Terror-Nachbarn: Wir wollten doch nur wohnen!

Es war alles gut: die Lage super, die Miete bezahlbar, die Wohnung groß und schön. Dann kam der erste Brief. BRIGITTE-Mitarbeiter Martin Gaitner über die Zettelbeziehung zu seinen Hauswartsleuten.

"Bitte leeren Sie Ihre Müllbeutel aus, bevor Sie sie in den Ascheimer schütten. Es haben sich schon Mieter beschwert, die sahen, dass Sie die Beutel geschlossen entsorgten." Ich habe mich immer kleiner gefühlt, immer hässlicher, ja: ich habe den Hass kennen gelernt in diesem Haus. Großes Gefühl, großes Wort, man verbindet es eher mit Selbstmordattentätern oder schlechten Ehescheidungen. Zu melodramatisch, zu emotional für eine Hausgemeinschaft. Erst recht, wenn der Auslöser ein paar handgeschriebene Zettel sind, nicht mehr als vielleicht zwanzig in acht Jahren. Aber als wir den Müllbeutel- Zettel im Briefkasten fanden, knapp zwei Wochen nach unserem Einzug, war klar: Die Hauswartsleute hatten uns auf dem Kieker und würden uns fürderhin verfolgen mit einer Mischung aus Kleinlichkeit und Infamie. Müllbeutel ausleeren, bevor man sie einwirft: kleinlich. Anonyme und vermutlich fiktive Anschwärzer zitieren: infam. Vor allem aber: Das letzte Mal hatte mich jemand auf dem Kieker, als ich in der 9. Klasse war. Das war meine Chemie-Lehrerin.

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Das kindliche Gefühl, es nicht richtig machen zu können, war sofort wieder da, und das ist das Problem beim Nachbarschaftskonflikt: Im fortgeschrittenen Erwachsenenalter wird man infantilisiert, als ungezogenes Kind behandelt. Den eigenen Eltern mag man das an guten Tagen durchgehen lassen. Aber dem übellaunigen älteren Ehepaar aus dem vierten Stock? Wir reagierten, indem wir die Beutel leerten, bevor wir sie entsorgten.

"Leider musste ich heute in Ihre Wohnung. Die Hausverwaltung hat sich die Bäder + Küchen angesehen wegen der Wasserzähler, die jetzt Pflicht werden."

Beim Einzug hieß es: Und dann geben Sie uns einen Wohnungsschlüssel, zur Sicherheit, falls mal was ist. Warum nicht, es klang gutnachbarschaftlich. Wenig später der Zettel mit der nachträglichen Mitteilung über das unangekündigte Einbrechen in die Intimsphäre, er lag mitten in der Diele, als ich von der Arbeit kam. Ich dachte: Grundgesetz, Unverletzlichkeit der Wohnung. Ich dachte: Ich glaube, es hackt. Ich ging nach oben und ließ mir unseren Schlüssel zurückgeben.

Auf der nächsten Seite: Wer sich wehrt, lebt hier verkehrt

Später habe ich mich oft gefragt, ob das der Augenblick unseres endgültigen In-Verschiss-Geratens war. Wer sich wehrt, lebt hier verkehrt. Wer sich nicht wehrt, lebt aber andererseits überall falsch. Hätten wir nicht einfach mal vernünftig miteinander reden können? Manchmal ging das, dann fühlte ich mich gut, aber auch so, als sei ich ein Mustersohn, und das wollte ich auch nicht. Wenn man aber gegenhält, kommt es zu einem Kleinkrieg, den man nicht gewinnen kann. Weil Nachbarn unbezwingbare Gegner sind, ihre Macht wirkt in jenem Bereich, in dem man in Ruhe gelassen werden will, im Privaten. Wenn der Chef einen quält, wenn die Freunde einen enttäuschen, dann kann man immer noch nach Hause gehen. Und wenn der Nachbar einen piesackt? Wo soll man dann hin? Zu Hause ist man ja schon. Wir wollten doch nur wohnen.

"Kinderwagen im Treppenhaus angezündet: 4 Tote!" Oh, unser Kinderwagen. Die Hausverwaltung hatte nichts dagegen, dass er im Treppenhaus stand. Dann steckte ein Reißnagel im Reifen, Plattfuß, exakt die Sorte Reißnägel, mit der die Hauswartsfrau handgeschriebene Aushänge an der Wand befestigte (um 20 Uhr die Haustür abschließen, die Tür leise zuziehen, die Müllbeutel ausleeren . . . ). Auf einmal klebte die "Bild"-Schlagzeile über die Kinderwagen-Brandstiftung kommentarlos außen an unserem Briefkasten. Wir waren nicht nur laut und dreckig, wir waren potenzielle Mord-Verursacher.

Meine Frau hörte auf, die Hauswartsleute zu grüßen. Ich erging mich in Wutausbrüchen: Im Treppenhaus schrie ich die Hauswartsleute an und zitterte dabei, als ginge es um alles. Aber sie waren besser im Beleidigen, mehr auf den Punkt.

Wenn es hieß, unser Kind habe im Treppenhaus gekrümelt, brüllte ich Abstraktes, viel zu Diskursives wie "Zumutung" oder "diktatorisch", der Nachbar konterte anschaulich und präzise mit: "Sie sind Schmutzfinken!" Ich dachte: Sind wir nicht eine ganz normale kleine Familie, eher sogar Leute, die im Allgemeinen als ruhig und freundlich, möglicherweise sogar sauber gelten? Irgendwann stellst du dich selbst in Frage, und dann fängst du an, dich dafür zu hassen.

Auf der nächsten Seite: Du hasst deine Nachbarn, weil sie dich hassen

Irgendwann kündigten wir und dachten: endlich frei. Aber halt, nein, sie hatten meine Persönlichkeit so beschädigt, dass ich, schon in der neuen Wohnung, wirklich ein schlechtes Gewissen hatte, weil der Umzug Staub verursacht hatte auf der Treppe. Beim letzten Besuch in der alten Wohnung fand ich prompt einen Zettel: "Saugen Sie nach dem Auszug das Treppenhaus. Die Fußmatte ist Eigentum der Verwaltung und hat im Haus zu verbleiben."

Jetzt nicht zu saugen - das würde nur das Bild bestätigen, das sie von uns haben, es wäre ein Sieg für sie. Jetzt saugen - das hieße, ihrem Willen zu folgen. Selbst der Auszug wurde so zur perfekten No-win-Situation. Und die Fußmatte? Von der alten Wohnung aus rief ich meine Frau in der neuen an. "Die Fußmatte habe ich mitgenommen, um sie hier sauberzumachen", sagte meine Frau, gleichfalls längst deformiert. Weil die neue Wohnung nur eine Straße weiter ist und die Hausverwaltung unsere neue Adresse hatte, standen noch am selben Abend unsere alten Nachbarn vor unserer neuen Tür. Um die Fußmatte zurückzufordern.

Am Ende muss es unerträglich für sie gewesen sein, dass uns die Flucht geglückt war aus ihrer Einflusszone. Und das ist das Problem: Du hasst deine Nachbarn, weil sie dich hassen, und sie drücken Knöpfe bei dir, weil du welche bei ihnen drückst. Teufelskreis. Bleiben und kämpfen ist keine Alternative.

Andererseits haben wir uns mit allen anderen Mietern im Haus gut verstanden, einige sind Freunde geworden. Neulich waren wir mal wieder da, es war seltsam, vielleicht hat mein Herz geklopft. An der Wand im Treppenhaus hing ein neuer Zettel von den Hauswartsleuten. Erst wollte ich ihn ignorieren, er betraf mich ja nicht mehr, aber bevor wir gingen, lasen wir ihn doch. Anschließend verließen wir das Haus kichernd, wie Kinder, erleichtert und so gut wie frei. Aber die Tür haben wir aus alter Gewohnheit sehr leise zugezogen.

"Damit wir jetzt endlich wieder eine gute Hausgemeinschaft werden, laden wir alle Mieter zum Sommerfest im Garten hinterm Haus ein. Für Getränke wird gesorgt. Grillgut ist selbst mitzubringen. Um Anmeldung und zeitiges Erscheinen wird gebeten."

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Es geht auch anders: Nachbarn berichten über wunderbare Begegnungen

SUSANNE BSCHORR, 44, DAMENSCHNEIDERIN, & MANUELA KLEIN, 43, BANKANGESTELLTE

"Manuela hat mich ins Auto gepackt und ist mit mir in den Baumarkt gefahren"

In unserem Garten stand dieser Schuppen, vor Jahren von meinem Mann aus Sperrholzresten zusammengeschustert, das Dach undicht. Mein Mann sagte: "Jaja, da müssen wir dringend was machen. Morgen oder übermorgen." Aber er tat nichts. Und allein? Ich konnte nicht mal einen Bilderrahmen aufhängen. Dann zog Manuela ins Haus nebenan, mauerte und schraubte und nagelte. Als ich mich in einem Nebensatz über unseren Schuppen beklagte, zog sie einen Stift raus und scribbelte einen Plan: gehobeltes Fichtenholz, auf einer Seite eine Bambushecke. Am nächsten Tag fuhren wir in den Baumarkt. Zu kurze Pfosten, falsche Leisten - wir lachten viel und fuhren noch ein paarmal in diverse Baumärkte. Aber jetzt steht der neue Unterstand. Mit weißem Pultdach aus Leimholzbrettern - von mir festgeschraubt! Ein bisschen stolz bin ich schon. Nur der Boden gefällt mir noch nicht. Manuela meinte, sie fahre nächsten Samstag wieder in den Baumarkt. Pflastersteine kaufen, und überhaupt habe sie da noch zwei, drei andere Ideen . . .

YANNIK AMOOAH FLEMMING, 10, SCHÜLER, & URSULA SÖLCH, 79, RENTNERIN

"Frau Sölch backt die besten Pfannkuchen!"

Pfannkuchen sind mein Lieblingsessen. Und bei Frau Sölch gibt es die leckersten der Welt. Nach der Schule laufe ich zu ihr in den dritten Stock. Meine Mutter ist dann noch im Büro. Wenn die Tür aufgeht, steht Frau Sölch schon in ihrer Schürze da. Dann gehen wir in die Küche, und Frau Sölch gießt Öl in die Pfanne. Das ist besser als Butter, da bleiben die Pfannkuchen schön gelb und werden nicht braun. Sobald einer fertig ist, streiche ich Quittenmarmelade darauf, rolle ihn zusammen und beiße rein. Das fühlt sich auf der Zunge an, als würde der gebackene Teig schmelzen. Nach dem Essen ruhe ich mich auf dem Sofa aus. Ich schaue mir die Ölbilder an und die Fotos von Herrn Sölch. Der ist vor einem Jahr gestorben. Frau Sölch pflegte ihn zu Hause. Am Tag, bevor er starb, hatte er Lust auf Cola. Frau Sölch wollte aber bei ihm bleiben. Da bin ich losgegangen. Die Cola, die ich ihm brachte, war das Letzte, was er trank. Darüber reden wir manchmal nach dem Essen. Und dann sagt Frau Sölch, dass sie mir das nie vergessen wird.

Text: Martin Gaitner Fotos: Theresa Rundel Ein Artikel aus der BRIGITTE 17/08
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