Warum Lena (trotzdem) zu Recht gewonnen hat

Egal, ob Sie vor dem Eurovision Song Contest Fan von Lena waren oder nicht: 7 Gründe, warum Lena (trotzdem) zu Recht der Star von Oslo geworden ist und den Eurovision Song Contest gewonnen hat.

Es hilft nichts, Lenas Sieg beim Eurovision Song Contest schön zu reden. Er ist es nämlich ganz von selbst: schön und ganz und gar zum Freuen. Wir sind wieder wer auf der internationalen Showbühne der Seifenblasen und Windmaschinen.

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Egal, ob Sie immer einen anderen Sender gesucht haben, wenn "Satellite" von Lena im Radio lief. Oder ob Sie schon nach der ersten "Unser Star für Oslo"-Ausgabe ein klitzekleines Bisschen verliebt waren in Lena Meyer-Landrut.

Freuen darf sich jeder. Und Lena hat den Sieg verdient. Zum Beispiel weil sie leise Heldin und Nervensäge gleichzeitig war. Sieben Gründe, warum Lena den Eurovision Song Contest zu Recht gewonnen hat:

1) Weil? Ganz einfach.

Das hat sich außer Lena fast keiner getraut: Lena hat sich ein schwarzes Kleid angezogen, auf die Bühne gestellt und gesungen. So einfach war die Geschichte. Da poppten keine Schmetterlingsflügel mitten im Song auf (gesehen bei Weißrussland), da glitzerte kein einziges LED-Lämpchen am Kleid wie bei Mitfavoritin Safura aus Aserbaidschan. Lena ließ sich nicht über die Bühne schleppen wie Sofia Nizharadze aus Georgien. Bei ihr bevölkerte weder ein Jüngling plus Vase die Bühne (Armenien), noch angsteinflößende Clowns (Spanien). Zu ähnlich wenig Tamtam hat sich sonst nur der ebenfalls weit vorne platzierte Belgier Tom Dice hinreißen lassen. Auch wenn Lena, zart wie sie ist, zwischendurch ein wenig im Pomp unterzugehen schien: Der Mut hat sich gelohnt. Wer als Mensch gut ankommt, muss sich nicht hinter Kostümen und Requisite verstecken.

2) Weil Lena nicht nervös war, sondern aufgeregt

Lena achtete wie oft vorher auch gestern sehr genau darauf, nicht so zu wirken wie ein ganz normales Durchschnitts-Castingshow-Mädchen. "Ich bin nicht nervös, ich bin aufgeregt", tat sie vor ihrem Auftritt in Oslo in der ARD kund. Ehrlich gesagt: So riesig ist der Unterschied zwischen diesen beiden Gemütszuständen gar nicht. Aber Lena ist oft das, was sie eben gerade nicht ist. Sie ist nicht alt, sie ist nicht durchschnittlich, sie ist nicht Bohlen, sie ist nicht Abba. Sie ist einfach Lena, ganz "individuell" und "authentisch". Die Worte sind beide ein bisschen schlimm. Aber das Gute ist: Wenn man möchte, kann man ihr das glauben. Und falls man dazu keine Lust hat, ist doch zumindest eins glaubwürdig: Sie hat einen wahnsinnigen Spaß daran, auf der Bühne zu stehen. Grund genug für den Sieg.

3) Weil ihr Song gewachsen ist

Es gibt zwei unterschiedliche Arten von Songs: "Grower" und Shower". An diesen beiden Vokabeln haben sich viele Journalisten orientiert, die über Lenas Chancen beim Eurovision Song Contest geschrieben haben. "Shower" gehen beim ersten Hören ins Ohr, sind ohne größere Komplikationen Hits, Hits, Hits. "Grower" brauchen mindestens ein zweites Hören, bis einen das Lied dazu gezwungen hat, es einfach nur zauberhaft zu finden. "Satellite" von Lena fällt - wie es die Presse will - in die Kategorie "Grower". Alle hatten ein bisschen Angst, dass kein "Bäcker aus Turku" - so beschrieb Kommentator Peter Urban gestern den Eurovisions-Zuschauer - schon nach einmal Hören für Lovely-Lena anruft. Hat aber funktioniert. Was nämlich alle vergessen hatten: Ein "Shower", von dem man glaubt, ihn schon mindestes 333 Mal gehört zu haben, langweilt einen Bäcker aus Turku auch. Von diesen Retorten-Hits gab es eine ganze Menge in Oslo zu hören. Abba und Police vermischte das dänische Duo, "Unsere Irene Cara für Oslo" war die albanische Interpretin, Irland klang, wie Irland gern mal klingt (sogar mit der gleichen Sängerin wie 1993). Wäre der englische Kandidat kein Mann gewesen, hätte man kurz meinen können, Kylie Minogue stünde auf der Bühne und es wäre 1988. Natürlich lässt sich auch für den Eurovision Song Contest kein Song neu erfinden. Aber trotzdem ein guter schreiben. Bei Twitter hieß es gestern: "Take this, Ralph Siegel!"

4) Weil Schneewittchen ein Happy End hat

Lena sieht aus wie Schneewittchen, in einem tschechischen Märchenfilm aus den 80ern wäre sie perfekt aufgehoben. Das wissen alle, und deshalb brauchen wir eigentlich auch nicht mehr darüber zu schreiben. Was allerdings bemerkenswert ist: Dass sie so lieblich und entzückend ist, hat bei vielen Journalisten in Europa zu einer Beißhemmung geführt. Keiner hat es übers Herz gebracht, sie schon vor dem Eurovision Song Contest mit vergifteten Äpfeln umzubringen. Zwar lästerten die Engländer wegen Lenas Pseudo-Cockney und der schwedische Fernsehkommentator spottete liebevoll, "Satellite" klinge wie ein Eröffnungssong für die Olympischen Spiele Anfang der 90er. Aber ein Schneewittchen möchte niemand schlagen. Und jeder wünscht sich für Märchen ein Happy End.

5) Weil sie genervt hat

Lena Meyer-Landrut und Stefan Raab - ob die sich eigentlich mögen, würden wir auch gern mal wissen. Auf jeden Fall haben sie etwas gemeinsam. Stefan Raab war ganz am Anfang seiner Karriere frisch und witzig. Dann fing er an zu nerven. "Jetzt auch noch Wok-WM!", "Jetzt auch noch Boxen", "Jetzt auch noch Schlag den Raab!" Nach dem Eurovision Song Contest wächst der Respekt vor seiner Cleverness. Wie Harald Martenstein im Tagesspiegel schrieb: Thomas Gottschalk wird nicht ewig weitermachen, Rudi Carell lebt nicht mehr. Das deutsche Fernsehen ist - Stefan Raab. In Lena waren viele Zuschauer von "Unser Star für Oslo" blitzverliebt, tippten die Hotline-Nummer mit ihrer Endziffer oft und öfter ins Telefon, damit sie wirklich nach Oslo fahren darf. Nachdem klar war, das klappt, fing Lena an, zu überall zu sein. Auf mehren Sendern gleichzeitig, egal ob Radio oder Fernsehen, in jedem Magazin und jeder Zeitung. Die armen Hannoveraner müssen erdulden, dass ihre Stadt plötzlich "Lena-City" heißt. Das musste sein. Ohne da zu sein, ist man nicht sichtbar. Sonst hätte es - wie bei Raab - mit dem Erfolg nicht geklappt.

6) Weil sie eben nicht zu sehr genervt hat

Ungefähr eine Woche nach ihrem ersten Auftritt bei "Unser Star für Oslo" hatte Lena etwa 6000 Fans bei Facebook. Heute sind es über 150.000. 75.000 Fans und Freunde kamen auf den Spielbudenplatz auf Sankt Pauli, auch um zu zeigen: Wir glauben daran, liebe Lena, dass wir mit dir eine Chance haben. Das zeigt, wie sehr Lena trotz aller Überpräsenz die Menschen für sich bewegt. Nicht nur die Quoten waren ähnlich wie bei einem WM-Spiel von Deutschland. Die Haltung gegenüber Lena erinnert sowieso an die Fußball-WM. Jeder weiß alles besser, kritisiert die Vorbereitung, verhöhnt weniger gelungene Auftritte - aber steht doch mit anderen Fans Seite an Seite, wenn ein wichtiges Spiel anliegt. Wenn es drauf ankommt, ist alle Kritik vergessen. Wünschen wir Jogi Löw, dass es für ihn und die deutschen Fußballer in Südafrika genau so läuft.

7) Weil sie eben doch genervt hat - wie sich das für eine Heldin gehört

Und trotzdem: Lena hat genervt. Helden müssen nerven. Allerspätestens in der sechsten Staffel von "Sex and the City" kommt einem Carries Liebe zu Schuhen doch ein bisschen arg übertrieben vor. Dass sich Meredith nicht einmal klar entscheiden kann, nervt in "Grey's Anatomy". Und selbst bei Schneewittchen überfällt einen zwischendurch Gereiztheit ob dieser dauerdödeligen Naivität. Helden müssen nerven. Denn einen Held macht aus, dass wir ganz genau wissen, was wir von ihm erwarten können. Deswegen ist er unser Held, aber das macht ihn auch vorhersehbar. Die Gefahr ist groß, dass er ein bisschen zu sehr so ist, wie wir ihn gern hätten. Dafür kann aber Lena nichts. Sie ist halt so, wie wir sie mögen. Es liegt eher an uns, wenn es uns zu viel wird. Also, liebe Lena Meyer-Landrut: Wir gratulieren von ganzem Herzen zum Erfolg!

Text: Inga Leister Fotos: Galetin / EBU
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