Steffen Seibert: "Meine Frau hat mich sehen gelehrt"

Warum man mit Steffen Seibert gut Frauenfilme gucken kann und was er sonst noch mag: der kulturelle Lebenslauf des Nachrichtenmannes.

1960-1972

Zu Hause sind immer Bücher um mich herum, tausende. Man redet über Bücher, man lebt mit Büchern. Nicht zuletzt deshalb, weil mein Vater einen Verlag für Kunstbücher hat. Da wir häufig umziehen, müssen die vielen Bände ständig in Kisten verpackt und später wieder ausgepackt werden. Ich liebe den Staub, den Geruch, ich könnte tagelang zusehen. Als ich zwölf bin, lassen sich meine Eltern scheiden, meine Mutter und ich ziehen nach Hannover. Aber die Liebe zu Büchernist geweckt. Bis heute bin ich ein manischer Leser.

1966

Ich habe eine Schallplatte mit so einem Kinderkrimi, den Namen weiß ich nicht mehr, die ich rauf und runter höre. Dabei mache ich mir vor Schiss fast in die Hose. An einer Stelle schleichen sich die Kinder in einen Keller, das ist so aufregend, dass es mich völlig fertig macht. Daran hat sich nichts geändert: Mir graust immer noch bei Thrillern. Ich lasse mich einfach nicht gern von etwas unterhalten, das mit meinen schlimmsten Ängsten spielt. Niemals wird mich irgendwer in "Das Schweigen der Lämmer" kriegen!

1977

Mit 17 lerne ich in Hannover Magdalena kennen, bis heute eine ganz enge Freundin. Sie eröffnet mir eine neue Welt: die der Popmusik und des Ausgehens. Magdalena wohnt mit ihren Schwestern bei ihrem Vater unterm Dach, so eine richtige Mädchenhöhle. Auf prähistorischen Plattenspielern hören wir dort Earth, Wind & Fire, Stevie Wonder, Bryan Ferry - super sachen. Ich finde diese Mädchen toll, ihre Musik, die ganze Atmosphäre, und häng mich da dran. Abends gehen wir ins "Casablanca" in Hannover, eine Disco, damals ganz weit vorn und meine erste Disco überhaupt. Die Musik dieser Zeit hat meinen Geschmack geprägt - ich nenn’s mal einen Happy-Seichtpop-Disco-Geschmack. Und den hab ich eigentlich nie abgelegt.

1978

Führerschein. Um den bezahlen zu können, verkaufe ich die Klarinette, die ich mal gespielt habe. Der Erlös reicht ziemlich genau, und geübt habe ich zum Schluss sowieso kaum noch. Ein Fehler, wie ich heute weiß: Ich gäbe was drum, wenn ich spielen könnte.

1981

Hamburg, mein erstes Semester an der Uni. In einer englischen Bibliothek ziehe ich völlig willkürlich ein Buch aus dem Regal. Es ist der erste Band von Anthony Powells Romanzyklus "A dance to the music of time", eine Art englischer Proust. Ich hätte sonstwas erwischen können, aber ich erwische das Werk meines Lebens. Das nächste Dreivierteljahr lese ich nichts anderes, nur Powell, sämtliche Bände. Gigantisch! Ich lebe quasi in dieser Welt, dem London der Zwischen- und Nachkriegszeit. Später gehe ich zum Studium nach London. Noch heute lebe ich mit den Figuren, denke oft: Ach, der ist doch wie der und der bei Powell.

1985

Magdalena macht mich mit Sophia bekannt (ja, Kuppeln kann tatsächlich klappen!). Seitdem sind wir ein Paar. Anfangs studiert sie in Hamburg Modedesign, aber das gibt sie auf und wird Malerin. Sophia öffnet mir die Augen für Malerei, durch sie lerne ich erst sehen. Bis heute gehen wir zusammen in Ausstellungen und Kunstmuseen, wobei mein Geschmack viel konservativer ist als ihrer. Ich mag figürliche Malerei, Bilder, die Geschichten erzählen. Ich mag Anthony van Dyke, Georges de la Tour, Lucian Freud, auch Max Beckmann.

1992-1995

Wir leben in Washington, ich bin Korres-pondent fürs ZDF. 1992 wird unser erstes Kind geboren, unsere Tochter Tallulah. Wir nennen sie nach der Schauspielerin Tallulah Bankhead. Die habe ich in dem Hitchcock-Film "Lifeboat" gesehen. Da spielt sie so eine weit gereiste, mit allen Wassern gewaschene Journalistin, die nichts rettet außer ihrer Reiseschreibmaschine und ihrem Diamantarmband. Fantastisch!

2000

Im Kino sehen wir "Alles über meine Mutter" von Pedro Almodóvar. Der letzte gute Film, an den ich mich erinnere, aber ich gehe auch nicht oft ins Kino. Generell kann man sagen: Ich bin der Mann, mit dem man gut Frauenfilme ansehen kann. Bei Actionszenen langweile ich mich sofort.

2002

Wenn ich in Berlin bin, kaufe ich im Kulturkaufhaus Dussmann für meine Tochter Platten. Sophie Ellis Bextor, Kylie Minogue, Pop eben. Für einen 42-Jährigen eher ein bisschen peinlich. Aber ich bringe sie ja Tallulah mit - und leihe sie mir dann für Partys wieder aus. Großer Vorteil des Kinderhabens!

2003

Im Moment lese ich drei Bücher auf einmal: Martin Suter, John van Düffel und ein katholisches Messbuch. Das habe ich geschenkt bekommen, denn ich bereite mich darauf vor, in die katholische Kirche einzutreten. Regelmäßig treffe ich mich mit einem alten Prälaten vom Mainzer Dom zum Gespräch. Eine ganz neue Geisteswelt ist das, und ich habe das Glück, so etwas wie einen Privatunterricht zu bekommen.

Steffen Seibert, 1960 in München geboren, moderiert seit Januar 2003 die "heute"-Nachrichten im ZDF. Mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt er in Wiesbaden.

Steffen Seibert Foto: ZDF BRIGITTE Kultur 1/2003
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