Axel Prahl: Was den "Tatort"-Star glücklich macht

Mit Mama und Gitarre ging der Schauspieler Axel Prahl an Bord der "MS Hamburg"- und BRIGITTE-Autorin Beatrix Gerstberger beobachtete ihn beim exzessiven Glücklichsein.

Am Ende der Reise sagt er: "Ich brenne an zwei Enden, bis die Flamme ausgeht." Da ist es schon morgens um zwei. Er hat gesungen, er hat gelacht, er hat getrunken, Whiskey hat er die Kehle runtergekippt, Zigaretten eine an der anderen angesteckt. Er hat also gelebt wie eigentlich fast jeden Tag, und vielleicht ist das irgendwann sein Verhängnis, aber Axel Prahl, 53, sieht bei seiner systematischen Selbstzerstörung ziemlich vergnügt aus. Er sitzt in der Bar der "MS Hamburg". Er ist auf diesem Kreuzfahrtschiff, das drei Tage zwischen Helgoland, Sylt und Borkum schippert, weil er zum Bordprogramm gehört.

Er wird Lieder von kleinen und großen Wellen singen von seinem Album "Blick aufs Mehr", wird aus dem Buch "Inselstolz" lesen, einer Sammlung von Geschichten über Menschen, die auf den Nordsee-Inseln leben und die so sind wie er: eigenwillig, bodenständig, ehrlich.

Einige von diesen Menschen aus dem Buch sind mit ihm die nächsten Tage an Bord, und ja, sagt Axel Prahl, es ist so etwas wie Liebe auf den ersten Blick zwischen ihnen gewesen, es ist die Liebe zum Meer, an dem auch er - in Neustadt an der Ostsee - aufgewachsen ist und das einem in den Knochen steckt, das man nicht mehr los wird im Leben, auch wenn man wie er schon seit über 20 Jahren in Berlin lebt.

"Wenn man nicht weiß, wo man herkommt, dann weiß man irgendwann auch nicht mehr, wo man hingeht", sagt einer der Menschen aus dem Buch, Albertus Akkermann, der singende Wattführer mit Akkordeon von der Insel Borkum, am ersten Tag dieser Reise. Axel Prahl nickt dazu, der Wind treibt Wasser quer über das Schiff, zwei Männer sind sie, die wie ein großer (Akkermann) und ein kleiner (Prahl) Obelix nebeneinander in dieser regennassen Nacht an Deck stehen und bis morgens um vier mit Siggi, dem Kreuzfahrt-Alleinunterhalter an der Elektro-Orgel, der aussieht wie die leicht verwitterte kölsche Ausgabe von Sascha Hehn, "Born to be wild" singen.

Am nächsten Tag taucht Axel Prahl erst gegen Mittag auf, es ist Grilltag an Bord, er nimmt ein rotes Stück Fleisch, trinkt einen Kaffee, zieht an der Zigarette, die Augen noch halb geschlossen. Nee, sagt seine Mutter Rita Koziol, 73, die mit seinem Stiefvater Dieter, 68, ebenfalls an Bord ist: "Der Junge - Dummheit frisst, Intelligenz säuft."

Saufen, ohne erkannt zu werden, das ist etwas, was seit seiner Rolle als biertrinkender Hauptkommissar Thiel im Münster-"Tatort" nicht mehr möglich ist, sagt Axel Prahl. Auf der "MS Hamburg" schauen ihm beim Saufen 400 Passagiere zu, er nimmt das hin, er kann ja ohnehin nicht entkommen hier auf See. Sie schauen dezent, aber sie schauen, wenn seine Mutter versucht, ihm die stramm sitzende Weste über dem Bauch zuzumachen, wenn er im Ringelhemd zum Käptn's Dinner geht, wo doch alle anderen hier in der Traumschiff-Nussbaum-und-Messing-Kulisse sich für den Abend hochglanzpoliert haben.

Axel Prahl ist freundlich zu den Menschen. Wenn sie ihn umarmen, wenn sie ein Foto mit ihm wollen, ihm von einer fernen Bekannten erzählen, die auch eine ferne Bekannte von ihm sei. Er nickt, er lächelt, er blödelt rum, er streicht das Haar über die Schädelmitte nach rechts und lässt sich von Handy-Kameras fotografieren. Er war ja schon immer so. Hat immer mehr gegeben als genommen und immer Ja gesagt. Hat schon als Kind einem Obdachlosen die Hälfte von seinem Taschengeld geschenkt, hat später in seiner versifften Sechs-Mann-WG in Kiel einem Ex-Knacki Asyl gewährt, bis der ihn beklaute, fährt auf eine Preisverleihung nach Österreich und in derselben Nacht zurück, weil er einem Freund versprochen hat, ihm beim Umzug zu helfen. Er kann nicht sagen, das wird mir jetzt zu viel, auch wenn der Kopf schon platzt und das Herz dröhnt, und das sei schon manchmal ein Problem, sagt er.

Er macht alles aus ganzem Herzen, es gibt nicht jenes letzte Etwas, das er zurückhält, und genauso spielt er auch, sagen die Regisseure, die mit ihm drehen. Vor allem mit Andreas Dresen hat er Filme gemacht, in denen er nicht mehr immer nur der Lustige war so wie damals auf der Schauspielschule in Kiel, als er im Weihnachtsmärchen nie den schönen großen Prinzen, sondern immer die kleine dicke Fichte spielen musste.

Andreas Dresen sah diese gerade, ehrliche Sensibilität in ihm, sah, dass da jemand stille Resignation und unbeholfene Verlierer verkörpern kann wie kein anderer, Menschen, denen das Leben zerfällt. Für Dresens Film "Halbe Treppe", in dem er 2002 einen ostdeutschen Imbissbudenverkäufer spielte, erhielt Prahl den "Bayerischen Filmpreis". Und hatte tierisches Herzrasen bei der Dankesrede, denn er mag das nicht, diese Auftritte vor seiner Branche, die er ein Becken voller Haifische nennt.

Axel Prahl ist mit 1,65 Meter jenen Tick zu klein, der Männer dazu zwingt, witzig oder verbittert zu werden. Er ist witzig geworden. Und hat nach Talenten in sich gesucht, hat so viel ausprobiert, war Gleisbauer, Bierfahrer, Kellner, wollte Grundschullehrer werden, studierte Mathe und Musik, zog mit einem Freund drei Monate durch Spanien und spielte Gitarre auf der Straße. "Damals war ich schlank", sagt er, "morgens ein Brötchen, abends eine Flasche Rotwein." Und er dachte an Muttern. Aufgeben ist keine Option, hatte die ihm immer gesagt. Überhaupt Muttern. "Es gibt drei ,M' in meinem Leben", sagt Axel Prahl. "Muttern, Meer und Musik."

Axel Prahl ist mit 1,65 Meter jenen Tick zu klein, der Männer dazu zwingt, witzig oder verbittert zu werden.

Als er sechs Jahre alt war, verließ sein Vater die Familie. Ihn, seinen Bruder Udo, seine Mutter. Die arbeitete als Verkäuferin, Porzellan, Schuhe, alles, was kam. Ihre Kinder wuchsen auf in einer 50er-Jahre-Siedlung mit einer Wiese voller Kinder, dahinter das Meer, Gummitwist, Bierflaschenklauen. Samstage bei Oma und Opa auf dem Sofa, Wolldecke über den Beinen, Etagenschälchen mit Schokolade oben, darunter Erdnüsse und unten die Flips und dazu "Lassie", "Flipper", "Daktari". Später die Nächte am Lagerfeuer, Gröhlen von "Heart of Gold" und dazu einen Schluck Persiko, diesem klebrigen Kirschsaftlikör.

Eine Huckleberry-Finn-Kindheit nennt Axel Prahl dieses Leben. Seine Mutter und später auch sein Stiefvater Dieter, ein ehemaliger U-Boot-Obermaat, der beim Arbeitsamt arbeitete, lebten ihm vor, was ihnen wichtig war: Anstand und Bescheidenheit. "Wir sind einfache Leute", sagt seine Mutter, "und so haben wir den Jungen erzogen. Klare Ansagen, Höflichkeit und Respekt." Der Junge kommt in diesem Moment in einem weißen Bademantel an Deck geschlendert.

Es ist Nachmittag, es ist kühl, es gibt Freibier, und Albertus Akkermann singt "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins", als Axel Prahl an den Rand des kleinen Pools tritt, den Bademantel öffnet und ins Wasser springt. Handy-Kameras filmen ihn, er ist ganz Clown, er grinst und winkt, er ist einen Moment lang wieder die kleine witzige dicke Fichte, und er ist vor allem auch Geräusch: Er räuspert sich, er lacht, er stöhnt, er schmatzt. Aber er kann eben auch anders. Später an diesem Tag sitzt er wie eine Schildkröte auf seinem Stuhl, den Rücken zusammengezogen, die hellblau leuchtenden Augen ausgeschaltet.

Das, was wirklich weh tut, das soll niemals nach draußen. Wie die Trennung von seiner zweiten Frau Paula vor drei Jahren. Er hatte das ja alles schon einmal durchgemacht, hat zwei Töchter aus erster Ehe, die nun schon 24 und 26 sind, er kannte die Panik, wie bekomme ich die Alimente zusammen, aber diese zweite Scheidung nach zwölf Jahren war eine bittere Pille, sagt er, die Ehe scheiterte amTermindruck,seiner Prominenz, am Versuch, in der brandenburgischen Provinz Ruhe für die Familie zu finden. Anderthalb Jahre dauerte der Trennungsprozess. Reden, sagt er, ach ja, er ist ja kein reinrassiger Softie, kein "Wir müssen-mal-drüber-reden-Typ", aber eine Sachdebatte ohne Wut und Verletzung, das muss möglich sein, er hat es versucht, auch wenn es manchmal schwerfällt.

Manchmal sehnt er sich nach einem Haus mit Reetdach an der Ostsee.

Er will ein guter Vater sein für die siebenjährigen Zwillinge Helene und Theodor, sie wenigstens an den Wochenenden nehmen, oft sind sie auch bei seinen Eltern, da hopsen sie dann über die Sofas, sagt seine Mutter, und deshalb hat sie ihm auch gesagt: "Das mit den Frauen lässt du lieber, klappt sowieso nicht, und noch mehr Kinder brauchst du auch nicht."

"Wie schön, dass Du mich geboren hast", hat Axel Prahl seiner Mutter einmal zum Muttertag geschrieben. Sie sammelt diese Karten, sagt sie, auf denen steht: Du bist die beste Mutter des Tages, der Woche, des Jahres, des Lebens. "Und wenn mal Knatsch ist, dann sag ich ihm: Denk besser daran, was du mir geschrieben hast." Sie macht sich Sorgen um den Jungen, "da schwimmt er nun auf dieser Erfolgswelle, aber das kann doch alles schnell vorbei sein, und dann?" Hatten sie und Dieter ihm doch damals geraten, in einem Leben zu bleiben wie dem ihren, Beamtenlaufbahn, 13. Monatsgehalt. "Meine Eltern konnten sich nicht vorstellen, dass man vom Schauspielerberuf leben kann", sagt er. "Nehmt die Wäsche von der Leine, die Schauspieler kommen, das war das, was sie kannten.

Manchmal sehnt er sich nach einem Haus mit Reetdach an der Ostsee. Zurück in die Heimat. Er weiß nur nicht, wie das gehen soll, er braucht das ja, dieses Leben, das kracht und singt und funkelt, das sinnlich ist, und im Mund explodieren Schokolade, Brötchen mit Blutwurst und Senf, Whiskey. Schauspieler, sagt er, sind Grenzgänger, Drahtseilkandidaten, Menschen auf der Suche, die intensiver genießen, aber auch intensiver leiden.

Deshalb braucht er auch manchmal die Stille, die Einsamkeit, die aus einem herausspült, was schwer macht, obwohl, sagt er, wenn er bei seinen Eltern übernachtet am Ende der kleinen Straße, dann ist es so still, dass es weht tut. Aber es sei eine schöne Vorstellung, nur er und das Meer und seine Gitarre und ein Lied wie dieses von ihm selbst geschriebene: "Wir sind nur die Passagiere auf einer Reise ohne Ziel, keiner kennt den Käpt'n, keiner weiß, wohin der will." Als es schon dämmert an diesem letzten Morgen an Bord, sitzt Axel Prahl in seinem blauweißen Ringelhemd in einem der roten Plüschsessel. Er schläft. Er schnarcht leise. Er sieht glücklich aus.

Text: Beatrix Gerstberger Ein Artikel aus BRIGITTE 17/2013
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