Choreografin Pina Bausch ist tot

Weil Pina Bausch interessierte, was Menschen im Inneren bewegt, hängte sie Spitzenschuhe und Tutu an den Nagel und revolutionierte das Tanztheater der Welt. Nun ist Pina Bausch im Alter von 68 Jahren gestorben. Im Dezember 2006 schrieb BRIGITTE WOMAN über die große Pina Bausch und ihr Werk. Erinnern Sie sich mit uns.

Pina Bausch, Pina Ballerina. Keine andere Tänzerin der Welt verkörpert mehr Schönheit, Glamour, Gefühl und Bewegung. Ihre Augen, die Schultern, der sehnige Hals, das Lächeln, der Männerhut, die Männerhose, die Zigarette, so kennt man sie: wortkarg, filigran und rätselhaft, selbstverliebt, zart und ironisch. Madonna und Sphinx zugleich. In Solingen geboren, revolutionierte sie von der Nachbarstadt Wuppertal aus die Bühnen der Welt.

Pina Bausch: Ein Leben für den Tanz

Alles was ich mache, mache ich als Tänzerin.

"Alles, was ich mache, mache ich als Tänzerin, alles, alles!", sagt die 66-Jährige. Es fing damit an, dass die scheue Tochter eines Gastwirts träumend zwischen Beinen unter Wirtshaustischen saß. Seit ihrem vierten Lebensjahr tanzte die kleine Philippine, so ihr Taufname.

Nach ihrem Studium an der Essener Folkwangschule und zwei Jahren Modern-Dance-Studium in New York kehrte sie zum Folkwang-Ballett zurück. Mit 33 wurde sie Ballettdirektorin und Chefchoreografin an den Wuppertaler Bühnen. Eine, die Tutu und sterbende Schwäne in den Abgründen der Bühnengruft begrub.

Skandalös in ihren Anfängen.

Denn als Choreografin ließ sie ihr Ensemble nicht nur tanzen, sondern auch Geschichten erzählen, spielen, singen, schreien und Dinge tun, die man sonst nie auf einer Bühne gesehen hatte. "Fake, fake, fake - alles falsch", schrie sich der New Yorker Ballettpapst Clive Barnes heiser. "Bezüge zum Schizoiden", attestierte ein deutscher Kritiker 1974. Als sich 1979 in ihren "Arien" verkleidete Nilpferd-Tänzer, Männer in Kleidern und Frauen mit nackten Brüsten Wasserschlachten auf der Bühne lieferten, wandelte sich das Premierenpublikum zu Hooligans, die laut schrien und wild um sich schlugen. In Deutschland wurde sie ausgepfiffen, in Frankreich als "Fée de Wuppertal" gepriesen.

"Es ging und geht mir immer nur darum: Wie kann ich ausdrücken, was ich fühle?", sagt sie. Ohne Worte. Denn am Anfang war nicht das Wort, sondern Gefühl und Bewegung. Die Gemütsbewegung.

Keiner weiß, worauf Pina Bausch hinauswill

Pina Bausch revolutionierte die Theaterwelt.

Dafür hat sie radikal mit dem traditionellen Tanz gebrochen und ganz auf Körpersprache und Körperbilder gesetzt. Aus Angst vor Worten, sagt sie, aber auch aus Respekt. Weil sie sich nicht zutraut, in Worte zu fassen, was sie bewegt.

Bei Pina Bausch gibt es keine starren Choreografien. Ihre Ausgangsmaterialien sind die Menschen und ihre Körper, die Spuren des gelebten und ungelebten Lebens in sich tragen.

Auf Gastspielreisen zwischen Rom und Hongkong sammelt sie mit ihrem Ensemble Rhythmen, Bilder und Gerüche. Mittels Fragen nähert sie sich dann den Themen. Liebe und Geschlechterkampf, Trauer, Angst, Kindheit und Umwelt. In kleinen Szenen lässt sie die Tänzer vorspielen, was sie empfinden. Sie rennen gegen Wände oder klettern ein Stück Wand hinauf, hüpfen auf 8000 Nelken, strampeln zwischen riesigen Kakteen oder robben durchs Wasser wie in "Masurca Fogo". Im "Café Müller" tanzt Pina Bausch selbst durch ihre Kindheit. "Was tut man nicht alles, um geliebt zu werden", sagt sie dazu.

Keiner weiß, worauf sie bei den Proben hinauswill, sie selbst kann es nicht sagen. Zum Schluss setzt sie alles collagenartig zusammen.

Fertig sind ihre Stücke bei der Premiere selten, Humor haben sie immer, Titel bekommen sie später, und frenetisch jubeln die Zuschauer. "Wir bauschen", hat der Schriftsteller Péter Esterházy diesen Zustand einmal genannt.

Denn das Tanztheater von Pina Bausch muss man nicht verstehen, sondern erfühlen.

Ich glaube an die Fantasie.

Warum sie nicht in die Metropolen, die weltweit um sie buhlen, abgewandert sei, wurde sie einmal gefragt. Die Antwort der Tänzerin: "Ich glaube an die Fantasie. Wenn ich will, dass die Sonne scheint, dann lasse ich sie einfach aufgehen, auch in Wuppertal."

Text: Marianne Mösle Foto:Getty Images
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!