"Die Hälfte der Leute findet mich scheiße"

Aus TV-Rampensau Sarah Kuttner ist eine Bestsellerautorin geworden. Doch das viele Geld, das sie damit verdient, ist für sie auch Schmerzensgeld.

Berlin-Friedrichshain, ein Altbau. Hier sitzt das Management von Sarah Kuttner, und hier, im Konferenzraum, hinter einer kleinen Kanne Kaffee und einer Schachtel Zigaretten, sitzt Sarah Kuttner selbst. Das Fernsehfräuleinwunder der ersten sieben, acht Jahre des Jahrhunderts ist inzwischen fast 37 Jahre alt, aber das sieht man kein bisschen. Es ist immer noch etwas Mädchenhaftes an ihr. Klein ist sie, schmal, der Körper verschwindet fast in ihrem hellen Pulli mit den schmalen schwarzen Querstreifen. Die Frisur wirkt ein wenig gehetzt und unentschieden, aber ihre Augen haben eine lebendige Leuchtkraft, die man nicht so oft findet.

Kuttner, vor einem guten Jahrzehnt mit ihrer originellen, sehr schnellen Kodderschnauze noch die Zukunft des Fernsehens, ja, das Aushängeschild einer ganzen Generation von Frauen, hat gerade ihren dritten Roman veröffentlicht. "180° Meer" heißt er, und er erzählt von Jule. "Ich bin kein schöner Mensch. Meine Aura ist irgendwie zahnfarben", so beginnt das Buch, dessen Hauptdarstellerin sich nicht mag und auch nicht den Rest der Welt. Ihre depressive Mutter wollte sich und Jule umbringen, als das Kind sechs war, ihr Vater ist derart abwesend, dass er für sie nicht mehr existiert. Jule mag das Meer, aber nur an grauen Tagen. Und sie mag Sex, nur beim Vögeln leidet sie nicht am Leben, deshalb sieht sie die Sache mit der körperlichen Treue auch nicht so eng. Und das kostet sie vorläufig ihre Beziehung zu ihrem Freund Tim.

Wie schon in ihren ersten Romanen "Mängelexemplar" und "Wachstumsschmerz" herrscht ein anderer Ton in diesem Buch als der, den man von der TV-Frau Kuttner kennt. Es geht ja auch um eine Art von Mensch, die im Fernsehen nichts zu suchen hat: eine unsympathische, misanthropische Frau um die 30. Und so eine kann Sarah Kuttner leiden? Ja, sagt sie: "Ich mag kaputte Leute, aber nur dann, wenn sie nicht vorgeben, etwas anderes zu sein als kaputt. Jule hat sich aufgegeben, aber sie zeigt dir ihren Eiter."

Sie wurde mit ihrer schlauen, lustigen und rotzigen Art zum Star

Wer Romane schreibt, hat Elke Heidenreich einmal gesagt, bedient sich immer im Steinbruch des eigenen Lebens. Na ja, sagt Kuttner: "Das Buch ist null autobiografisch, aber bis obenhin voll mit mir." Sie meint: Wie bei ihrer Anti-Heldin Jule sind ihre Eltern geschieden, wie sie hat sie eine Zeit lang in London gelebt. Und wie sie hat sie sich einen mackenbehafteten Hund angeschafft. Aber das war's dann auch schon. "Jules Wut und Verachtung kann ich im Prinzip nachempfinden, aber mit mir hat das nichts zu tun", sagt Kuttner.

Jule verschwindet nach der Trennung von ihrem Freund nach London. Dorthin, wo auch Sarah Kuttner nach ihrem Abi hingeschickt wurde. Jürgen Kuttner, ihr Vater und einer der bekanntesten Radiomoderatoren Ostdeutschlands, hat einmal gesagt: "Das Problem war, dass Sarah nach dem Abi herumhing und sich cool fand und einen Fankreis um sich herum gruppiert hatte, der sie auch cool fand." Er wollte keine "verwöhnte Mittelstandsgöre" erziehen. Knöpfte ihr ein bisschen Miete ab. Überzeugte sie mit sanftem väterlichen Druck, nach England zu gehen, was der Tochter suspekt war. "So cool fand ich mich gar nicht. Ich wusste nur nicht, was ich wollte, ich war schon immer ehrgeizlos", sagt sie. Aber London tat ihr gut. Sie lernte dort den England-Korrespondenten des "Spiegel" kennen. Und durfte bei ihm sechs Monate lang ein Praktikum machen. So ging es los mit Sarah Kuttner und den Medien.

Nach ihrer Rückkehr ging sie zu "Fritz", dem legendären Berliner Jugendradiosender. Wurde erst Praktikantin, dann freie Mitarbeiterin. Wurde Ende 2001 vom Musiksender Viva gecastet und dort, in der Blütezeit des Musikfernsehens, mit ihrer schlauen, lustigen und rotzigen Art, zum Star. Und zum Leitbild vieler Frauen zwischen 16 und 25 - so schlagfertig, so sexy, so souverän wie die Kuttner wollten sie sein. Von 2004 an hatte sie eine Show, die ihren Namen trug. "Da waren wir auf unserer kleinen Ebene für zwei Jahre die Könige der Welt", sagt sie, "wir wussten das, und wir haben uns so benommen. All die geilen Indie-Bands - bei uns! Beliebteste Person im Jahresrückblick - Sarah Kuttner auf Platz 2, hinter Jürgen Klinsmann!" Die ganze Redaktion war eine Familie für sie, und alle waren permanent unter Strom. "Das war toll", sagt Kuttner, "aber das würde ich heute nicht mehr wollen. Ich möchte nicht mehr so brennen." In der Tat köchelt ihre Fernsehkarriere auf kleinerer Flamme weiter. Präsent war sie immer mit neuen Formaten, aber erst mit "Bambule" auf ZDFneo erschien sie 2011 wieder regelmäßig auf dem Bildschirm. Und zuletzt mit "Kuttner plus Zwei".

Es fasziniert sie, dass sie schon seit 15 Jahren dabei ist. Sie bereut nichts, was sie in dieser Zeit gemacht hat, "ich bin so pingelig und streng mit mir, da ist mir nichts durchgerutscht, für das ich mich schämen muss." Sie schaut nicht zurück, schon aus Selbstschutz. Kuttner neigt zur Melancholie, sie kann nicht gut loslassen, Veränderungen sind ihr ein Übel. "Ich bin ein krasses Gewohnheitstier, ich halte auch Sachen fest, die langsam gammeln und schlecht werden."

Der neue Roman war eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme

Es ist etwas Widersprüchliches an ihr. Einerseits ist da ihr Sicherheitsbedürfnis ("Ich habe mehr Versicherungen abgeschlossen, als ein Mensch brauchen kann"). Andererseits arbeitet sie für das Fernsehen, nicht gerade die beständigste Branche der Welt. Einerseits ist sie ein Kontrollfreak ("Ich stelle laufend die Entscheidungen anderer Leute infrage, das ist total unsympathisch"), andererseits hat sie keinerlei Masterpläne, weder für ihr Leben noch für den Tag, der morgens vor ihr liegt. "Ich bin dafür nicht diszipliniert und ehrgeizig genug", sagt sie. "Ich habe nur eine Zigarette, eine Folge 'Friends' und einen Hund, der mal rausmuss."

Der neue Roman war eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Im vergangenen Januar hatte sie Drehpause und langweilte sich, da erinnerte sie sich an einen ersten Satz, den sie mal geschrieben hatte undimmer noch mochte. Kuttner arbeitete heimlich daran, ihr Verlag erfuhr von "180° Meer" erst, als das Buch fertig war. Sollte bloß keiner auf die Idee kommen, einen Vertrag zu machen und einen Abgabetermin zu setzen. "Ich will nicht müssen, ich will nur wollen", sagt sie, "Druck ist mir unangenehm." Doch der kam von innen: "Ich hatte das Gefühl, dass ich morgens schon was tun muss, wollte aber gleichzeitig lieber noch 'n Kaffee trinken, popeln und noch mehr 'Friends' gucken. Das habe ich mir dann erlaubt und die Regel aufgestellt: Vor drei am Nachmittag muss ich nicht anfangen."

Im Buch lässt sie Jule über eine andere Frau sagen: "Vielleicht ist sie einfach nur unfassbar mit dem Leben allgemein und sich selbst im Reinen, ein Zustand, den ich abgrundtief verabscheue. Weil ich ihn einfach nicht für mich selbst herbeiführen kann." Wenn es um Kritik geht, gilt das auch für Sarah Kuttner. "Ich bekomme nicht nur gute Rezensionen", sagt sie. "Und wenn ich etwas Schlechtes über mich lese, fühle ich mich ertappt in meiner Unzulänglichkeit. So ein Quatsch. Warum glaube ich anderen mehr als mir selbst?" Die Hälfte aller Leute, hat Sarah Kuttner einmal gesagt, "findet mich scheiße." Das ist ein Phänomen, mit dem sie öffentlich schon ein halbes Leben lang zurechtkommen muss. "Das macht auch keinen Spaß, immer noch nicht. Ich wünschte, ich wäre cool genug, mich davon nicht berühren zu lassen. Aber ich glaube niemandem, der behauptet, dass ihn so etwas kalt lässt."

In der "Neuen Zürcher Zeitung" stand mal über sie: "Das gewisse Etwas" an ihr sei ein Vakuum, "ein Nichts, das Kuttner mit viel Talent und Trara aufarbeitet". Kuttner, die Ikone einer Generation ohne Inhalte? Das tut ihr weh. Denn ihr Herz steckt in ihren Sendungen, ihren Büchern, ihren Kolumnen. Sie hat noch keinen Weg gefunden, sich davon nicht verletzen zu lassen. "Ein Haufen der Leute draußen denkt: Hau endlich ab und stirb", sagt sie, "das ist echt hart, aber gut bezahlt."

Sie hätte gern ein dickeres Fell

Über die Maßen gut wird sie bezahlt, dessen ist sie sich sehr bewusst. "Aber ein Großteil ist Schmerzensgeld dafür, dass jeder eine Meinung über mich haben darf." Abgesehen davon hat sie ein luxuriöses Leben: "Zeitweise arbeite ich sehr viel in einem Job, den ich ganz gut beherrsche. Aber dann gibt es auch Phasen, in denen kann ich ausschlafen und weiß manchmal nicht, ob gerade Wochenende oder Werktag ist. Das ist toll, und dafür bin ich dankbar. Da nehme ich die paar Schattenseiten doch gern in Kauf." Und trotzdem: Sie hätte gern ein dickeres Fell. "Aber es muss ein Webpelz sein, damit dafür keine Tiere sterben."

Sie ist so eben noch 36 Jahre alt. "Viele Anzeichen in meinem Leben sprechen dafür, dass ich erwachsen bin", sagt Sarah Kuttner. "Ich habe eine große Altbauwohnung, ich habe ein Auto, einen Hund, einen Eierschneider. Ich fühle mich nicht mehr wie 16, aber manchmal, wenn ich in meinem Auto sitze, kichere ich innerlich und denke: ich. In meinem Auto, für das ich gleich die Haftpflichtversicherung überweise. Unglaublich. Ich tue das, was die großen Kinder machen."

Sie sagt, dass sie ihr Leben liebt, wie es ist, aber sie spricht nicht darüber, ob es jemanden gibt darin. Dafür über etwas, das es nicht gibt. Sie mag Kinder, aber eigene? "Die berühren nichts in mir", sagt sie. "Meine Freundinnen, die Kinder bekommen haben, halten mir immer ihres hin, in der Hoffnung, dass genau das den Schalter umlegt. Aber ich bekomme keinen Milcheinschuss, wenn ich an Babyköpfen rieche." Sie schaut aus ihren großen, leuchtenden Augen quer über den Tisch, ratlos. "Und das müsste es doch, um ein Kind haben zu wollen, oder? Aber nichts in mir bimmelt!" Das Schöne ist ja: Man darf auch nicht wollen. Sarah Kuttner weiß das gut.

Sarah Kuttner - Frau unter Strom

Sarah Kuttner, geboren 1979 in Berlin-Friedrichshain, wurde nach einem Jahr beim Berliner Jugendradio Fritz 2001 als Moderatorin des Musiksenders Viva gecastet. Danach arbeitete sie in verschiedenen Talk- und Moderationsformaten für diverse Sender. Ab dem 4. Februar ist sie wieder mit "Kuttner plus Zwei" auf ZDFneo zu sehen. Darüber hinaus hat sie sich einen Namen als Autorin gemacht: Nach zwei Kolumnenbüchern erschienen "Mängelexemplar" (2009) und "Wachstumsschmerz" (2011); beide Bestseller werden verfilmt. Gerade erschienen: "180° Meer". Sarah Kuttner strickt gern, lebt mit Hund in Berlin und schweigt sich über ihren Beziehungsstatus aus.

Sarah Kuttners neuer Roman

Jule ist eine Katastrophe. Mag nichts und niemanden, betrügt ihren Freund und verliert ihn, fährt zu ihrem Bruder nach London - und beginnt, sich ihren Problemen zu stellen. Hochinteressante Charakterstudie eines scheiternden Menschen - keine leichte Kost, aber lesenswert. (272 S., 18,99 Euro, S. Fischer)

Text: Stephan Bartels BRIGITTE: 2/2016
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