Echte Liebe rollt

Bym-Autorin Simone Lück ist verliebt. In ihre altes Fahrrad. Nachvollziehen kann das niemand. Aber dafür wird es wenigstens nicht gestohlen. Nur repariert werden muss es ab und zu. Wer auch so eine alte Liebe im Keller stehen hat, findet hier unsere Tipps für den Radl-Check

"Das ist aber ein hässliches Fahrrad. Wie praktisch! Da brauchst du dir keine Sorgen machen, dass es geklaut wird" - entgeistert schaue ich meinen Kumpel Tobi an. Wie bitte? Alles klar in Ignorantenland? Ich liebe mein Fahrrad. Zum einen, weil ich das alte Herrenmodell von Peugeot mit seinen dünnen Reifen sehr schick finde, zum anderen, weil es mir seit zwölf Jahren treu ist. Und das unter erschwerten Bedingungen.

Zunächst wurde es in Köln-Nippes zusammen getreten, von neonazistischen Jugendlichen, alkoholisierten Rheinländern oder schlecht gelaunten orientalischen Mitbewohnern. Und da fängt die Diskriminierung schon an. Das Zahlenschloss wäre leicht zu knacken gewesen. Aber nein, sie wollten es nicht mitnehmen, sondern nur ihre Aggressionen daran auslassen. Mein Vater ist dann so lange auf dem verbeulten Rahmen herum gesprungen, bis alles wieder einigermaßen gerade war. Nur ein leichtes Ei im Vorderreifen ist geblieben.

schlechte Aura

Zum Trost lieh er mir sein Ersatzrad. Womit wir schon beim nächsten Punkt der Lobhudelei wären: nur mein geliebtes Peugeotfahrrad ist immun gegen meine schlechte technische-Geräte-und-Fortbewegungsmittel-Aura - alle anderen sterben mir sofort unterm Hintern weg. Wie auch das geliehene Modell. Nachdem mein Erzeuger es jahrelang ohne Probleme benutzt hatte, fiel mir prompt die Vorderlampe ab. Einfach so. An der Ampel. Mit einem Plopp-Geräusch. Einen Tag später ist die Vorderbremse gerissen. Nun ja, wann braucht man schon mal die Vorderbremse, könnten Besserwisser an dieser Stelle fragen. Hier die Antwort: wenn kurze Zeit später das hintere Bremskabel reißt. Ein paar Wochen habe ich tapfer mit beiden Füßen gebremst. Als dann der Vorderreifen schlapp machte, ließ ich den Schrotthaufen entnervt und unangekettet vorm Haus stehen. Wahrscheinlich ärgert sich jetzt jemand in Polen damit herum.

Glücklicherweise kehrte zu diesem traurigen Zeitpunkt mein geliebter Peugeot-Flitzer aus der väterlichen Reha zurück. Seitdem radeln wir leicht verbeult aber sehr verliebt durch Sommersonne, Schnee und Regen. Nur ab und zu müssen Mantel, Schlauch oder Kette erneuert werden. Was ich okay finde, für einen Drahtesel in Gymnasiastenalter. Der Fahrrad-Klempner meines Vertrauens sieht das anders: "Du verdienst doch jetzt Geld, warum fährst du immer noch auf der alten Krücke durch die Gegend?" Unverschämtheit, denke ich. Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Erstens macht Alter charmant - deshalb kauft man sich ja auch ausgetretene Vintage-Stiefel. Und zweitens würde man zu einem Hundebesitzer auch nicht sagen: Du hast doch einen neuen Job, was läufst du denn noch mit dieser alten Töle herum? Gegenfrage: Wer hat eigentlich der ganzen Welt erlaubt, mein Fahrrad zu beschimpfen?

Schlechtes Benehmen

Schlechtes Benehmen macht auch vor guten Freunden nicht halt. Meine Freundin Tisa findet, dass ein fliederfarbenes Herrenrad irgendwie schwul aussieht. Ich selber hatte mir bis dahin keine Gedanken zu Geschlecht und sexuellen Vorlieben meiner Tretmühle gemacht. Eigentlich ist mir das auch egal. Aber ich muss sagen: verprügelt werden und danach wieder über den Asphalt schnurren wie ein Tiger, finde ich sehr männlich.

Überhaupt lasse ich mich nicht beeinflussen. Auch nicht von meinen Nachbarn, die nicht verstehen, dass ich mein scheinbar wertloses Rad vor nächtlicher Randale schützen und deshalb oben im Flur parken möchte. Erst gestern stand ich wieder fassungslos im Aufzug neben einem naserümpfenden Hausmitbewohner: "Aha, sie sind das also mit dem Fahrrad." - "Ja, und?" - "Dazu sage ich nichts. Mir ist das egal. Ich halte mich da raus." Erstaunt über seine heftige Reaktion frage ich mich, wo genau er sich denn raushalten möchte: Guerilla-Beschwerde-Aktionen oder Mieter-Sit-ins zum gemeinsamen Aufregen? Und warum stört ihn mein Fahrrad im achten Stock, wenn er selber im vierten wohnt? "Liebe Protestgemeinde", pflege ich in solchen Situationen zu sagen, "ich besitze kein Auto. Deshalb ist mir mein Drahtesel lieb und teuer und ich kann ihn mir leider nicht vor der Tür wegstehlen lassen."

Klar könnte ich mir einfach einen neuen rollenden Untersatz, und somit den Respekt von Nachbarn, Freunden und Velo-Schraubern erkaufen. Aber ich würde mein schwules Herrenrad sofort vermissen. Vielleicht sollte ich mich bei Pimp-my-Fahrrad bewerben. Aber ich bezweifle, dass mich ein Kunstrasen-Sattelüberzug und Katzenaugen von Swarowski glücklicher machen würden.

Text Simone Lück
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