Sigourney Weaver: "Frauen sind nun mal stark"

Starke Frauenrollen sind ihr Fachgebiet. Doch Sigourney Weaver hat ihr Leben lang an sich selbst gezweifelt. Jetzt erzählt sie, warum sie erst heute sagen kann: "Ich muss mir nichts mehr beweisen".

Die Revolution begann, als Sigourney Weaver 1979 im durchgeschwitzten Unterhemd das grausigste Monster der Kinogeschichte bezwang: "Alien". Als erster Frau gelang ihr damit der Durchbruch im Action-Genre. Seitdem ist die heute 59-Jährige immer wieder als willensstarke, entschlossene Frau zu sehen: Sie kämpfte als Biologin in "Gorillas im Nebel", trotzte einem Serienkiller in "Copykill" oder erledigte in "Die Waffen der Frauen" selbst mit Gipsbein noch ihren Job als fiese Chefin.

BRIGITTE: Es gibt von Ihnen folgende Geschichte: Als Kind fragten Sie Ihre Mutter, ob Sie hübsch seien. Und die Antwort Ihrer Mutter war: "Nein, du bist nicht sehr hübsch." Prägt einen das fürs Leben?

Sigourney Weaver: So ein Satz war typisch für meine Mutter. Viele Mädchen mussten sich früher so etwas von ihren englischen Müttern anhören. Die hatten alle eine viktorianische Einstellung und wollten nicht, dass ihre Töchter eingebildet werden. Wahrscheinlich habe ich meiner Tochter deshalb immer gesagt, sie könne über Wasser laufen. Denn wenn die eigene Mutter einen nicht ermutigt, wer sonst? Das war meine Reaktion auf den Mangel an Großherzigkeit meiner Mutter. Mit 17 war ich einfach froh, als ich ein bisschen Make-up auftragen durfte, um nicht mehr so schlicht auszusehen. Andererseits haben mich die Worte meiner Mutter auch dazu ermutigt, großen Wert auf meine Ausbildung zu legen.

BRIGITTE: Ihren heutigen Beruf lernten Sie an der Yale School of Drama, in der Parallelklasse von Endlich frei Meryl Streep. Gab es dort die Anerkennung, die Sie zu Hause vermissten?

Sigourney Weaver: Leider gar nicht. In Yale sagten mir meine Lehrer, dass ich nicht talentiert genug fürs Theater sei. Da die Fakultät ziemlich streng zu uns allen war, hatte ich nach dem Abschluss gar keine Lust mehr auf die Schauspielerei. Nur weil viele Freunde, die selbst Autoren und Regisseure waren, mir immer wieder Rollen anboten, machte ich weiter.

BRIGITTE: Sie haben seitdem rund 40 Filme gedreht. Welcher bedeutet Ihnen am meisten?

Sigourney Weaver: Das war vielleicht "Snow Cake" von 2005, in dem ich eine autistische Mutter spiele. Für diese Rolle habe ich ein Jahr recherchiert. Ich denke nicht, dass ich zu einem früheren Zeitpunkt den Mut gehabt hätte für eine solche Rolle. Das war für mich ein Wendepunkt.

BRIGITTE: Inwiefern?

Sigourney Weaver: Da mir meine Lehrer in Yale nie viel zugetraut haben, hatte ich seitdem immer das Gefühl, mich beweisen zu müssen. Erst seit drei Jahren, seit "Snow Cake", habe ich das nicht mehr.

BRIGITTE: Sie und Zweifel? Sie waren doch durch Ihre Rolle der Ellen Ripley in "Alien" die erste Action-Heldin Hollywoods.

Sigourney Weaver: Diese Rolle war großartig. Ohne sie wären mir viele Drehbücher sicher gar nicht erst zugeschickt worden, wie zum Beispiel "Gorillas im Nebel". Ständig fragen mich Leute, ob es noch einen fünften Teil von "Alien" geben wird, aber die Produktionsfirma Fox will es wohl dabei belassen. Dabei würden die Zuschauer es lieben. Und auch ich vermisse die Gesellschaft der Ellen Ripley.

Auf der nächsten Seite: Welche Rolle Feminismus für Sigourney Weaver spielt.

BRIGITTE: Was genau finden Sie an dieser Frauenfigur so faszinierend?

Sigourney Weaver: Sie ist einfach so anders als ich. Ich schätze Menschen, die nicht gleich in Tränen ausbrechen, wenn etwas nicht klappt. Ellen Ripley hat immer einen Plan B zur Hand. Ich habe in die Rolle die Persönlichkeit einer guten Freundin eingearbeitet. Mit ihr war ich gestern noch wandern.

BRIGITTE: Sie bezeichnen sich selbst ja als Feministin. Was heißt das heute eigentlich? (Sie überlegt.)

Sigourney Weaver: Ich wurde von einer Frau erzogen, die sehr leistungsfähig war. Meine Mutter hat in mir früh den Glauben geweckt, dass die Arbeit eine große Chance für die Frau ist, um sich zu behaupten. Ich finde, dass die Frauen das heutzutage großartig meistern. Es gibt so viele, die Unternehmen leiten und trotzdem gute Mütter sind. Und auch wenn ich nicht viel über Ihre Bundeskanzlerin weiß, kann ich sagen, dass sie das Bild einer fähigen Frau verkörpert. Es sollten mehr Frauen in die Regierungen, die Männer haben genug getan.

BRIGITTE: Haben noch andere starke Frauen Ihr Leben beeinflusst?

Sigourney Weaver: Als junges Mädchen habe ich Golda Meir, die erste Premierministerin Israels, sehr bewundert. Außerdem bin ich mit Büchern aufgewachsen, in denen Frauen die Führung übernommen haben.

BRIGITTE: Suchen Sie sich deshalb bevorzugt die starken Frauencharaktere in den Drehbüchern aus?

Sigourney Weaver: Frauen sind nun mal stark, da muss ich nicht lange suchen. Sie halten die Welt zusammen. Frauen sind inspirierend, sie haben so viel Humor und besitzen oft großartige Seelen. Bei den Männern bin ich mir da nicht so sicher (lacht). Die Männer nehmen sich im Vergleich immer viel mehr zusammen und warten mit ihren Emotionen bis zur nächsten Geschäftsreise.

BRIGITTE: Wie haben Sie denn früher die Prioritäten gesetzt, wenn es um die Balance zwischen Job und Familie ging?

Sigourney Weaver: Ich hätte es gehasst, eine erfolgreiche Geschäftsfrau zu sein, die den ganzen Tag telefoniert und auf ihren Blackberry starrt. Erfolg ist für mich, wie Jackie Kennedy es einst formuliert hat: "Wenn du schon bei der Kindererziehung versagst, ist es völlig egal, welche anderen Dinge du gut machst." Auch wenn mir meine Arbeit immer wichtig war, habe ich mich zuallererst um mein Zuhause gekümmert.

BRIGITTE: Ihre Tochter Charlotte ist jetzt 18 Jahre alt. Ermutigen Sie sie, in die Filmbranche einzusteigen?

Sigourney Weaver: Nein, sie möchte auf keinen Fall Schauspielerin werden, obwohl ich denke, dass es ihr im Blut liegt. Aber schon als kleines Mädchen hat sie jeden weggestoßen, der ein Autogramm von mir wollte. Sie ist mit dem Starrummel aufgewachsen und will ihn ganz bewusst nicht in ihrem Leben. Sie wird wohl eher Mode entwerfen oder Songs schreiben.

BRIGITTE: Und wie sehen Sie heute Ihre eigene Mutter? Viele Menschen werden ja gnädiger mit den Eltern, sobald sie selbst Kinder haben.

Sigourney Weaver: Meine Mutter war immer sehr förmlich. Wir haben nie einfach entspannt Zeit miteinander verbracht, wie Töchter und Mütter das heute tun. Wir haben so viele Dinge nie gemacht, wie zum Beispiel zusammen in Urlaub zu fahren. Um meine Mutter zu erreichen, musste ich etwas mit ihr gemeinsam tun. Mit elf Jahren half ich ihr deshalb, unsere Wohnung in Frankreich einzurichten. Aber erst nachdem mein Vater gestorben war, habe ich mich so richtig aktiv um sie gekümmert. Im letzten Sommer ist meine Mutter mit 94 Jahren gestorben.

Auf der nächsten Seite: Sigourney Weaver über Nachwuchs-Stars und Paparazzi-Terror.

BRIGITTE: In Ihrem aktuellen Film "The Girl In The Park" spielen Sie eine Mutter, die nach der Entführung ihrer kleinen Tochter nicht mehr ins Leben zurückfindet. Wie schwer war es, sich auf diese neue Rolle einzulassen?

Sigourney Weaver: Ein Kind zu verlieren und nicht zu wissen, was mit ihm passiert ist, ist der Albtraum aller Eltern. Einige Szenen konnte ich erst gar nicht spielen, obwohl ich beim Lesen des Drehbuchs von dem Mut meiner Figur so beeindruckt war. Von dem unerschütterlichen Glauben der Mutter, dass ihr Kind noch lebt. Die Rolle hat mich sehr gefordert, ich habe so etwas nie zuvor in dem Maße erlebt. Aber es ist eine dieser unglaublichen Geschichten, die man unbedingt erzählen sollte.

BRIGITTE: Kate Bosworth, ein aufstrebender Hollywoodstar, spielt neben Ihnen eine tragende Rolle. Wie ist es, wenn eine so erfahrene Schauspielerin wie Sie mit dem Nachwuchs zusammenstößt?

Sigourney Weaver: Ehrlich gesagt war ich beeindruckt. Wie professionell diese junge Frau mit der Klatschpresse umgegangen ist! Wir wurden von so vielen Paparazzi verfolgt, aber sie war nie unhöflich, hat sich nie stören lassen. Ich weiß nicht, ob ich mich in der heutigen Zeit noch mal für die Schauspielerei entscheiden würde. Das bedeutet ja mittlerweile den Verlust jeder Privatsphäre.

BRIGITTE: Wieso? Von Ihnen gibt es doch bis heute nicht so viele Paparazzi-Bilder wie von den meisten Ihrer Kolleginnen.

Sigourney Weaver: Nun, ich lebe in New York, nicht in Los Angeles, wo es überall Paparazzi gibt. Die stecken dort in jeder Ecke, sie sind wie Zombies. In New York verhält sich die Presse sehr viel unaufgeregter. Außerdem bin ich denen privat wohl zu langweilig.

Das ist ihre neue Rolle

Beim Versteckspielen auf dem Spielplatz verschwindet die dreijährige Maggie spurlos. Ihre Mutter Julia (Sigourney Weaver) zerbricht beinahe an diesem Verlust: Sie zieht sich zurück und lässt niemanden mehr an sich heran - weder ihren Ehemann, der sie irgendwann verlässt, noch ihren Sohn Chris, der seine Schwester einfach nicht ersetzen kann. Das ändert sich erst, als sie 15 Jahre später der mittellosen Louise (Kate Bosworth) begegnet. Julia glaubt, in der jungen Frau ihre verlorene Tochter zu erkennen, und schöpft zum ersten Mal neuen Lebensmut. Die anderen Familienmitglieder sind sich jedoch nicht so sicher... Ein streckenweise sehr schmerzhaftes, beeindruckendes Psychodrama, das besonders von der gegensätzlichen Dynamik zwischen der spröden Julia und der freizügigen Louise lebt. Und ein kleiner Geheimtipp: "The Girl In The Park" läuft in Deutschland nicht im Kino, sondern erscheint am 24. Oktober direkt auf DVD (Sunfilm Entertainment).

Über Sigourney Weaver

Sigourney Weaver wurde am 8. Oktober 1949 als Susan Alexandra Weaver in New York geboren. Sie ist die Tochter der britischen Schauspielerin Elisabeth Inglis, ihr Vater war in den 50ern der Präsident des NBC Television Network. Den Namen Sigourney gab sie sich als Teenager selbst - nach einer Nebenfigur des Romans "Der große Gatsby". Die Schauspielerin lebt heute mit ihrem Mann, Regisseur Jim Simpson, und ihrer gemeinsamen Tochter Charlotte in Manhattan.

Interview: Melanie Heym Foto: Getty Images Ein Interview aus der BRIGITTE 21/08
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