"Gottschalk Live": Stückwerk in vier Akten

Keine Atempause, viele Werbepausen. Nach dem Auftakt seiner neuen Show "Gottschalk Live" steht fest: Thomas Gottschalk ist noch nicht in seinem Wohnzimmer angekommen.

"Aller Anfang ist schwer", schrieb Thomas Gottschalk nach seiner "Gottschalk Live"-Premiere im Facebook-Chat. Dabei war der Anfang eigentlich noch das Beste an der Show. Ein nur wenig nervös wirkender Gottschalk plauderte ohne Atempause drauf los - in seinem Wohnzimmer, wie das Studio heißt und aussieht. Gottschalks Bedürfnis zu erklären, was die Sendung sein will (zum Beispiel wahnsinnig interaktiv, weil social-media-aktiv) oder nicht will (ein Platz für Wörter wie Euro-Rettungsschirm oder Themen wie Wulff), war vielleicht ein bisschen zu groß. Und im Gespräch mit seiner Redaktion, die mit im Wohnzimmer saß und im Stil einer Spendengala auf milde Witzgaben zu warten schien, zeigte sich schnell wieder, was der Tommy noch nie gut konnte: zuhören. Trotzdem: Die Nummer mit der Jauchschen ARD-Standard-Krawatte oder die Klatschblatt-Geschichte über einen vermeintlichen Gottschalk-Cousin waren gelungen.

Danach zerfaserte die Sendung. Weil "Gottschalk Live" tagesaktuell sein möchte, aber ohne Euro und Wulff, griff Thomas für die Premiere zum bunten Tages-Thema, der Trennung von Heidi und Seal. Schließlich sei er es ja auch gewesen, der Heidi Klum in seiner damaligen Sendung entdeckt habe. Was er dann aber über das Ex-Traumpaar zu sagen hatte, war so offensichtliche Küchenpsychologie, die hätte man auch bedienen können, ohne Faschingspartys mit Heidi-Seal gefeiert zu haben.

Nun hatte Gast Bully Herbig was zu sagen, also, er hätte gern was gesagt, auch gern noch mehr, wurde aber wahlweise von dem begnadeten Nicht-Zuhörer Gottschalk oder den in sehr kurzen Abständen hintereinander geschalteten drei Werbeblöcken (dann doch lieber einmal richtig) unterbrochen. Die wurden auch noch so durch Musik angekündigt, dass man jedes Mal das Gefühl hatte: wie, schon Schluss jetzt, ohne Tschüss zu sagen? Nicht, dass man so scharf auf Bullys "Zettl"-Gerede gewesen wäre, aber so kann kein vernünftiges Gespräch zustande kommen. Wenn in der nächsten Sendung gleich zwei Talk-Gäste kommen, heißt das für die ARD dann sechs Werbeunterbrechungen?

Nach Show-Runde 1 steht jedenfalls fest: Thomas Gottschalk ist (noch) nicht in seinem Wohnzimmer angekommen. Bestimmt wird es ihm gelingen, sich zunehmend besser in den (Zeit)Rahmen von "Gottschalk Live" einzufügen. Aber wird dadurch auch das ungute Grundgefühl verschwinden, wozu man so eine Sendung eigentlich braucht? Ich bin skeptisch - und lasse die Tür zu Tommys Stube vorerst lieber mal geschlossen. Katharina Wantoch

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!