Was wurde aus Leo Monosson?

BRIGITTE-Mitarbeiter Daniel Gritz hat die bisher schwierigste Frage beantwortet, die uns in der Rubrik "Typberatung - Männer fragen BRIGITTE" gestellt wurde. Lesen Sie hier die umfassende Antwort zu dem, was Ulrich Tukur schon seit Jahren umtreibt.

Ulrich Tukur, Schauspieler und Musiker, fragt:"Was ist eigentlich aus dem beliebtesten Schlagersänger der Weimarer Zeit, Leo Monosson, geworden, nachdem er 1933 Deutschland verlassen hatte?"

Ulrich Tukur ist der Kopf der Band "Die Rhythmus Boys" und einer der bekanntesten deutschen Charakterdarsteller. Auch beim zehnjährigen Dienstjubiläum der Kommissarin Rosa Roth gehört er neben Iris Berben und Mario Adorf zu den Stars: Das ZDF feiert mit dem dreiteiligen Thriller "Rosa Roth - Der Tag wird kommen", 23., 25. und 28. April, jeweils 20.15 Uhr

Lieber Ulrich Tukur, Musiker, die zur Legende werden wollen, sterben entweder im Drogenrausch oder lassen sich erschießen. Sehr beliebt unter Künstlern ist auch ein Tod, wie man sich ihn über Leo Monosson erzählt: "Dem Sohn des Berliner Bankhauses Monosson & Levy lagen die Herzen aller Frauen von 17 bis 70 zu Füßen. Wenn Leo Monosson auf dem Dachgarten des Berliner KaDeWe sang ... dann waren die Damen nicht mehr zu halten", heißt es beispielsweise auf dem Album-Cover 'Dajos Bela und sein Tanzorchester'. Und weiter: "Leo Monosson starb 1976 im Alter von 80 Jahren völlig mittellos in einem Altersheim in New York." Das einzige, was daran stimmt, ist, dass Leo Monosson ein sehr gefragter Künstler war. Unter den Pseudonymen Leo Moll, Leo Emm, Leo Frey, Leo Frank, Leo Mossner und Leo(n) Monosson brachte er es auf über 1400 Schallplattenaufnahmen.

Mit Hits wie "Liebling, mein Herz lässt dich grüßen" hatte er auch Kurzauftritte in Filmen, zum Beispiel 1930 in "Die Drei von der Tankstelle". Über seine Herkunft und sein Leben jenseits der Mikrofone gab es aber bis jetzt keine bekannten schriftlichen Aufzeichnungen. Bis jetzt! Wir fragten an bei Schallplatten-Verlagen, dem Deutschen Musikarchiv, der GEMA, beim Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, bei der Deutschen Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen, an Unis und vielen weiteren Einrichtungen. Schließlich gab der Hamburger Historiker Holger Martens den entscheidenden Tipp: Für Hamburg würde er es beim Amt für Wiedergutmachung der Hamburger Sozialbehörde versuchen. Nun hat Monosson aber nicht in Hamburg, sondern in Berlin gelebt. Doch dort gibt es eine ähnliche Einrichtung. "Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Abteilung I - Entschädigungsbehörde" heißt die hier und so sieht sie auch aus. Von außen, als sei die Zeit in den 30er-Jahren stehen geblieben. Innen die Zimmer verdienen noch die Bezeichnung "Amtsstube": Kieferfurnier-Möbel und aktengefüllte Pappdeckel bis unter die Decke. Darunter auch tatsächlich die Akte von Leo Monosson! Deren Einsicht lohnt sich. Monosson hatte wegen seiner erzwungenen Emigration hier einen Antrag auf Entschädigung gestellt und musste dafür zahlreiche Dokumente einreichen. Unter anderem einen kurzen Lebenslauf, Urkunden über Monossons Heirat mit seiner zweiten Frau, eine Inventarbeschreibung seiner 7-Zimmer-Wohnung in der Helmstedter Straße in Berlin-Wilmersdorf, die er aufgeben musste, einen Fluchtbericht, Angaben über Monossons Vermächtnis und seine Sterbe-Urkunde. Danach ist Leo Monosson bereits 1967 gestorben mit 69 und nicht 1976 mit 80 Jahren. Und auch nicht in New York, sondern auf Jamaika. Da als Wohnhaft noch immer die gleiche Adresse in Ardsley, New York eingetragen ist wie 1952, als Monosson den Antrag auf Entschädigungsleistungen in Berlin stellen ließ, ist auch nicht davon auszugehen, dass Monosson bereits im Altenheim lebte.

Tja, und was ist mit dem "Berliner Bankierssohn"? Walter Weist aus Berlin ist Schellackplattensammler und gibt demnächst eine Diskographie über Leo Monosson heraus. Auf der Suche nach Monossons Herkunft ging Walter Weist alle Berliner Adressbücher ab 1882 durch. Ein Bankinhaber fand sich aber nicht darunter. Warum sollte auch ein Berliner Bankier seinen Sohn in Russland zur Welt kommen und dort zur Schule gehen lassen?

Aus den Monosson-Akten in der Berliner Entschädigungsbehörde geht nämlich weiter hervor: Leo Monosson wurde am 7. Dezember 1897 in Moskau geboren, wo er auch das Gymnasium absolvierte. 1918 flüchtete er nach Warschau, Paris und Wien, studierte Musik insbesondere Gesang. Ab 1923 lebte Monosson in Berlin und entwickelte seine Sänger-Karriere, verlieh Filmschauspielern, die nicht singen konnten, seine Stimme und trat schließlich selbst singend in Filmen auf. Als Monosson 1932 die 14 Jahre jüngere angehende Fotografin Stephanie Arnsdorff heiratete, war er bereits ein berühmter Sänger. Stephanie machte er später auch zur Alleinerbin. Aus der entsprechenden Urkunde ist weiter zu entnehmen, dass sie bereits seine zweite Frau war und dass es aus erster Ehe zwei Kinder gab. Den Musikverlagen war es nach der Machtergreifung der NSDAP verboten, ihn als Juden zu engagieren. Er sah sich gezwungen, nach Frankreich auszuwandern. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich ging es 1941 über Spanien weiter in die USA. Dort arbeitete Monosson als Angestellter. Seine berühmte Stimme aber war verstummt. Monosson erklärt dazu in seiner Akte: "Es gelang mir nach 1933 nie mehr, durch Gesang Geld zu verdienen. Meine Vortragsart war durch deutsche Kultur entwickelt und woanders fremdartig und unpopulär."

Lieber Ulrich Tukur, wir hoffen, dass wir Ihnen helfen konnten - und dass Sie und Ihre Band das Andenken von Leo Monosson lebendig halten. Ihre Brigitte

P.S. Und das sagt Ulrich Tukur zu dieser Geschichte: "Ich bin zutiefst beeindruckt von diesem Einsatz der BRIGITTE-Redaktion. Endlich hat jemand Licht ins Dunkel gebracht."

BRGITTE Heft 09/2007 Foto: Achim Kröpsch/roofmusic

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