Schauspielerin Carice van Houten: Die Sichtbare

Die Niederländerin Carice van Houten wollte nur Schauspielerin werden, um sich endlich nicht mehr unsichtbar zu fühlen. Das hat gut funktioniert: Inzwischen darf sie Filmpartner Tom Cruise am Set von "Operation Walküre" ungestraft als "Dickerchen" bezeichnen.

Das Mädchen wuchs in einem Wald in den Niederlanden auf. Sein Vater nahm es manchmal mit in die Stadt, in ein klassisches Konzert oder einen fünf Stunden langen Stummfilm über Napoleon. Da war das Mädchen fünf Jahre alt.

Das Mädchen liebte die Musik, die immerzu im Haus war, Klassik oder die Beatles, dazwischen gab es nichts für seinen Vater. Aber es sehnte sich nach einem normalen Leben in einem Reihenhaus, es wollte keine Baumhäuser wie seine Geschwister bauen, es wollte leben wie die anderen Kinder aus seiner Schule. Mit 12 stand es das erste Mal auf einer Bühne und dachte: Endlich, die Menschen bemerken mich. Denn das Mädchen glaubte bis dahin, dass es unter einer Art Zaubermantel lebte: Niemand sah es, so sehr es sich auch bemühte. Als es erwachsen war, drehte das Mädchen Filme und wurde berühmt, erhielt zweimal das Goldene Kalb, den wichtigsten niederländischen Filmpreis, wurde für den Europäischen Filmpreis und den Deutschen Filmpreis nominiert, küsste Leonardo DiCaprio und verliebte sich in einen dunkelhaarigen Mann, weil der einer war, der dem Mädchen schon ins Herz gefahren war, als es nur ein Bild von ihm gesehen hatte. Mit diesem Mann, der ein berühmter Schauspieler ist und der es die schönste und wunderbarste Frau der Welt nennt, fuhr es in einem teuren Kleid und mit sorgfältig zu einem roten Herzen geschminkten Lippen zur Oscar-Verleihung. Sie saßen in einer verdunkelten Limousine, gingen über rote Teppiche. Oder sie fuhren zu den Golden Globes, wurden zu privaten Partys in Hotelzimmer eingeladen, und das Mädchen saß nur einen Meter von Prince entfernt und dachte: Wahnsinn. Das bin ich. Carice van Houten. 32 Jahre alt - und alles in ihrem Leben scheint plötzlich erreichbar.

Auf der Bühne hatte sie die Kraft entdeckt, die sie im normalen Leben lange nicht gefunden hatte. Nach dem Gymnasium ging sie an eine Theaterschule in Amsterdam. Sie wollte weg von zu Hause, der Scheidung, die dort lief, doch plötzlich merkte sie: Sie hatte sich das Leben - entfernt von der Familie - groß gedacht, aber nicht bedacht, dass auch die Einsamkeit die gleiche Größe besitzen würde. In ihr drinnen war alles auf einmal Schwere, sie ertrug ihr kleines Zimmer nicht, fühlte sich eingesperrt, spürte, ich kann mich selbst nicht durchs Leben tragen. Sie verschlief, wurde krank, war fast nie in der Schule. Sie musste die Wohnung verlassen, um freizukommen, konnte nicht allein sein. "Ich war ein Tramp", sagt sie, "ein kleiner Charlie Chaplin, zog mit meiner Plastiktasche und meinem Bären durch Cafés und Bars." Blau nennt sie diesen Zustand von damals. "Es war gut, dass ich nicht trank oder Drogen nahm, ich weiß nicht, ob ich sonst noch hier wäre."

Jede Nacht ging sie raus, zuerst in die Cafés, bis diese schlossen, dann in die Discostraße; am Ende brachte irgendein Türsteher sie nach Hause. Schließlich verliebte sie sich in einen Jungen, ein Tramp wie sie. Sie saß in dieser Jungswohnung, in der Karten gespielt, Whiskey getrunken und Tom Waits gehört wurde, und spürte plötzlich wieder, wohin ihre Sehnsucht ging. Und zeigte in einer Theatershow in der Schule, dass sie trotz ihrer Fehlzeiten Talent hatte. Sie durfte bleiben.

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Zwischen dem Unglück von damals und dem Glück von heute gab es das T-Shirt mit dem Bild des holländischen Fußballgottes Johan Cruyff. Sie trug es in einem Café, plauderte dort mit einem älteren glatzköpfigen Mann, und dann rief am nächsten Tag jemand an der Schule an und fragte nach dem Mädchen mit dem Cruyff-T-Shirt. Der ältere Mann war ein Casting-Direktor, und sie hatte ihre erste Filmrolle. "Vielleicht ist es ja das", sagt sie heute, "vielleicht bin ich auch oft im richtigen Moment am richtigen Platz."

Vielleicht ist es auch das Gespür für Herausforderungen, das sie weiterbringt. Als der Regisseur Paul Verhoeven sie fragte, ob sie die Hauptrolle in "Black Book" spielen wolle - der Geschichte über die Liebe zwischen einer Jüdin und einem Nazi-Offizier -, da hatte sie zuvor eine Dokumentation über ihn gesehen und gedacht: O Gott, die Schauspielerinnen sind alle so dünn und essen nichts, weil er ihnen keine Zeit lässt. Aber gleichzeitig dachte sie: Ich bin bereit für so jemanden.

Und dann war da dieser Moment, in dem sie googelte, wer den Offizier spielen würde, den sie im Film verführen muss. Sie sah ein Bild des deutschen Schauspielers Sebastian Koch und denkt heute, sie hat sich sofort in ihn verliebt. Als sie sich das erste Mal treffen, steht sie mit dem Rücken zur Tür, hört, wie er hereinkommt, und denkt immerzu: Das ist er. Verhalt dich normal. "Hey!", sagt sie, als sei sie nicht besonders interessiert, und er sagt heute: "Das stand doch schon auf deiner Stirn geschrieben, was du gefühlt hast."

"Ich kann einfach nicht lügen", sagt sie. "Ich erröte dann wie ein Idiot." Sie kann es heute noch sehen, wenn sie sich "Black Book" anschaut. Wie Sebastian ihr auf einem Bahnsteig die Hand schüttelt und sie errötet, weil sie ihre Gefühle nicht verstecken kann. "Trotz Make-up, o mein Gott", sagt sie. "Black Book" machte sie 2006 international bekannt. Und Sebastian Koch brachte ihr bei, dass man lernen muss zu sagen: Ich will dies und das nicht. Anfangs wollte sie es allen recht machen, packte in Interviews ihr ganzes Leben auf den Tisch und merkte zu spät: Es ist ja nicht fair, weil sich die Familie nicht verteidigen kann.

Sie wurde als neues Bond-Girl gehandelt, spielt die Frau des Widerstandskämpfers Stauffenberg neben Tom Cruise in "Operation Walküre" und musste vorher nicht mal ein Casting machen. Sie nennt Tom Cruise einen "sehr netten, positiven und offenen Mann" und ist erstaunt über die Aufregung, die der Film schon während der Dreharbeiten verursachte. Vielleicht, sagt sie, mag sie Tom Cruise auch, weil er Humor hat. "Komm her, Dickerchen, lass uns tanzen", hat sie ihm vor einer Aufnahme zugerufen, und er habe gelacht.

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In den letzten Jahren wurde sie von Festival zu Festival gereicht und sah faszinierende Dinge: Reichtum, Luxus, wunderbare Hotels. Aber sie war müde und verwirrt und spürte, dass sie auch die Struktur zu Hause in Amsterdam braucht. Auf dem Dach sitzen, Gitarre spielen mit Sebastian, die Nächte mit den Menschen, die sie liebt, Spiele spielen und den Freunden sagen: Holt mich runter, wenn ich anfange, mich wie eine Diva zu benehmen. Denn das Leben hat ja auch andere Bilder. Der Vater wurde sehr krank, und sie war gleichzeitig überall und immer wieder im Krankenhaus und spürte: Man darf nie vergessen, woher man kommt. Der Vater, die Geschwister, die Mutter, die sich von der Telefonistin eines Senders zur Leiterin der Rechtsabteilung hocharbeitete, diese Familie, die sie gelehrt hat, dass das, was sie jetzt erlebt, nicht das wirkliche Leben ist und dass man gleichzeitig dankbar dafür sein muss.

Gerade hat sie erfahren, dass ihr Part aus dem Ridley-Scott-Film "Der Mann, der niemals lebte" herausgeschnitten wurde. "Shit happens", sagt sie nur. Weil sie ja weiß, warum sie eigentlich spielt. Vor allem im Theater: "Wenn du eine traurige oder dramatische Szene hast und das Publikum mit dir atmet, dann ist das der Moment, in dem niemand mehr allein ist, in dem es ein gemeinsames Verstehen gibt. Dann ist Spielen Magie." Nur Liebesszenen im Film, die seien immer noch irgendwie beängstigend. Und weil es sie nervös macht, wenn andere nervös werden, kommt sie gern so auf die Filmcrew zu: "Darf ich vorstellen, das ist Tom, das ist Bob. Wir haben das Vergnügen, heute mit Ihnen zu arbeiten." Packt dann ihre Brüste aus. Und ist erleichtert, wenn die Spannung dem Lachen weicht. So wie damals, als die Maskenbildnerin ihr für "Black Book" eine Schamhaarperücke bastelte. Da saß diese Frau zwischen ihren Beinen, klebte ihr die falschen Haare an, und Carice van Houten dachte nur: "Was für einen Beruf hast du dir bloß ausgesucht."

Ihr Gesicht ist vom Fotoshooting perfekt geschminkt, an ihrer Strickjacke fehlt ein Knopf. Sie hat etwas Altmodisches. Nie hat sie "Sex and the City" angesehen, es macht sie zornig. "Dies soll das Leben junger Frauen sein? Nur über Sex, Schuhe und Drinks reden?" Und dann erhielt ausgerechnet sie den "Elle-Personal-Style-Award". "Ich habe ja erst gedacht, die irren sich", sagt sie. Sie mag Kleider, Farben, Kunst: "Aber ich - eine Stil- Ikone? Ein Knopf fehlt, ein Absatz, ich bin niemals perfekt. Ein Mädchen."

Das Mädchen sagt, dass ihr Freund gutes Essen und gute Weine liebt, und sie selbst isst wie ein Kind. Sie liebt Spaghetti mehr als alles andere. Und wenn sie sich einsam oder krank fühlt, dann schaut sie die Simpsons. Es ist gut, wenn das Leben sich immer wieder mit den einfachsten Mitteln zusammensetzen lässt.

Text: Beatrix Gerstberger Fotos: Klaus Lange Ein Artikel aus der BRIGITTE 03/2009
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