Till Raether: Frühjahrsputz in Deutschland

Till Raether kommt zu dem Schluss, dass Fernsehwerbung zeigt, wonach sich die Gesellschaft am meisten sehnt...

Liebe Elke Heidenreich, gerade lese ich ein Interview mit Billy Idol. Zu Ihrer Erinnerung: Billy Idol war in den Achtzigern, als die Welt für mich noch neu war, ein gefeierter Popstar. Jetzt hat er, wie jeder, der in den achtziger Jahren besoffen in einem Tonstudio lag, ein Comeback. Und sagt unvermittelt etwas ganz Interessantes: "Der Kopf ist der tollste Computer der Welt. Man findet dort aufregenderes Zeug als im Internet." Billy Idol (den ich hiermit zum letzten Mal namentlich erwähne) hat absolut Recht: Irre, worauf man so alles stößt, wenn man mal ein bisschen nachdenkt, in sich rein- horcht, vor sich hinstarrt. Pläne. Träume. Wünsche. Wir sprachen gerade drüber.

Das klingt erst mal gut, besinnlich und friedlich, hat aber auch eine Schattenseite. Ich habe nämlich den Eindruck, dass in unserem Land Menschen das Sagen haben, die sich allzu sehr darauf verlassen, dass in ihrem Kopf bereits alles Wissenswerte vorhanden ist und die sich seit Jahrzehnten passiv-aggressiv dagegen wehren, irgend etwas Neues in ihr Hirn zu lassen. Ein herausragender Vertreter dieser Spezies ist der Präsident des Deutschen Fußballbundes, Gerhard Mayer-Vorfelder. Ich weiß, liebe Elke, Sie interessieren sich nicht für Fußball, aber das macht nichts, denn Gerhard Mayer-Vorfelder interessiert sich auch nicht für Fußball, über Fußball reden wir also nicht.

Sondern darüber, dass ein Mensch in diesem Land jahrzehntelang Macht ausüben kann einfach dadurch, dass er völlig resistent ist gegen jeden Einfluss von außen, gegen jede neue Idee, gegen jeden Anflug einer Ahnung davon, was wirklich los ist in der Welt. Interessant übrigens: Je mehr ein Politiker (oder eine Politikerin) anfängt, wie Gerhard Mayer-Vorfelder auszusehen, desto weniger verdient er (oder sie) unser Vertrauen. Das ist nur eine Faustregel, Details müssen jeweils im Einzelfall geklärt werden, aber: Denken Sie daran, wenn Sie demnächst in NRW wählen müssen.

Gehören Sie eigentlich zu den Menschen, die wegzappen, wenn die Werbung kommt? Ich nicht, denn aus der Fernsehwerbung beziehe ich seit Jahren meine Informationen über den Zustand unserer Gesellschaft. Im Moment ist offenbar Frühjahrsputz in Deutschland. Offensiv wie noch nie wird Reklame gemacht für neuartige Fleckenentferner, Raumdeos und überhaupt alles, was sauber macht. Eine große deutsche Waschmittelmarke wirbt gar für "Reinheit" als Wert an sich. Mit Bildern von Eisbergen, Wolken und Schwänen, dazu die Slogans: "Reinheit ist kraftvoll. Reinheit ist natürlich. Reinheit ist traumhaft."

Ich bin überzeugt: Fernsehwerbung zeigt, wonach wir als Gesellschaft uns am meisten sehnen. Das waren zum Beispiel in den chaotischen Siebzigern liebenswürdige Vertrauenspersonen wie Clementine, Tilly oder Herr Kaiser. Wenn meine These stimmt, dann steht es ganz schlimm um uns. Seit wann ist es gesellschaftsfähig, sein Zimmer zu parfümieren? Schon mal was von Lüften gehörten? Fenster auf, Mief raus, usw.? Mir fällt allerhand ein, was man "traumhaft" nennen könnte, aber, Entschuldigung: Reinheit soll traumhaft sein? Arme Endverbraucher, die solche Träume träumen sollen. Was ist los, dass wir uns vor ein paar Flecken, ein bisschen Schmutz, vor Gebrauchsspuren fürchten müssen? Das Wort "bescheuert" kommt nicht ohne Grund von "Scheuern". Noch mal zurück zum Anfang, zu den Popstars der Achtziger. In einem Song der Gruppe "Fehlfarben" hieß es: "Es liegt ein Grauschleier über der Stadt/den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat." Alles nur eine Frage der Zeit. Denn: Reinheit ist kraftvoll. Klingt wie eine Drohung. Sind Sie bereit, mit mir dagegen anzustinken?

Mit dreckigen Grüßen,

Ihr Till Raether

BRIGITTE 08/05
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