Till Brönner: "Eigentlich bin ich Italiener"

Till Brönner ist Deutschlands bester Jazz-Trompeter. Und er hat Platten mit so unterschiedlichen Stars wie Hildegard Knef und den No Angels produziert.

1971

Okay, ich werde in Viersen am Niederrhein geboren, aber kurz danach gehen meine Eltern mit mir nach Italien. Sie sind beide Lehrer und haben die Chance, an der deutschen Schule in Rom zu arbeiten. Eigentlich bin ich Italiener. Ich glaube, das ist die glücklichste Zeit meines Lebens: die Farben, das Licht, die Wärme, leckeres Essen, die Herzlichkeit der Leute, all das habe ich noch in Erinnerung. Ich weiß heute, wie wichtig es für mich war, von Menschen geprägt zu werden, die Emotionen zulassen und ehrlichen Familiensinn leben.

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1976

Nach fünf Jahren gehen wir zurück nach Deutschland, ins Rheinland. Das ist für mich, den kleinen Italiener, ein Kulturschock - einerseits. Andererseits lege ich auch sofort den Schalter um. Nach unserer Rückkehr sagt meine Mutter am Flughafen etwas auf Italienisch zu mir - und ich antworte sofort auf Deutsch. Kinder sind da sehr pragmatisch. Mitte der Siebziger habe ich auch den ersten Kontakt mit Kultur - via Fernsehen und Kino. Zeichentrickfilme prägen mich, und die sehe ich auch heute noch am liebsten. Disney zum Beispiel. Oder den Rosaroten Panther, das war meine Bibel: Was da gereimt wurde, das war Eugen-Roth-mäßig. Dieser astreine Jazz, dieser trockene, hochwertige Humor - großartig.

1980

Zur Kommunion, da bin ich neun, bekomme ich meine erste Trompete. Damals gibt es im Fernsehen noch Shows wie "Am laufenden Band" oder "Musik ist Trumpf", in denen Bigbands spielen, von Max Greger über Paul Kuhn bis Heinrich Riethmüller. Und die Trompeten sitzen immer oben, mit diesen handlichen Revolvern in der Hand. Sieht jedenfalls so aus für mich. Diese Jungs sind für mich das, was für andere Kinder Cowboys sind, schätze ich - andere wollen Sheriff werden oder Lokomotivführer. Aber ich mag diesen Sound, den Stil. Ich bekomme bald einen Lehrer: Karl-Heinz Müller, Oberfeldwebel und Mitglied beim Stabsmusikkorps der Bundeswehr in Siegburg. Der kommt immer in Uniform bei mir an, um Unterricht zu geben, mit allen Rangabzeichen und sonstigem Lametta. Das beeindruckt mich mindestens so sehr wie die Bigband-Jungs, deshalb lerne ich immer sehr brav meine Lektionen... Dass ich schon als Kind auf Jazz abfahre, habe ich wohl meinen Eltern zu verdanken. Die sind noch Kinder der Fünfziger, erzogen mit einem recht klassischen musikalischen Background - mit Kirchenmusik zum Beispiel, aber auch mit gepflegtem, gut gemachtem Jazz, der in den Sechzigern sehr frisch war und durchaus zum guten Ton gehörte. Mein Vater hört sonntagmorgens immer eine Jazzsendung im WDR, moderiert von Charlie Wagner, "Swing und Balladen" heißt die, eine witzige Kombination. Die höre ich immer mit. Und im SWF kommt die "Swingtime", täglich um 19.30 Uhr, damals mit Dieter Zimmerle und Werner Wunderlich, ein wichtiger Radiomann. Später schenken mir meine Eltern auch Jazz-Platten und nehmen mich mit auf Konzerte: Mister Ackerbilk and The Pasadena Roof Orchestra, Chris Barber und so. Da darf ich auch hinter die Bühne und mir ein Autogramm abholen. Musiker, die freundlich auf Kinder zugehen und ihnen mal ihr Instrument geben, wissen gar nicht, was für eine unschätzbare Wirkung sie damit erzielen. Davon reden die noch nach vielen Jahren, wie man an mir sieht.

1981

Nach der Grundschule gehe ich auf ein katholisches Gymnasium. Das ist ’ne gute Zeit. Aber auch besonders. Zum Beispiel der Umgang mit Mädchen. Denen nähere ich mich eher vorsichtig. Dass die auch Kumpel sein können, ist alles andere als selbstverständlich. Mädchen sind damals immer potenzielle Flirtpartnerinnen, niemals einfach nur Klassenkameradinnen. Die Schule legt aber auch den Grundstock für das, wofür ich mich später interessiere. Das liegt an der Bigband, die es an dieser Schule gibt. Da komme ich an mit meiner Trompete und werde empfangen mit den Worten: "Na, komm, Kleiner, spiel einfach mal mit - am ersten Tag sitzt ein Ton, am zweiten sitzen schon zwei, das wird schon." Eine angenehm stressfreie Ausgangsposition für einen Nachwuchsmusiker.

1986

Auf meine Schule geht auch Stefan Raab, und der spielt mit mir in einer Schulband. Die spielen sakralen Pop - so was wie "Danke für diesen Guten Morgen". Das ist so langweilig, dass wir - Stefan am Schlagzeug, ich am Keyboard - das Ganze ein bisschen aufpeppen. Wir nennen uns "Schäng and the Gang" und nehmen sogar eine Platte auf. Die erscheint leider nie, aber Stefan und ich sind seitdem Freunde. Später gibt es noch eine andere Combo: die Bigband der Rheinischen Musikschule in Köln, geleitet von Jiggs Whigham, einem der besten Posaunisten der Welt. Ich fahre einmal in der Woche nach Köln, und das im zarten Alter von 13, 14 Jahren. Da lerne ich schon sehr gute, schwierige Arrangements kennen. Dank Whigham gehe ich nach dem Abitur nach Los Angeles. Dort wird der legendäre Bobby Shew einer meiner wichtigsten Lehrer - ein Mann, der mit Elvis Presley und Tom Jones gespielt hat und mich auf den Pfad führt. Mit 15 gewinne ich den Wettbewerb "Jugend jazzt", was schon was Besonderes ist, schließlich haben da auch Leute von 22, 23 mitgemacht. Es ist auch deshalb ein wichtiger Moment, weil ich zu jener Zeit beschließe, mich voll auf Jazz zu konzentrieren und aus der klassischen Musik auszusteigen. Nach dem Wettbewerb werden einige Orchester auf mich aufmerksam, und 1987 wird das Bundesjazzorchester gegründet, auf eine Anregung von Helmut Kohl. Peter Herbolzheimer leitet es, der ist bis heute so was wie der Bundesbeauftragte für Jazz. Ich darf vorspielen, obwohl ich eigentlich viel zu jung bin. Als ich fertig bin, schweigt Herbolzheimer. Dann knarzt er: "Sag mal, hast du ’nen Smoking?" Damit bin ich drin, parallel zur Schule und später zum Studium an der Musikhochschule in Köln.

1991

Wir sind mit Peter Herbolzheimer in Berlin, ein Auftritt mit Caterina Valente - und ich erfahre zufällig, dass die Radiobigband des Rias Berlin eine Trompeterstelle ausgeschrieben hat. Genau diese Kerle, die verantwortlich sind für das, was ich im Leben will! Ich rufe an und lasse mich, an allen Regularien vorbei, auf die Liste für das Vorspielen setzen. Ich bin der Letzte, ich bin der Jüngste - aber das Orchester will mich haben. Also gehe ich mit 20 Jahren nach Berlin, nabele mich von meinem alten Leben ab, um in der Band zu spielen, die meine Lust auf Trompete überhaupt geweckt hat. Acht Jahre bleibe ich beim Rias, mit unbefristetem Vertrag - ich bin angekommen. Es ist für mich eine Kombination aus Chance und der Möglichkeit, mich von zu Hause freizuschwimmen und Verantwortung für mich zu übernehmen. Ich lerne tolle Leute kennen. Ray Brown, Tony Bennett, Juliette Greco, Peter Alexander - das ist die große weite Welt für mich. Leute mit einer Riesenvita, von der sie auch zu erzählen haben.

1999

Ich arbeite an eigenen Projekten und merke, dass ich beim Bigband-Spielen nur noch andere Leute bediene. Das wird immer schmerzhafter, je mehr ich meine eigene Stimme wachsen spüre. Da muss man aufpassen, dass man nicht schlecht draufkommt - was mir leider passiert. Ich werde unkollegial, unvorbereitet und halte den Laden nicht gerade moralisch zusammen. Nach acht Jahren steige ich beim Rias aus, ein Job, den man normalerweise nicht freiwillig aufgibt. Aber das Klima in der Band ist für mich ohnehin etwas rau geworden. Ich habe meine Erfolge als Solist, mit eigenen Platten. Da ist wohl Reibung, die entsteht, wenn einer aus der Masse hervortritt, auch wenn die Masse bloß 18 Leute stark ist.

1999 bis 2000

Hildegard Knef lerne ich auf einer Party kennen. Plötzlich sitzen wir auf einer Zweier-Ledercouch und unterhalten uns - auf einer total netten, familiären Ebene. Das ist toll, schließlich gehört sie zu den Leuten, deren Leben ich mit allen Höhen und Tiefen über Jahre verfolgt hatte. Die Frau hat alles erlebt, ist zehnmal gestorben und wieder geboren worden, hat Millionen verdient und verloren, ist eine ganzheitliche Künstlerin. Die erzählt mir, dass sie einen Produzenten für eine neue Platte sucht. Hm, sage ich: Wenn ich mich mal an was probieren dürfte... Also schickt mir die Knef einen Text, den ich vertone. Sie hört es sich an, gesenkten Hauptes. Und dann sagt sie: "Na, das is’ ja fabelhaft. Wann können wir anfangen?" Daraus wird, in einer schönen und beeindruckend intensiven Arbeit, ihr Album "17 Millimeter", ihr Comeback nach 20 Jahren. Später sagt sie zu mir, dass sie für keine Platte ein so tolles Echo bekommen hat wie für diese. Im Jahr 2000 arbeite ich mit Manfred Krug. Der Mann hat einen guten Geschmack und eine sehr dezidierte Vorstellung, was er will. Deutsche Texte für Klassiker, das kann er wie kein anderer. "Schlafstörung" heißt die Platte, die mich tatsächlich so manche Nacht gekostet hat.

2004

Dass ich auch Soul mag, weniger puristischen Jazz, das habe ich schon vor längerer Zeit gemerkt. James Brown habe ich immer gern gehört, auch Earth, Wind & Fire. Dass Jazz immer ernst sein, der Künstler immer darben und elitär mit dem Rücken zum Publikum noch sein Instrument stimmen muss - das habe ich ohnehin nie verstanden. Ich habe immer wahnsinnig darunter gelitten, dass die Musik, die ich so liebe, von Leuten meiner Generation so ignoriert wurde. Bei aller Bescheidenheit: Ich glaube, ich habe da eine neue Ära eingeleitet. 1993 habe ich "Generations of Jazz" gemacht und prompt den Preis der deutschen Schallplattenkritik bekommen - übrigens mein einziger Preis bis jetzt. Da dachten die Jazzer auch noch, ich sei fahnentreu. Als ich dann versucht habe, Elemente zu mischen, meine Musik auch unterhaltsamer zu machen, bin ich angeeckt. Dabei finde ich, dass es dem Tiefgang nicht schadet, wenn er ein leichtes Element hat. Muss doch nicht immer anstrengend sein. Ich will den Jazz doch nicht verraten. Ich bin einfach, wie ich bin. Und das darf man in meiner Musik auch hören, egal ob es Jass ist oder was anderes. Musik war immer mein Kosmos. Klar habe ich immer gern Filme gesehen, ich bin ein Typ für Melodramen. Zum Lesen komme ich zu meinem eigenen Bedauern selten - immer wenn ich zur Zeit ein Buch in die Hand nehme, schlafe ich ein. Nicht etwa aus Desinteresse: Wenn ich mal Zeit für ein Buch habe, bricht sich sofort die Müdigkeit ihre Bahn. Ich habe keine Lieblingsautoren. Donna Leon, die lese ich gern. Und Biografien, die sind oft spannender als jeder Roman. Über Cary Grant habe ich neulich gelesen, über Miles Davis. Paolo Coelho dagegen muss ich nicht unbedingt haben. Warum verschenken Frauen den bloß immer? Ich mag Orgelmusik, dabei kann ich mich gut entspannen. Ich höre gern Lenny Kravitz und Frank Sinatra, Sammy Davis jr. und Tony Bennett - Jazz war mal die populärste Musik, heute ist er im Museum. Mir ist es egal, wenn mich die Puristen einen Yuppie-Jazzer nennen. Meine Message ist persönlich, die ist nicht zu werten. Ich arbeite wie ein Berserker, aber ich mache das, was ich liebe - der pure Luxus. Musik ist so besitzergreifend wie kaum etwas anderes, das macht Beziehungen schwierig. Trotzdem habe ich einen bürgerlichen Traum von Familie, meine Eltern sind immer noch zusammen - ein klassisches Familienleben hätte sicher einen guten Einfluss auf mich. Ich bin seit einem halben Jahr Vater. Und das hat alle Koordinaten verändert. Plötzlich bekommst du ganz nüchtern die Antwort darauf eingereicht, um was es geht im Leben. Der Kleine hat ein müdes Augenzwinkern für meine Probleme, und das ist auch richtig so.

Das ist Till Brönner

Immer der Erste. Immer der Jüngste. Immer wieder Wunderkind. Seit seinem 15. Lebensjahr gilt Till Brönner als das Ausnahmetalent des deutschen Jazz - mittlerweile ist er der größte, weil einzige Star dieses Genres hierzulande. Was daran liegt, dass er aussieht wie ein Popstar. Und weil er Grenzen überschreitet: Seit mehreren Jahren erweitert der Weltklasse-Trompeter seinen Jazz um Soul und Blues. Von Puristen mag er dafür angefeindet werden: Seine wachsende Fangemeinde liebt ihn dafür. Seine erste Platte "Generations of Jazz" nahm er 1993 auf, vor kurzem ist sein zehntes Album auf den Markt gekommen - "That Summer" (Universal Jazz). Daneben hat der 32-Jährige verschiedenste Künstler produziert, wie Hildegard Knef und die No Angels. Der gebürtige Rheinländer lebt seit 1991 in Berlin.

Tipp: Vom 29.11. bis 13.12. ist Till Brönner auf Deutschland-Tour. Mehr Infos unter www.karsten-jahnke.de

Till Brönner Foto: Karsten Jahnke BRIGITTE Kultur 2/2004
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