Richard Ford: Jäger des verlorenen Satzes

Richard Ford ist einer der ganz großen US-Autoren. Er gibt keine Ruhe, bis er den perfekten Klang seiner Sprache spürt. Außerdem jagt er leidenschaftlich gern. BRIGITTE-Mitarbeiterin Christiane von Korff durfte mit. Keine Sorge: Es floss kein Blut.

Jagdhütte und Schreibstudio in einem: der amerikanische Autor Richard Ford, 63, an seinem Lieblingsort - ein ehemaliges Bootshaus an der Küste von Maine

"Scooter, sitz!" Scooter pariert aufs Wort, denn er ist ein trainierter Jagdhund und ein schöner dazu: edler, schmaler Kopf, schlanker Körperbau mit weiß gelocktem Fell und braunen Flecken. Ein bretonischer Vorstehhund, dressiert darauf, Fasane, Enten, Hühner aufzuspüren. Und er weiß, was es bedeutet, wenn sein Herr ihm das Halsband umlegt: Gleich geht es los, in den Wald! Vor Freude bellend rennt er aus dem Haus, Richtung Pickup, mit dem wir gleich losfahren werden. Zu Richard Fords Jagdrevier.

Ford ist ein attraktiver Mann, hochgewachsen und schmal, helle blaue Augen, hohe Stirn, Haar, das sich im Nacken wellt. "Ich muss mal wieder zum Friseur", sagt er und setzt die Baseballkappe auf. Ford gehört zu den großen amerikanischen Erzählern, spielt in einer Liga mit John Updike und Philip Roth. Seinen neuen Roman "Die Lage des Landes" hat er hier in Maine geschrieben. In einem eigens dafür hergerichteten Studio: ein ehemaliges Bootshaus direkt am Meer. Eine kleine, unbewohnte Insel gehört dazu, zu der er und seine Frau Kristina im Sommer jeden Morgen schwimmen.

In Richtung Westen geht die Fahrt, über schmale, geschwungene Straßen; Scooter sitzt sicher im Käfig auf der Ladefläche des Pickups. Ford erzählt im sanften Südstaaten-Singsang, was die Jagd für ihn bedeutet: Schon als Zehnjähriger hat er seinen Großvater, seinen Vater und seine Mutter dabei begleitet. Er war 16, als der Vater starb, seither lebte er überwiegend bei den Großeltern, Hoteliers in Rock Springs, Arkansas. "Als Junge hatte ich keine Vorstellung davon, dass ich jemals 63 und Schriftsteller werden würde. Aber die Jagd verbindet mein heutiges Leben mit meiner Kindheit. Und diese Kontinuität fühlt sich gut an."

Der schmale Pfad führt bergab, durch einen lichten Mischwald mit knorrigen Eichen, Buchen und Birken. Wir sprechen darüber, dass beim Wild die weiblichen Tiere das Sagen haben. Die Leitkuh führt das Rudel an, bestimmt die Futterplätze. Der Hirsch wird nur zur Paarungszeit geduldet, danach misst er sich hauptsächlich mit seinen männlichen Artgenossen. "Für mich", sagt Ford, "ist offensichtlich, dass Frauen stärker und klüger sind als Männer." Er habe mit extrem starken und klugen Frauen zusammengelebt. Mit seiner Mutter, seiner Großmutter, einer "harten Nuss", wie er sagt, die indianisches Blut in den Adern hatte - und jetzt mit seiner Frau. "Männer sind meiner Erfahrung nach Feiglinge. Narzissten, meist mit sich selbst beschäftigt, plündernde und räuberische Wesen. Frauen setzen sich mit Intelligenz durch."

Auch während der Unterhaltung hat Ford den Blick eines Suchenden, eines Jägers. Er deutet auf Spuren im eingetrockneten Matsch. "Ein Rothirsch, vielleicht fünf Jahre alt", sagt er. Der Morgenwind durchkämmt die Spitzen der Kiefern. Insekten sirren am Ohr vorbei. Ein Specht hämmert. In der Ferne bellt Scooter, der durchs Dickicht rennt. Wir gehen am See entlang, wo Ford im Herbst beim ersten Licht des Tages Enten jagt. Jetzt sind sie ausgeflogen, aus dem Wasser ragen tote Äste, Biber haben die Baumwurzeln zerfressen.

Dann verlassen wir den Pfad. Schlagen uns durchs Unterholz, wo ein Kragenhuhn im Dickicht Deckung sucht. Vor uns ein Bach, das Wasser ist glasklar. Ford springt in einem großen Satz hinüber. Wir klettern über umgefallene Birkenstämme, die der Sturm gefällt hat. Ich denke an nichts, ich schaue nach unten, nach oben, und ich horche. Denn das ist das Wesentliche, was ein Jäger tut: hinsehen und lauschen. Eine Fähigkeit, die auch ein Schriftsteller haben muss, er muss gut beobachten und zuhören können.

Wir hören das Tier, bevor wir es sehen: das Geräusch schlagender Flügel. Ford hat sein Gewehr zwar zu Hause gelassen; denn das Niederwild hat jetzt Schonzeit, um in Ruhe legen und brüten zu können. Doch reflexhaft reißt er seine imaginäre Flinte an die Schulter, zieht mit deren Lauf einen Bogen und zielt auf das inzwischen aufsteigende Kragenhuhn, das in Sekundenschnelle zwischen den nächsten Baumwipfeln verschwindet. Hätte Ford ein Gewehr dabei gehabt, wäre das Tier nicht mehr weitergeflogen. "Andeuten" nennt man das unter Jägern. Das Schießen zu simulieren, um die Reflexe zu testen. Ford muss ein guter Schütze sein, seine Reaktion war nur eine Sache von ein paar Sekunden. Er grinst. "Ein guter Morgen", sagt er.

Auf dem Rückweg erzählt Ford, die regelmäßige Pirsch halte ihn fit. Und sie erdet ihn, den Kopfarbeiter. Drei Stunden sind wir marschiert. Ich habe längst die Orientierung verloren und wundere mich, wie zielsicher er uns aus dem Wald zu einer Lichtung führt. Wir nähern uns einer Anhäufung von Granitsteinen. Die Überreste einer Farm aus dem 19. Jahrhundert, erklärt Ford. Die Besitzer seien weitergezogen. Auf der Suche nach einem besseren Platz. Der Bundesstaat Maine bietet da viele Möglichkeiten, mehr als 90000 Quadratkilometer ist er groß. Ford braucht die Abgeschiedenheit und Ruhe, um seine Bücher zu schreiben. Als sein jüngstes Manuskript fertig war, hat Ford es seiner Frau laut vorgelesen. Zweimal. "Ich schaue auf jedes einzelne Wort, ich achte auf jede Silbe, auf jeden Vokal, jeden Punkt, jedes Komma", erzählt er. Der Leser spürt das: Seine Sprache ist sinnlich, manche Passagen lyrisch, der Rhythmus der Sätze stimmt.

Auf der Lauer: Ein guter Jäger muss hinsehen und lauschen, ein guter Schriftsteller auch - Richard Ford und Christiane von Korff in den Wäldern von Maine

"Habt ihr Wild gesehen im Wald?", fragt Kristina, als wir zurückkommen. Seine Frau schnippelt Bohnen für das Abendessen. Sie ist eine schöne Frau: groß, blond, blaue Augen. Ihre Mutter, eine Schwedin, sieht auf Fotos aus wie ein Hollywoodstar. Seit fast vier Jahrzehnten sind Kristina und Richard Ford verheiratet. Eine College-Liebe. Kristina lässt ihn an der langen Leine laufen. Ford sei einer, der seine Freiheit brauche. Jahrelang führten sie eine Pendelehe, sie leitete das Stadtplanungsamt in New Orleans, er schrieb in Montana und lebte ein Jahr in Paris. "Wenn es ihn glücklich macht zu gehen", sagt sie mit der Gewissheit einer Frau, deren Mann immer wieder zurückkehrt, "dann soll er gehen."

Zum Abendessen serviert Kristina Paella. Die dunkle Eichenplatte des Esstischs hat viele Astlöcher, die hat Ford mit Kitt gestopft. Auch die Türen des Wandschranks hat er selbst gezimmert. Er arbeite gern mit den Händen, sagt Kristina. Dieses Talent nutzte er, um zerstörte Häuser in New Orleans wieder aufzubauen, wo der Hurrikan vor zwei Jahren wütete. Erst im April sind die Fords von einem dreimonatigen Einsatz zurückgekehrt. Kopfschüttelnd erzählt Kristina, dass der wiedergewählte, stramm republikanische Bürgermeister beschloss, viele ehemalige Wohnviertel der Schwarzen nicht wieder aufzubauen, um die sozial schwache Bevölkerungsgruppe loszuwerden. Schwarze raus - diese Politik wollten die Fords, bekennende Demokraten, nicht mitmachen. Kristina wurde, wie ihr Mann sagt, nach der Katastrophe aus ihrem Amt als Stadtplanerin gedrängt. Seither arbeiten beide ehrenamtlich für eine Hilfsorganisation, die sich um den Wiederaufbau der nicht erwünschten Häuser kümmert. Ihr eigenes Haus in New Orleans haben sie verkauft. Es stand im historischen French Quarter, das berühmt für seine Jazz- und Blues-Kneipen ist. Auf einem ihrer abendlichen Spaziergänge, erzählt Ford beim Essen, wurden sie bedroht. "Drei Jungs fuhren langsam durch die Straßen, stoppten und richteten ihre Knarre auf uns. Sie verlangten Geld. Als wir ihnen unsere leeren Taschen zeigten, ließen sie uns ziehen, mit der gut gemeinten Warnung: 'Um diese Zeit solltet ihr besser nicht auf der Straße rumlaufen.' Die Kerle waren etwa 14, 15!"

Später öffnet Ford noch eine Flasche Wein und legt Bob Dylan auf. Dann setzt er sich in den Sessel, zieht Schuhe und Socken aus. Scooter hat sich mittlerweile vor dem Kamin ausgestreckt. Ford verschränkt die Arme hinter seinem Kopf und schließt die Augen. "Das war's", sagt Kristina und lächelt. "Jetzt haben Sie einen typischen Richard-Ford-Tag miterlebt."

Über den Autor

Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren. Mit dem Roman "Der Sportreporter" gelang ihm 1986 der Durchbruch. Für "Unabhängigkeitstag" (BRIGITTE-Edition, 10 Euro) erhielt er die beiden renommiertesten Literaturpreise der USA, den Pulitzer-Preis und den PEN/Faulkner-Award. Mit seinem neuen Buch "Die Lage des Landes" schließt er die Trilogie um seinen Protagonisten, den Immobilienmakler Frank Bascombe, ab. Der ist mittlerweile Mitte fünfzig, hat eine schöne Strandvilla und freut sich auf einen ruhigeren Lebensabschnitt mit seiner zweiten Frau Sally. Doch Sallys erster, tot geglaubter Ehemann taucht wieder auf, und bei Frank wird Krebs diagnostiziert. Und dann steht auch noch Thanksgiving vor der Tür. Zu diesem uramerikanischen Familienfest haben sich schon Tochter Clarissa (die lesbisch ist, aber gerade mal Männer ausprobiert) und Sohn Paul angekündigt, zu dem Frank schon lange keinen Draht mehr hat. (Ü: Frank Heibert, 688 Seiten, 24,90 Euro, Berlin Verlag)

Text: Christiane von Korff Fotos: Katja Heinemann BRIGITTE Heft 16/2007
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