Tom Buhrow

Liebe Brigitte, warum werden Mozart und Co heute doppelt so schnell gespielt wie zu Lebzeiten?

Lieber Tom Buhrow, wir sagen es einfach mal ganz gerade heraus: Leider sind Sie - was diese Annahme angeht - völlig falsch getaktet. Denn weder Mozarts Opern noch Beethovens Symphonien, Schumanns Klavierkonzerte oder die Werke irgendeines anderen klassischen Komponisten werden heute doppelt so schnell gespielt wie früher. Aber, und das tröstet Sie vielleicht, man liest und hört diese Behauptung trotzdem immer wieder.

"Die allermeisten Musikwissenschaftler halten das für Unfug", sagt Hartmut Grimm, Professor an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin. Und erklärt den Irrglauben so: "Es gab in den 80er Jahren die These, Beethoven habe das Metronom anders interpretiert als wir heute." Dieser Komponist war nämlich einer der Ersten, die das normierte Taktgebegerät für eigene Tempo-Angaben verwendeten. Der Musikwissenschaftler Willem Retze Talsma war überzeugt, Beethoven habe erst in der Hin-und-Her-Bewegung des Zeigers eine Einheit gesehen, während Musiker heute schon jedes Ticken in eine Richtung als Taktschlag verstehen. Doch selbst wenn Talsma Recht gehabt hätte: Auf Mozart ließe sich die Metronomverwirrung ohnehin nicht übertragen. Der erlebte den Siegeszug des Taktmessers um 1816 nämlich gar nicht mehr. Doch falls heute seine Musik wirklich doppelt so schnell gespielt werden sollte - ein Glück! Auch für Sie als zweifachen Vater: Denn sonst würde eine Aufführung der gerade bei Kindern sehr beliebten Mozart-Oper "Die Zauberflöte" gute sechs Stunden dauern. Eine Zeitspanne, in der selbst erprobte kleine Opernfans irgendwann austicken würden. Mit oder ohne Metronom. Ihre BRIGITTE

Foto: Jens Boldt im Dorint Sofitel in Hamburg Text: Katja Michel BRIGITTE Heft 13/2007
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