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Carey Mulligan: Auf dem Weg nach ganz oben


Die Britin Carey Mulligan ist eine der größten Schauspielerinnen des 21. Jahrhunderts. Das weiß nur noch nicht jeder. Aber wenn es in der Welt irgendwie gerecht zugeht, wird sich das bald ändern. Aktuell ist sie als Daisy Buchanan in "The Great Gatsby" zu sehen.

"The Great Gatsby": Ein Film voll Prunk und Glitzer

Carey Mulligan hat gut lachen: Mit ihrer Karriere geht es steil bergauf.
Carey Mulligan hat gut lachen: Mit ihrer Karriere geht es steil bergauf.
© Anzuoni / Reuters

Carey Mulligan trägt den Umriss einer kleinen Möwe auf dem rechten inneren Handgelenk. Das wäre jetzt nicht besonders erwähnenswert, viele junge, 27-jährige Frauen haben ja irgendwo ein Tattoo, das chinesische Schriftzeichen für Baum, das Maori-Wort für Einfamilienhaus, einen ironischen Anker, solche Dinge. Doch bei der britischen Schauspielerin Carey Mulligan, so hat man den Eindruck, ist die Möwe tatsächlich ein Schlüssel zu ihrer Persönlichkeit. Oder, um es mal tiefer zu hängen: zumindest ein guter Gesprächsöffner bei einem Treffen mit ihr, denn "über die Möwe könnte ich stundenlang reden", wie sie freudestrahlend erklärt. "Ich habe vor ein paar Jahren die Nina in 'Die Möwe' gespielt, hier in London am Theater. Es war das Beste, was ich je gespielt habe. Seitdem suche ich überall nach ihr." Sie sieht plötzlich etwas traurig aus. "Ich habe sie so geliebt."

"The Great Gatsby" wird Carey Mulligan endgültig groß rausbringen

Eine unglückliche Liebe: Daisy Buchanan (Carey Mulligan) und Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio) in "The Great Gatsby".
Eine unglückliche Liebe: Daisy Buchanan (Carey Mulligan) und Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio) in "The Great Gatsby".
© Courtesy of Warner Bros. Pictures

Carey Mulligan, blond gefärbte kurze Haare, lässiger weiter Hosenanzug, sitzt in einer Suite des piekfeinen Hotels "Claridge's" in ihrer Heimat- und Geburtsstadt London. Sie soll hier Interviews zur Neuverfilmung von "Der große Gatsby" geben, dem Roman-Klassiker von F. Scott Fitzgerald, sie spielt in dem Film Gatsbys große Liebe Daisy. Es ist eine teure, extrem aufwändige Produktion des für Opulenz - siehe "Moulin Rouge" - bekannten Regisseur Baz Luhrmann: 20er-Jahre Kostüme, rauschhafte Bälle, Massen-Tanzszenen, Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle, ein Blockbuster in 3-D. Der Film ist zum Zeitpunkt des Interviews noch keinem gezeigt worden, auch der Presse nicht. Aber es ist nicht vermessen zu sagen, dass er Carey Mulligan einem sehr großen Publikum bekannt machen und sie vermutlich endgültig groß rausbringen wird. Doch statt über den Film redet sie mit eindeutig noch mehr Begeisterung über ein Theaterstück von Anton Tschechow, aufgeführt am Royal Court Theatre 2007. Und Nina, die sie liebt.

Okay, lass dir dieses Möwen-Tattoo stechen, von dem du schon so lange redest, und du bekommst die Rolle.

Wenn man etwas über Carey Mulligan erfahren will, sollte man sie also nach ihrem Beruf fragen. Ihr Privatleben schätzt sie als privat, sie wird am persönlichsten, wenn sie über ihre Arbeit reden darf. Das heißt: wenn sie denn darf. Und die Leute sie nicht nach ihrer Frisur und ihren Klamotten und ihrem Liebesleben fragen, was sehr oft passiert, weil das eben alle jungen und einigermaßen trendbewussten Filmschauspielerinnen gefragt werden. Daher für alle, die nicht so oft ins Kino gehen, hier eine kurze Erklärung zur Person: Carey Mulligan ist die junge britische Schauspielerin, die sich vor ein paar Jahren die langen braunen Haare abschnitt und plötzlich mit einem trendigen Kurzhaarschnitt auf den roten Teppichen erschien. Außerdem ist sie seit vergangenem Jahr mit Marcus Mumford verheiratet, dem Sänger der ziemlich erfolgreichen FolkBand "Mumford & Sons".

Konsequent und kompromisslos in der Karriere

Wenn man dagegen öfter ins Kino geht, kennt man Carey Mulligan als Teenager in dem Film "An Education", als junge Frau in der düsteren Utopie "Alles, was wir geben mussten", als alleinerziehende Nachbarin von Ryan Gosling im Thriller "Drive" und als die Schwester des von Michael Fassbender gespielten sexsüchtigen Mannes in "Shame". Und spätestens wer sie dort gesehen hat, wie sie in extremer Nahaufnahme eine sehr, sehr langsame Version von "New York, New York" singt, von Anfang bis Ende, wird sie nicht mehr vergessen.

"Ja, das war eine Rolle, die ich unbedingt wollte. Sie ist Nina aus 'Die Möwe' ein bisschen ähnlich." Das hat sie damals übrigens auch dem Regisseur von "Shame", Steve McQueen, erzählt. "Er sagte dann zu mir: Okay, lass dir dieses Möwen-Tattoo stechen, von dem du schon so lange redest, und du bekommst die Rolle." Es war natürlich ein Scherz. Und natürlich stand sie trotzdem am nächsten Tag im Tattoo-Studio. Carey Mulligan ist ihre gesamte junge Karriere so konsequent und kompromisslos angegangen.

Selbst wenn sie weit weg auf einer Theaterbühne steht, glaubt man als Zuschauer, man sehe eine Nadelspitze in Nahaufnahme.

Sie war sechs Jahre alt, als sie beschloss, Schauspielerin zu werden, sie hatte gerade die Aufführung eines Schul-Musicals gesehen. Andere Sechsjährige sagen das einfach so, KleinCarey aber war es bitterernst. In ihrer Familie hatte keiner einen künstlerischen Beruf, ihr Vater war Hotelmanager und zog mit seiner Familie oft um (weswegen sie übrigens auch einige Jahre ihrer Kindheit in Düsseldorf verbrachte, "aber ich kann leider kein Deutsch mehr sprechen, ich habe alles vergessen").

Mit 19 Jahren bewarb sie sich heimlich an einigen britischen Schauspielschulen - und wurde abgelehnt. "Es gab aber einfach nichts anderes, was ich mir vorstellen konnte, den Rest meines Lebens zu machen. Ich wollte nur schauspielern. Und deswegen musste ich auch alles dransetzen, um das tun zu können." Der einzige Mensch, der beruflich mit Theater und Film zu tun hatte und den sie zu dem Zeitpunkt kannte, war der Drehbuchautor Julian Fellowes, Autor von Filmen wie "Gosford Park". Wobei "kennen" hieß: Fellowes war einmal an ihrer alten Schule für einen Vortrag zu Gast gewesen. Sie ließ sich die Telefonnummer geben und fragte ihn, ob er sie mit ein paar Casting-Leuten bekannt machen könnte. Sie war 19, jobbte in einem Pub, hatte keine schauspielerische Ausbildung und keine Erfahrung vor der Kamera, Fellowes hätte also schallend lachen und einfach auflegen können. Aber stattdessen war er so beeindruckt von ihr, dass er ihr letztlich ein Vorsprechen für die Jane-Austen-Verfilmung "Stolz und Vorurteil" verschaffte.

Dort suchte man für die kleineren Rollen unbekannte neue Gesichter. Sie bekam die Rolle der Kitty Bennet. Und sah sich plötzlich auf der Leinwand neben Keira Knightley wieder, die damals schon ein Star war und mit der Carey Mulligan noch heute gut befreundet ist. "Das war schon verrücktes Glück", sagt sie und sieht dabei so aus, als könne sie das immer noch nicht glauben.

Mit einem kleinen Film zum großen Erfolg

Carey Mulligans Karriere wäre damit eigentlich das ideale Erfolgsbeispiel in irgendwelchen "Wenn du etwas wirklich willst, kannst du es auch schaffen"-Selbsthilfe-Ratgebern. Doch bei ihr kommt zu unbedingtem Willen auch unbedingtes Talent. Und ihr Talent ist es, Gefühle so zu zeigen, "dass selbst, wenn sie weit weg auf einer Theaterbühne steht, man als Zuschauer glaubt, man betrachte das emotionale Äquivalent einer Nadelspitze in Nahaufnahme", wie es ein Kritiker der "New York Times" ausdrückte.

Nach ihrem Karrierestart wurde ihr "verrücktes Glück", wie sie es nennt, jedenfalls noch viel verrückter. "An Education" war ein kleiner, feiner Film nach einem Drehbuch von Nick Hornby, recht schnell abgedreht, "ich dachte, den wird kein Mensch sehen, wahrscheinlich kommt der direkt auf DVD raus". Stattdessen wurde der Film ein Hit auf internationalen Festivals und 2010 überraschend für den Oscar nominiert. Und sie, die vollkommen unbekannte junge Schauspielerin, ebenfalls: als beste Hauptdarstellerin, in einer Kategorie mit Sandra Bullock, Helen Mirren und Meryl Streep. "Ja, das war schon verrückt", sagt Mulligan noch mal.

Carey Mulligan spielt in Baz Luhrmanns Neuverfilmung von "Der große Gatsby" Daisy Buchanan.
Carey Mulligan spielt in Baz Luhrmanns Neuverfilmung von "Der große Gatsby" Daisy Buchanan.
© Matt Hart

Wer den Film gesehen hat, findet es allerdings gar nicht so sehr verrückt, sondern fragt sich eher, warum sie das Ding damals nicht auch gewonnen hat (die Trophäe ging letztendlich an Sandra Bullock). Mulligan spielt den 16-jährigen Teenager Jenny, der sich in einen wesentlich älteren Mann verliebt und das erste Mal die großen Freuden und dann die großen Enttäuschungen des Erwachsenenlebens spürt. Sie spielt es so eindrücklich und wahrhaft, dass sie mit einem Zucken des Mundwinkels, einem einzigen Blick ihr Alter und ihre Lebenserfahrung von Kind auf eine Frau von 30 plus Jahren hochschrauben kann und wieder zurück. Auch im wahren Leben, beim Gespräch im Londoner Hotel, wirkt sie eigenartig alterslos. Einerseits sieht sie sehr jung aus, sie hat auch mit 27 Jahren noch ein nahezu kindliches, unbeschwertes Grübchen-Lächeln. Das passende Adjektiv dazu wäre, wenn es nicht so blöd klingen würde: "süß". Gleichzeitig ist da aber ihre irritierend dunkle, warme Stimme und ein stets leicht melancholischer Zug um die Augen, der sie deutlich reifer wirken lässt.

Ohne Filmkritiken und Internet geht's auch

Abgebrüht ist sie allerdings noch längst nicht. "Als vor zwei Jahren feststand, dass ich die Rolle im 'Großen Gatsby' spiele, habe ich idiotischerweise im Internet nachgeschaut und fand Kommentare über Kommentare darüber, dass ich als Daisy die totale Fehlbesetzung sei, weil ich nicht hübsch genug dafür bin", sagt sie, und für einen langen Moment sieht sie sehr verletzt aus. Sie gibt zu, dass sie damals weinend ihre Mutter angerufen hat. "Die sagte: Warum liest du das überhaupt?" Es war ihr kein Trost. Seither vermeidet sie es, im Internet nach Filmkritiken oder Foren-Einträgen über sich zu suchen, "und wenn es nach mir ginge, würde ich in einem Haus wohnen, in dem es überhaupt kein Internet gibt".

Auch wenn "Der große Gatsby" nun im Mai die Filmfestspiele in Cannes eröffnet und dann auch in den Kinos anläuft (in Deutschland ab 16. Mai), will sie nichts, rein gar nichts darüber lesen: "Jeder kennt das Buch und hat eine Meinung dazu, wie es umgesetzt werden sollte, und der Film wird zweifellos die Erwartungen vieler Leute nicht erfüllen. Aber man kann nicht jedem gefallen." Die bekannte Verfilmung des Romans von 1974 mit Robert Redford und Mia Farrow hat sie sich übrigens nie angeschaut. "Das wäre Eigensabotage. Ich hätte das niemals anschauen können, ohne danach unbewusst Mia Farrow als Daisy zu imitieren", erklärt sie. Und erzählt weiter: "Als ich 'Die Möwe' am Theater gespielt habe, habe ich irgendwann zufällig im Fernsehen die Verfilmung gesehen, in der Vanessa Redgrave die Nina spielt. Und für drei Abende in Folge konnte ich Nina nicht so spielen wie vorher, sondern kam als Vanessa Redgrave auf die Bühne. Ich konnte nicht anders."

Da ist sie wieder, die Möwe, die Rolle ihres Lebens. Die Nina in dem Tschechow-Stück ist übrigens eine junge Frau, die sich nichts auf der Welt mehr wünscht, als Schauspielerin zu werden, und an ihren Träumen scheitert. Zum Glück ist Carey Mulligan nicht Nina.

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Sonja Niemann, hat im Flugzeug nach London zur Vorbereitung des Interviews erstmals nach 22 Jahren wieder den Roman "Der große Gatsby" gelesen. Und möchte den Klassiker um unerwiderte Liebe jedem ans Herz legen - als Buch. Ganz egal, wie man den Film von Baz Luhrmann findet.

Text: Sonja Niemann BRIGITTE 11/2013

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