Tina Fey: Queen of Comedy

Die US-Komikerin Tina Fey, 38, ist die Königin eines neuen weiblichen Humors. Jetzt darf sie endlich auch in Deutschland zaubern - in "30 Rock".

Es gibt eine Menge Träume, die ein sechsjähriges Mädchen träumen kann, das den Großteil seiner Freizeit vor dem Fernseher verbringt, um sich amerikanische Sitcoms und britische Comedy-Serien anzusehen. "Ich möchte im Fernsehen sein!" ist so ein Traum. "Ich möchte in einem Film mitspielen!" auch. Aber doch niemals: "Ich hoffe, es gibt irgendwann eine Politikerin, die so aussieht wie ich!"

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Tina Fey aus Upper Darby, Pennsylvania, seit ihrer Kindheit mit dem gesamten Lacharsenal des englischsprachigen Raumes bewaffnet, wurde erwachsen und sah aus wie Sarah Palin. Dass ausgerechnet die schießwütige, erzkonservative Vizepräsidentschafts- Kandidatin John McCains der linksliberalen Ostküsten-Komödiantin den entscheidenden Karriereschub geben würde (eine Frau also, bei deren Wahlsieg Fey nach eigenen Angaben "diese Erde verlassen hätte") - damit hätte selbst die in der grotesken Situationskomik des Lebens geschulte 38-Jährige niemals gerechnet. Während des Präsidentschaftswahlkampfes schlüpfte sie in der US-Comedyshow "Saturday Night Live" mehrfach in die Rolle der Gouverneurin von Alaska. So täuschend echt, dass das "Time Magazine" schrieb, es sei schwer zu sagen, wo Tina Fey aufhöre und Sarah Palin anfange.

Die Parodie schrieb sich fast von selbst, Fey hielt Palins ohnehin absurde Reden zu weiten Teilen einfach noch mal und ergänzte sie lediglich um hinterhältige Sätze wie "Ich glaube daran, dass die Ehe eine heilige Institution zwischen zwei unwilligen Teenagern ist". "Saturday Night Live" verdoppelte damit im 34. Jahr seines Bestehens die Einschaltquote, Sarah Palin sah sich gezwungen, Autogrammkarten zu verteilen, auf denen "Ich bin nicht Tina Fey!" stand.

Jetzt, in dieser von Michelle Obamas Oberarmen dominierten Zeit, spricht in Amerika niemand mehr von Sarah Palin. Dafür aber über Tina Fey. Denn die Palin-Persiflage mag ihr internationale Bekanntheit verschafft haben - auf der Klaviatur ihres Talents aber ist sie nur ein einzelner Ton: Fünf Emmys und zwei Golden Globes hat Fey mittlerweile gewonnen, fürs Schreiben und fürs Spielen.

Sie war die jüngste Autorin, die jemals bei "Saturday Night Live" engagiert, und die erste Frau, die dort Chefautorin wurde. Sie hat die Drehbücher zu zwei erfolgreichen Kinofilmen verfasst und schreibt, produziert und spielt die Hauptrolle in ihrer eigenen brüllkomischen Comedy-Serie "30 Rock" (die erste Staffel ist bei uns gerade auf DVD erschienen). Die ist nach dem Sitz des US-Senders NBC am 30 Rockefeller Plaza in New York benannt und spielt hinter den Kulissen der fiktiven Sketch-Sendung "The Girlie Show".

Tina Fey ist Liz Lemon, die Chefautorin der Sendung, die nicht nur das Team bei Laune halten muss, sondern auch die beiden Stars der TV-Show, den durchgeknallten schwarzen Filmstar Tracy Jordan (Tracy Morgan) und die pompöse Jenna Maroney (Jane Krakowski, die "Gesichts-BH"-Elaine aus "Ally McBeal"). Dazu noch ihren Chef Jack Donaghy, einen ebenso machthungrigen wie gönnerhaften irischen Macho - eine Rolle, wie gemacht für den großartigen Mistkerl Alec Baldwin, der den Part seines Lebens spielt.

Liz Lemon ist die realistische Verkörperung einer hart arbeitenden Singlefrau in New York, die alle Hände voll zu tun hat, das Leben um ihre eigenen Neurosen herumzugruppieren. Ach, Single, New York, Neurosen? "Nein", sagt Tina Fey, "ich wollte, dass Liz Lemon das Gegenteil eines 'Sex and the City'-Charakters wird. Sie glaubt nicht an Wunscherfüllung."

Lemon hat keinen rechten Kleidergeschmack, reißt zotige Witze, wenn es sein muss, ist ein Workaholic und süchtig nach einer mexikanischen Käsekringelsorte namens "Sabor de Soledad" - Geschmack der Einsamkeit -, die so viel Östrogen enthält, dass sie Schwangerschaftstests verfälschen kann. Als sie einmal vor die Wahl gestellt wird, sich für ein (zugegeben sehr köstliches) Sandwich oder einen netten Mann zu entscheiden, wählt sie nach kurzem Zögern das Sandwich. Das wäre Carrie Bradshaw niemals passiert.

"Ich bin mit 'Mary Tyler Moore' großgeworden", sagt Fey. "Eine Sitcom über eine arbeitende Frau, deren Episoden sich nicht ausschließlich um Männer und Dates drehen, sondern in erster Linie um Bürofreundschaften und Beziehungen, was meinen eigenen Erfahrungen als Erwachsene weitaus mehr entspricht." Für "30 Rock" hat sie trotz aller nötiger Überspitzung eine strikte Regel aufgestellt: "Wir wollen sichergehen, dass alles, was wir mit Liz Lemon machen, richtig klingt, entweder für mich oder eine der anderen Frauen im Team." Das beschert "30 Rock" pragmatische Dialoge wie: "Und wie war der Sex?" - "Blitzschnell und nur samstags. Echt perfekt!"

Feys Humor ist nicht weniger anzüglich als der ihrer männlichen Kollegen, nicht weicher, nicht versöhnlicher. Überhaupt gebe es eine riesige Schnittmenge zwischen weiblichem und männlichem Humor, in dem komisch einfach komisch sei, glaubt sie. "Frauen fühlen sich allerdings eher von Charakterdetails und Einzelheiten angezogen, Männer von Geschrei und roboterbekämpfenden Bären." Sie schreibe gern über Frauen, nicht so sehr darüber, in welcher Beziehung sie mit Männern stehen, sondern wie sie miteinander in Beziehung stehen. Deshalb fliegen zwischen Liz Lemon und Jack Donaghy zwar die Funken - aber nicht in sexueller Hinsicht.

Eine weitgehend normale, intelligente Frauenfigur also, die eigenständig lustig sein darf, ohne eine totale Niete zu sein oder sich ausziehen zu müssen: Das hätte es in der von Männern und ihren Fantasien dominierten Comedy-Welt früher nicht gegeben. Tina Fey führt die große Riege von jungen Komödiantinnen wie Sarah Silverman oder Amy Poehler an, die nicht nur in Amerika die Erkenntnis ausgelöst hat, dass Frauen - hoppla! - doch lustig sein können. Und zwar nicht nur in komischen Rollen, die Männer ihnen geschrieben haben, sondern als ihre eigenen Materiallieferantinnen, als Autorinnen und Regisseurinnen in der harten Witze-Industrie.

In der cowboymüden Obama-Ära ist "witzig und schlau" plötzlich das neue "sexy". Der "New Yorker" kürte Tina Fey gleich mal zum "Sexsymbol jedes Mannes, der beim Lesen nicht die Lippen bewegt". Und ihre männlichen Fans können stundenlang von der untergründigen Erotik ihres Hornbrillengestells Marke "heiße Lehrerin" schwärmen.

Als intellektuelles Glamourgirl der Nation will Tina Fey aber nicht Vorbild sein. Ihrer vierjährigen Tochter Alice wünscht sie "eine Karriere als Profi-Footballerin und eine charakterbildende Pubertät mit einigen kraushaarigen, pickligen Jahren". Schließlich sei sie selbst den Großteil ihres Lebens ein mausiger "Supernerd" mit Übergewicht und grässlicher Frisur gewesen. Daraus schöpft sie bis heute ihren Humor. Auch privat sucht sie keinen Glamour, ihr Alltag sei "grenzwertig langweilig, aber auf die gute Art", sagt ihr Ehemann zufrieden, ein knubbeliger, herzlich unattraktiver Mann.

Er sei gut für ihren Charakter, sagt Fey, außerdem näht er, kocht und hält ihr den Rücken frei, solange sie Amerikas bebrillter Darling ist. Sie ist keine, die nach Schwierigkeiten sucht, um ihr Leben abenteuerlicher zu machen. Divenhaftes Rumgezicke ist nicht ihr Ding. Ihr Manager zweifelt nicht daran, dass sie seinem Assistenten auch mit hundert Emmys in der Tasche noch ungefragt einen Café latte mitbringen würde, wenn sie in seinem Büro vorbeikommt: "Sie sieht nicht auf die Welt und sagt: 'Gib mir das da!', sie passt sich an, krempelt die Ärmel hoch und macht sich an die Arbeit."

Auch das passt zum neuen Amerika: Wer etwas verändern will, muss anpacken und hart für den Erfolg arbeiten. Tina Fey macht keinen Hehl daraus, dass das für Frauen doppelt schwer ist, vor allem, wenn sie Karriere und Familie vereinen müssen. Das ist ihr Antrieb, das kann sie am besten: die Missstände anprangern und so lange Witze über sie machen, bis sie sich in ihrer Lächerlichkeit von selbst erledigen. So hielt sie es dann auch an ihrem ersten Arbeitstag nach der Babypause: "Ich musste zurückkommen. Bei NBC stehe ich unter Vertrag, das Baby und ich haben nur eine mündliche Vereinbarung."

Text: Andrea Benda Fotos: Ein Artikel aus der BRIGITTE 13/09
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