früher eine lebenslustige Frau, keine verschlossene Person. Irgendwann merkt sie, wie sehr sie behindert wird, wie andere Menschen auf einmal verschwinden. Das bringt sie dazu, den Ausreiseantrag zu stellen - mit allen Konsequenzen. Für mich war wichtig, einen Gegensatz im Kopf zu haben, damit ich weiß, wogegen sie später ankämpft, wie sehr sie sich kontrollieren muss. Ihre Haltung ist eine erarbeitete. Aus dem Gefängnis kommen, Make-up auflegen, in die Provinz gehen und sagen: Ich bin nicht wie ihr und ich bin hier bald wieder weg, auch wenn ihr's noch nicht wisst.

BRIGITTE.de: Sie arbeiten viel mit Musik, machen sich zu jeder Rolle einen Soundtrack. Was ist auf dem zu "Barbara" drauf?

Nina Hoss: Ich habe sehr viel Chopin gehört, weil ich für die Klavier-Szene üben musste. Zur Hälfte der Dreharbeiten habe ich dann plötzlich nachts, als ich nach Hause gekommen bin, Wolf Biermann hervorgekramt. Den habe ich als Kind sehr oft gehört. Da habe ich plötzlich den Druck dieser Zeit noch mal gespürt. Diese Musik mit der Flamenco-Gitarre, die treibt, und trotzdem geht nichts voran.

BRIGITTE.de: Ein selbst gespielter Chopin. Sie können also richtig gut Klavier spielen.

Nina Hoss: Als Kind hatte ich lange Klavierunterricht; als Teenager kam eine Phase, in der ich rebelliert habe und nicht üben wollte, aber ich habe durchgehalten, musste durchhalten. Klavierspielen war das einzige, womit ich nicht aufhören durfte. Im Nachhinein bin ich dankbar dafür, dadurch kann ich es heute wirklich und konnte mir das Stück im Film selbst beibringen. Da war ich ganz stolz.

Barbara mit ihrem Chef Andre (Ronald Zehrfeld)

BRIGITTE.de: Meine Kollegin aus der Mode fand den Jeansrock so toll, den Sie in "Barbara" tragen. Durften Sie den behalten?

Nina Hoss: Nein, leider nicht, ich fand ihn auch toll, der war von Yves Saint Laurent. Dafür habe ich die Schuhe geschenkt bekommen.

BRIGITTE.de: Besitzen Sie noch Kleidungsstücke aus anderen Filmen?

Nina Hoss: Ja. Oftmals ziehe ich sie dann aber doch nicht an. Wenn man die Dreharbeiten gerade beendet hat, denkt man, das ist total mein Stil. Die Sachen stehen einem natürlich auch, sonst hätte man sie im Film ja nicht angezogen. Aber letztlich sind sie zu aufgeladen mit der Figur, die man darin gespielt hat.

Über den Film

"Barbara" spielt in den 80er Jahren in der DDR, Barbara ist eine Ärztin, die in den Westen will und zur Strafe dafür in die mecklenburgische Provinz versetzt wird. Regisseur Christian Petzold und Hauptdartsellerin Nina Hoss erschaffen eine Welt aus Misstrauen, die von den Bildern, mit denen uns das Fernsehen sonst ähnliche Geschichten wie die dieser Barbara zeigt, ganz weit weg ist. Auf der Berlinale gab es dafür den Preis für die beste Regie.

Der Trailer zum Film

Kino: Der Kino-Trailer zu "Barbara"
Teaserbild: Piffl Medien

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Guten Morgen, Welt!

Guten Morgen, Welt!

Wir servieren euch täglich Trends, Top-Stories und kuriose Netzfundstücke zum Frühstück!

Brigitte-Newsletter

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!