Elke Heidenreich: Früher war "geil" was anderes

Elke Heidenreich antwortet Till Raether, der sich unter anderem über Sex in der Öffentlichkeit beklagt hatte.

Lieber Till Raether,

es klappt! Neulich kam ich in eine Polizeikontrolle, und mein Aggressionspegel stieg gerade schon wieder auf hundert, da dachte ich plötzlich: Ruhig, Elke, 40 Prozent aller Polizisten sind Cousins von Till Raether (so war es doch, oder?)! Und was soll ich Ihnen sagen? Ich war ruhig, gelassen, habe gelächelt, alles ging gut! Da sehen Sie mal, was für einen segensreichen Einfluss Sie auf mich haben. Ich weiß jetzt zwar immer noch nicht, was Männer in ihren Handtäschchen haben, aber mit Ihrem Abscheu vor Sex in der Öffentlichkeit, da haben Sie Recht. Das geht ja bis in die Sprache, neuerdings ist alles, was früher mal wunderbar oder großartig war, nur noch geil. Als ich noch jung war (grundguter Himmel, was für eine Bemerkung!), da war geil ganz was anderes. Als ich noch jung war! Habe ich das wirklich eben geschrieben? Da sehen Sie mal. Das macht die Sechs, die neuerdings vorn steht, daran muss ich mich erst sehr gewöhnen. Wie alt sind Sie eigentlich? Ich schätze, irgendwas mit dreißig. Ich fühle mich wie irgendwas mit vierzig, und es ist eine komische Sache mit dem Älterwerden, denn sie läuft wirklich innen (in Herz und Kopf) anders ab als außen (faltiger Hals, kaputter Rücken, Altersflecke auf den Händen). Das Bild, das ich morgens von mir im Spiegel sehe, ist nicht dasselbe wie das, was ich fühle.

Ich erinnere mich nicht mehr: Denkt man mit 30 auch, man wäre erst 17? Ich habe heute bei Jules Renard (einem wunderbaren Schriftsteller, der 1910 mit erst 46 Jahren starb) einen schönen, leicht rätselhaften Satz gelesen: "Wenn Sie das Leben kennen, geben Sie mir doch bitte seine Anschrift." So geht es uns, oder? Egal, ob wir dreißig oder sechzig sind, wir denken immer: Ja! Irgendwann kommt es, irgendwann fängt das "richtige" Leben an, dabei sind wir schon mitten drin. Und, auch wenn das jetzt paradox klingt: Wir sind nicht am glücklichsten, wenn wir am glücklichsten sind. Das weiß man, wenn man so steinalt geworden ist wie ich! Walter Jens, der noch älter ist, nämlich achtzig, sagte neulich mal: "Ich liebe die ups and downs", und er erklärte, dass bei den Tiefs so oft eine Leiche in unserem Keller liegt, und dann könnte es aber sein, dass die Leiche schon am nächsten Tag lebendig wäre, und das wäre dann wieder ein schönes Hoch ... Ja, so muss man das wahrscheinlich sehen, um glücklich zu sein. Glauben Sie eigentlich an Horoskope? Wie sich herausgestellt hat, haben wir ja beide am 15. Februar Geburtstag. Wenn ich meines jetzt lese, lese ich Ihres immer mit, demnach sind wir beide jetzt gut drauf und haben eine starke Schaffensphase. Na, dann wollen wir mal weitermachen mit unserem Briefwechsel. Schreibt noch irgendjemand außer uns Briefe, oder geht das alles per Mail und SMS? Ich schreibe noch richtig mit Füller, Tinte, per Hand, jeden Tag. Nur Dienstliches wird als Mail abgehandelt, und das Allerschlimmste ist für mich das Telefonieren. Ich finde es absurd, mit jemandem zu reden, der gar nicht da ist. Aber Schreiben - dazu sagt Jules Renard auch was: "Schreiben ist nur eine Form des Sprechens, bei der man nicht unterbrochen wird." So! Ich habe geschrieben, Sie sind wieder dran, ich freue mich darauf, von Ihnen unterbrochen zu werden.

Liebe Grüße aus dem verschuldeten Köln, das gerade die Kultur gänzlich abzuschaffen scheint,

Ihre Elke Heidenreich

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